Doppeltes und Doppeldeutiges in Neuenfels' Deutung von Mozarts Werk

Doppeltes Blondchen: Neuenfels’ “Entführung” an Staatsoper

Dienstag, 13. Oktober 2020 | 11:25 Uhr

“Wie gut, dass wir zu zweit sind”, meint Pedrillo 1 zu Pedrillo 2, als man den korpulenteren der beiden Osmins von der Bühne hieven muss. Das gehöre nicht dazu, meint ein erzürnter Staatsoperngast. Mit Buhs und Bravos, mit doppeldeutigen Doppelgängern und 22 Jahre gereiften Neuerungen sowie mit dem strahlenden Debüt von Lisette Oropesa als Konstanze ist Hans Neuenfels’ Deutung von Mozarts “Entführung aus dem Serail” am Montag an die Wiener Staatsoper gekommen.

1998 hatte Neuenfels seine mit vielen Freiheiten in Text, Szene und Interpretation ausgestattete Fassung der “Entführung” in Stuttgart herausgebracht. Ein bisschen greller Slapstick, viel psychoanalytische Dekonstruktion Marke Singspiel und radikale Vieldeutigkeit machten die Inszenierung zum Aufreger, der bald als kultig galt. Dass das Bürsten gegen den Strich eine Halbwertszeit von mehr als zwei Jahrzehnten hat, wurde bei der Premiere der Staatsoperneinstudierung allerdings nur zum Teil bewiesen.

Neuenfels’ Konzept, Sprech- und Singpart auf zwei Darsteller pro Rolle zu verteilen und so das Kammerstück mit recht viel Personal zu füllen, hat hohe Intelligenz, und durch seine Eingriffe in den insgesamt stark beschnittenen Dialogtext auch viel Charme. “Sing, Konstanze, sing!”, ruft die Schauspielerin Emanuela von Frankenberg als Konstanze ihrem sängerischen Konterpart zu, wenn sie nicht mehr weiter weiß, und Lisette Oropesa hebt zur schönsten Arienerfüllung an. Damit gelingt nicht nur das Debüt der US-amerikanischen Sopranistin am Ring, sondern auch der Metakommentar auf die Musik an sich. Tröstend, liebend, aufputschend: Auch beim doppelten Blondchen aus Regula Mühlemann und Stella Roberts ist es Mühlemanns geschliffener Sopran, der selbstbewusst einschreitet, wenn es ans Eingemachte geht und der lüsterne Osmin in die Flucht zu schlagen ist.

Wer die Musik nicht hat, “weil er gar nicht singen kann”, der kann folglich nur verzweifeln. Sagt Bassa Selim, der Einzige, den es nur einmal gibt (Schauspieler Christian Nickel), am Ende. Und tröstet sich mit einem Gedicht von Eduard Mörike, was bei Teilen des Publikums kindischen Protest auslöst. Sich zu Erbosen, dass Neuenfels den Text des Singspiels umgeschrieben hat, wirkt freilich selbst fast schon komödiantisch und stellt dem Wirken der 22 Jahre alten Provokationen eine unverdiente Bescheinigung aus.

Denn der Zahn der Zeit hat anderswo an dieser Inszenierung durchaus genagt: Waren Opernsänger in Sprechrollen in puncto Artikulation und Darstellungspower traditionell oft ein ziemlicher Pain Point, ist das für eine neue Generation von Bühnenkünstlerinnen und -künstlern nicht mehr notwendigerweise der Fall. Eine Mühlemann, ein Daniel Behle (Belmonte), ein Michael Laurenz (Pedrillo) hätten das auch ohne Schauspielbegleitung hinbekommen. Und so hält sich der unbestrittene dynamische Mehrwert des schizoid aufgedoppelten Quartetts die Balance mit dem Umstand, dass es auch ein wenig nervt.

Im Quartett, wie in jeder “Entführung”, offenbart sich der Abend, offenbart sich auch die Besetzung. Hier schwingen sich Behle und Laurenz, im ersten Akt noch blass und mitunter leise, zu ihren besseren weiblichen Hälften auf und liefern eine mehr als solide Ensembleleistung ab. Hier gelingt es auch Antonello Manacorda am Pult, seine mitunter rastlosen Tempi und seine bestaunenswert schnörkellose Emphase mit der Bühne abzustimmen, keine Selbstverständlichkeit an diesem Abend.

Auf jeden Fall hat Wien nun wieder eine “Entführung”, nach langen 15 Jahren Pause, und die Produktion mit der ebenso schlichten wie mit verspielten Klecksen aufwartenden Bühne von Christian Schmidt ist, trotz und wegen der zahlreichen Buhrufe für den heute 79-jährigen Neuenfels, eine sichere Bank. Sie funktioniert, sie unterhält, sie irritiert, sie schmeichelt. Das wird man gesehen haben wollen.

Von: apa

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