Gründer und Leiter der Tiroler Festspiele Erl

Ein “Erlkönig” in jeder Hinsicht: Dirigent Gustav Kuhn wird 75

Dienstag, 25. August 2020 | 06:05 Uhr

Der Erlkönig ist bei Goethe eine ambivalente Figur – und er ist es auch in Person von Gustav Kuhn, dem langjährigen “Erlkönig”: Kuhn ist Dirigent, Regisseur, Komponist, promovierter Psychologe. Aber auch berüchtigter Despot, erklärter Genussmensch und bis 2018, als er über Belästigungsvorwürfe stürzte, absolutistischer Festivalleiter. Am Freitag (28. August) wird Gustav Kuhn 75 Jahre alt.

Das bleibende Vermächtnis des Impresarios sind die Tiroler Festspiele Erl nahe der deutschen Grenze, die Kuhn 1997 ins Leben gerufen hatte. Durch prominente Unterstützer, allen voran Unternehmer Hans Peter Haselsteiner, konnte er 2012 sogar ein eigenes Festspielhaus eröffnen. Regie führte der Dirigent hier meist selbst – im Sinne eines durch die Inszenierung möglichst wenig behelligten Opernerlebnisses. Auf diese Weise wurden nicht nur alle großen Wagner-Opern produziert, sondern auch der Marathon des “24-Stunden-Ring”. Das Erfolgskonzept wurde letztlich auch in einer Winterausgabe der Festspiele umgesetzt.

Bis das Jahre 2018 kam. Im Februar begann das, was alsbald unter dem Schlagwort “Causa Erl” firmierte: Der Tiroler Blogger Markus Wilhelm veröffentlichte Vorwürfe der sexuellen Belästigung und des Machtmissbrauchs gegen Kuhn. Nach Monaten des Hin und Her veröffentlichten schließlich fünf Künstlerinnen einen Offenen Brief, in dem sie dem Dirigenten “anhaltenden Machtmissbrauch und sexuelle Übergriffe” vorwarfen.

Kuhn bestritt die Vorwürfe, stellte im Sommer aber seine langjährige Funktion als künstlerischer Leiter der Festspiele bis zur vollständigen Klärung der Vorwürfe ruhend und legte im Oktober schließlich all seine Funktionen zurück. Zu einer Anklage gegen Gustav Kuhn kam es in Folge aber nicht. Im März 2020 stellte die Staatsanwaltschaft Innsbruck das Ermittlungsverfahren gegen ihn ein, da am Ende kein Vorfall übergeblieben sei, der strafbar, nicht verjährt und beweisbar gewesen wäre.

Was in jedem Falle bleibt, ist das unschöne Ende der Intendantenkarriere des am 28. August 1945 im steirischen Turrach geborenen Gustav Kuhn, der in Salzburg aufwuchs. Die Interessen des späteren Dirigenten waren dabei von Beginn weg vielseitig. Neben dem Dirigieren, das er bei Hans Swarowsky, Bruno Maderna und Herbert von Karajan studierte, schloss er auch Psychologie, Psychopathologie und Philosophie ab und schaffte es beim Segeln zum Weltmeistertitel.

Aber auch die Dirigentenlaufbahn nahm einen steilen Anstieg und führte Kuhn an internationale Orchesterpulte. Heuer feiert er nicht nur 75. Geburtstag, sondern auch 50 Jahr-Jubiläum als Dirigent: 1970 wurde der Chordirektor und Dirigent am Opernhaus in Istanbul, danach Erster Kapellmeister in Enschede und am Opernhaus Dortmund. Innerhalb weniger Jahre dirigierte er die Philharmoniker in Wien, Berlin, Israel oder London, an den großen Opernhäusern in Wien, München, London, Mailand oder Paris, bei den Festivals in Salzburg oder Glyndebourne. Als Generalmusikdirektor war er in Bonn, als Chefdirigent an der Oper in Rom und als künstlerischer Leiter in Neapel tätig.

Stromlinienförmig verlief Kuhns Karriere aber auch damals nicht, ließ sich das später noch schlagender werdende streitbare Außenseitertum bereits früh erahnen. 1985 überwarf er sich nicht nur mit Karajan, sondern machte mit einer höchst publikumswirksamen Ohrfeige für den Bonner Generalintendanten auf sich aufmerksam. Und auch in seiner Erler Zeit gab sich Kuhn gegenüber dem klassischen Musikbetrieb als Systemkritiker “verrotteter Strukturen” und als Anführer einer musikalischen Gegenelite, bei der sich die Schüler, Mitstreiter und Gleichgesinnte trotz niedrigster Gagen und despotischen Führungsstils um den Maestro scharten – ein Bild, das spätestens durch die Enthüllungen des Jahres 2018 Risse bekam.

Kuhn hatte sich stets als Förderer junger Talente positioniert und dafür 1992 seine seit dem Jahr 2000 im Kloster untergebrachte Lehrwerkstatt Accademia di Montegral bei Lucca gegründet. Ein ähnliches Ziel verfolgte auch der lange von ihm geleitete Wettbewerb “Neue Stimmen”. Ein Spielfeld war Kuhn eben nie genug. So leitete er bis 2012 auch die Südtiroler Festspiele in Toblach sowie das Haydn-Orchester von Bozen und Trient. Und bis 2015 war er Miteigentümer des Plattenlabels col legno mit Andreas Schett, dem Mastermind der Musicbanda Franui.

Daneben veröffentlichte Kuhn auch als Komponist Messen, Orchesterwerke und Solostücke sowie Bücher. Praktisches und Philosophisches über das Musizieren legte er sowohl in Buchform dar (“Aus Liebe zur Musik”, Henschel Verlag) wie als Gastgeber seiner barocken Tafelrunden. Seinen Geburtstag wird er in Lucca feiern. Viele seiner Schüler haben sich dazu angesagt, erzählte er der APA, darunter etwa der 25-jährige Steirer Patrick Hahn, ab 2021/22 in Wuppertal der jüngste Generalmusikdirektor des deutschsprachigen Raums. Dass vielversprechende Talente der neuen Generation weiterhin den Rat des “alten Narren” suchten, erfüllt diesen hörbar mit Stolz.

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz