Lust am Experiment ist geblieben

Donaueschinger Musiktage als Versuchslabor

Montag, 17. Oktober 2016 | 10:29 Uhr

Ungewohnte Klangmischungen und gewagte Musikversuche, Klanginstallationen mit Licht- und anderen Effekten oder ein Laptopkonzert in der Tanzschule: Die Donaueschinger Musiktage haben sich 95 Jahre nach der Gründung ihre Lust am Experiment bewahrt. Die diesjährige Ausgabe des renommierten Musikfestivals, das am Sonntag zu Ende ging, präsentierte sich klangintensiv und versuchsfreudig.

Die Musiktage machten die Kleinstadt Donaueschingen im Schwarzwald, wie jedes Jahr im Oktober, drei Tage lang zum Zentrum Zeitgenössischer Musik. 1921 gegründet, gelten sie als das weltweit älteste und bedeutendste Festival für Neue Musik. Sie sind ein öffentlich zugängliches und gut hörbares Versuchslabor der Musik, ein Ort neuer Ideen. Diesem Anspruch wurden sie auch dieses Jahr gerecht.

Veranstaltet werden die Musiktage in Donaueschingen jährlich vom Südwestrundfunk (SWR). Auch in diesem Jahr kamen wie jedes Jahr etwa 10.000 Konzertbesucher. Mehr als 300 Künstler beteiligten sich an dem Programm, zu dem 17 Uraufführungen und vier erstmals gezeigte Klanginstallationen gehörten.

“Donaueschingen ist das Festival der Möglichkeiten”, sagte Björn Gottstein. Er hatte vor einem Jahr die Leitung des Festivals als Nachfolger des 2014 gestorbenen Armin Köhler übernommen. Mit dem diesjährigen Programm setzte Gottstein erste eigene Akzente und eine Modernisierung in Gang. Er öffnete die Musiktage neuen musikalischen Genres, Themen, Komponisten und Künstlern.

Vor einem Jahr, wie oft auch in Vorjahren, stand das Experimentieren von Musik und Technik im Vordergrund. Diesmal konzentrierte sich das Festival verstärkt auf die Musik selbst, auf den Kern des Klangs. Und wagte unter anderem künstlerische Versuche mit moderner Unterhaltungsmusik.

Ein Beispiel lieferte der österreichische Komponist Peter Ablinger. Er ging dem Phänomen des deutschen Schlagers der 60er und 70er Jahre nach. “Das Stück ist den Gedächtnissen einer ganzen Generation gewidmet” sagte der 57-Jährige. Schlagermusik, “das verführerische Konzept der musikalischen Sorglosigkeit”, habe sie geprägt.

Komponist Franck Bedrossian widmete sich in seinem Orchesterwerk “Twist” mit E-Gitarre und E-Piano der modernen Popmusik. Der experimentelle Techno-Künstler Curd Duca wagte ein Laptopkonzert und, wie in Donaueschingen üblich, moderne Präsentationsformen. Zu diesen griff auch Klaus Schedl, der in seinem Werk “Blutrausch” ein klassisches Orchester mit Elektronik mischte. Der ungarische Komponist Peter Eötvös untersuchte die Wirkung des mythischen Sirenengesangs. Und Georg Friedrich Haas schuf ein Konzert für Posaune und Orchester.

Sichtbar wurden in Donaueschingen die Klanginstallationen. Johannes S. Sistermanns zum Beispiel machte das örtliche Fußballstadion zur Arena seiner Kunst. Er schuf mit Technik und Effekten eine raumübergreifende Licht- und Klangwelt. Komponist Hannes Seidl präsentierte in der örtlichen Flüchtlingsunterkunft das Radioprojekt “Good Morning Deutschland”, das im Mai gestartet ist. In Flüchtlingsheimen in Frankfurt, Stuttgart und Donaueschingen gehen Asylsuchende öffentlichkeitswirksam auf Sendung – ein Projekt mit kulturellem Anspruch und gesellschaftlicher Botschaft.

Eine starke Rolle spielte das nach einer umstrittenen Fusion neu gebildete SWR Symphonieorchester. Es bestritt sechs Uraufführungen in Donaueschingen. Es wird auch künftig das tragende Ensemble bei dem Festival sein, erklärte der SWR. Die Vorbereitungen für die nächsten Festivaljahre haben bereits begonnen, sagte Leiter Gottstein. Die nächste Auflage der Donaueschinger Musiktage wird es im Oktober 2017 geben.

Von: APA/dpa

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