"Schrebergarten" (1976): Paul Floras Version mit Dino

Ein Leben lang Zeichner: Albertina würdigt Paul Flora

Donnerstag, 28. Oktober 2021 | 13:30 Uhr

Er ist einer der wenigen Künstler, die sich ausschließlich auf die Zeichnung konzentriert haben – und dennoch ist das Werk von Paul Flora (1922-2009) äußerst facettenreich. Surreale Dachlandschaften, mysteriöse Gestalten, heitere Fantastereien und jede Menge Raben hat der Tiroler mit feinem Federstrich über sieben Jahrzehnte auf Hunderte Blätter gebannt. Anlässlich seines bevorstehenden 100. Geburtstags zeigt die Albertina ab Freitag eine Querschnitt dieses reichen Oeuvres.

Große Bekanntheit erlangte Flora eigentlich als politischer Karikaturist. Mehr als 3.000 humoristische Kommentare fertigte er etwa zwischen 1957 und 1971 für die deutsche Wochenzeitung “Die Zeit” an. Sie wurden von internationalen Blättern wie “The Times” oder “The Observer” übernommen. Für die Schau in der Albertina habe man sich aber bewusst ausschließlich auf das ebenfalls üppige Werk abseits der Karikaturen gestürzt, berichtete Kuratorin Antonia Hoerschelmann am Donnerstag im Rahmen einer Presseführung.

“Es gibt wenige Künstler, die sich nur dem Papier gewidmet haben”, strich sie das Besondere Floras hervor. Gut 100 im Großen und Ganzen chronologisch ausgestellte Arbeiten, die teils aus den hauseigenen Beständen, teils aus dem Besitz der Familie stammen, führen in die “dichte und intensive Welt” des gebürtigen Südtirolers, dessen Geburtstag sich 2022 zum 100. Mal jährt. “Schon in der Schule fiel sein großes Talent auf”, wies Hoerschelmann auf die ersten Arbeiten hin, die noch in Teenagerjahren entstanden. Diese frühen Zeichnungen – Straßenszenen, ein Maler, ein Fischer – wirken großteils noch wie schnell hingeworfene Skizzen. Aus fast abstrakten Geometrien schälen sich dank weniger feiner Striche – die Flora laut Erich Kästner “so zart und zärtlich aufs Papier” bringe, “als habe er Angst, ihm wehzutun” – gegenständliche Szenen wie fliegende Heißluftballons heraus.

Spätestens ab den 1960er-Jahren werden die Arbeiten fantasievoller und vielschichtiger. Ausgeprägtere Schraffuren verleihen den Architekturen und Figuren mehr Volumen und erlauben eine ausgeklügeltere Licht- und Schattenregie. Reizvoll sind etwa Floras Dachlandschaften auf riesigen Gebäudeblöcken, auf denen ein alpines Setting (schön zweideutig “Alp-Traumlandschaft” betitelt), ein Dinosaurier oder gleich ein “Säuferasyl” Platz finden. Unweit davon erinnern unheimliche, windschiefe Häuser, die an den später Alfred Kubin erinnern, mit dem Flora befreundet gewesen sei, wie die Kuratorin erklärte.

In vielen seiner späteren Zeichnungen ab den 1980er-Jahren hat sich Flora Venedig gewidmet, wobei er die Lagunenstadt nicht als Sehnsuchtsort vorstellt, sondern sie durch eine Art nebelig-melancholischen Schleier zeigt. Immer wieder spielt die Pest, die in den Jahren 1575/65 rund 50.000 Einwohner dahinraffte, eine Rolle. Aber auch hier darf feiner Humor nicht fehlen – etwa wenn in “Wagner, nächtlich in Venedig” der kaum zu sehende, aber trotzdem gleich erkennbare Komponist über eine Steinbrücke den Kanal überquert, “Marcel Proust im Café Florian” traurig aus dem Fenster schaut oder “Das große venezianische Rattenmeeting” ausgerufen wird. Groteske Heiterkeit versprühen die “Neunhundertsiebenundvierzig Chinesen vor der Chinesischen Mauer” oder die in Reih und Glied und im Stechschritt marschierende “Preußische Rabenparade”.

Diese oft für das Unheimliche stehenden Vögel haben es Flora übrigens Zeit seines Lebens angetan. In den letzten Schaffensjahren werden sie fast zu individuellen Charakteren, zeigen Gefühle, “werden alt und müde”, wie Hoerschelmann es ausdrückte.

Ermüdend ist die facettenreiche Retrospektive in der Albertina, die bis 30. Jänner läuft, keinesfalls. Wer sich dem Künstler dennoch lieber als Karikaturisten nähern oder sich ergänzend in dieses Spektrum seines Schaffens vertiefen möchte, hat ab dem 20. Februar 2022 in der Ausstellung “100 Jahre Paul Flora” im Karikaturmuseum Krems Gelegenheit dazu.

(S E R V I C E – “Paul Flora. Zeichnungen” in der Albertina, ab Freitag und bis 30. Jänner 2022, täglich 10 bis 18 Uhr, mittwochs und freitags bis 21 Uhr, Ausstellungskatalog 27,90 Euro, www.albertina.at)

Von: apa

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