Die Kette der Hotels zog sich vom Semmering über Toblach bis nach Abbazia

“Die Südbahn”: Historische Hotelarchitektur vom Semmering bis Opatija

Dienstag, 03. Juli 2018 | 04:05 Uhr

Es thront wie einer steinerner Gast oder Denkmal längst verblichener Grandezza hoch oben am Semmering: Das “Südbahnhotel”, das seit Jahrzehnten vor sich hinbröckelt. Doch ist es nur eines von mehreren seiner Spezies, die es entlang der ab Mitte des 19. Jahrhunderts erbauten Südbahnstrecke gab. Ihrer Architektur geht ein von Desiree Jasko-Juhasz gestaltetes Buch im Böhlau-Verlag auf den Grund.

Das Werk “Die Südbahn – Ihre Kurorte und Hotels” behandelt neben Wirtschafts- und Verkehrs- auch ein Stück österreichische Sozial- und Tourismusgeschichte. Immerhin besuchte eine internationale Gästeschar aus allen Teilen der Habsburgermonarchie die Hotelburgen entlang der damals neuen Bahnstrecke, deren Höhepunkt jener von Carl Ritter von Ghega konstruierte Teil über den Semmering ist, der zum UNESCO-Weltkulturerbe zählt.

Die Kette der Hotels zog sich von besagtem Semmering über Toblach in den Südtiroler Dolomiten bis nach Abbazia, dem heute kroatischen Kurort Opatija. Zudem liefert das Buch einen interessanten soziopolitischen Einblick in die Zeit des Fin de Siecle.

Das Südbahnhotel am Semmering beispielsweise erlebte seine Glanzzeit zu Beginn des 20. Jahrhunderts und war Treffepunkt vor allem der Wiener Gesellschaft. Neben Adel und Politik fanden sich auch zahlreiche Künstler und Schriftsteller ein, darunter prägende Persönlichkeiten wie Peter Altenberg, Stefan Zweig, Alma Mahler-Werfel, Sigmund Freud oder Robert Musil.

Mit der Machtergreifung der Nationalsozialisten 1938 begann der Niedergang des einstigen Ferienparadieses. Viele frühere Gäste kamen nach dem Krieg nicht mehr zurück – sie waren vertrieben oder ermordet worden. In den 1960er und 70er-Jahren gab es noch einen weniger elitären Schwanengesang. Dann fiel der letzte Vorhang auf dieser Bühne der feinen Gesellschaft

Die wissenschaftliche Bearbeitung der hier in einer überarbeiteten Edition vorgestellten residenzartigen Südbahnhotels ist insofern bedeutsam, da weltweit immer mehr großartige Hotelensembles der “Belle Epoque” zerstört werden. Um dem verwunschen-geisterhaften Südbahnhotel am Semmering dieses Schicksal zu ersparen, liefert die Autorin auch positive Beispiele aus anderen, ehemals mondänen Weltgegenden, wie alte Grand Hotels unter Berücksichtigung des Denkmalschutzes revitalisiert oder einer neuen Nutzung zugeführt werden konnten.

(S E R V I C E – Desiree Vasko-Juhesz: Die Südbahn – Ihre Kurorte und Hotels. Böhlau-Verlag, Wien, überarbeitete 2. Auflage 2018; 416 Seiten, 59 Euro. ISBN 978-3-205-20004-8.)

Von: apa

Bezirk: Pustertal