Das Werk des Künstlers ist äußerst vielfältig

Ernst-Caramelle-Retrospektive im mumok

Mittwoch, 28. November 2018 | 14:08 Uhr

Wer an dieser Schnur zieht, wird überrascht: Im Wiener mumok führt Ernst Caramelle die Besucher an der Nase herum – aber auf äußerst charmante Weise. Im Rahmen der Retrospektive “Ein Résumé” ist u.a. eine zweiteilige Arbeit des gebürtigen Tiroler Künstlers zu sehen, bei der man zwar an der bereits erwähnten Schnur zieht, aber die darüber befindliche Glocke stumm bleibt. Klingeln tut es trotzdem.

“Es passiert nichts, aber man hört es – also öffnet sich der Raum”, kommentierte Caramelle mit sichtlicher Freude sein Werk, bei dem ein Seilsystem zwei Glocken in verschiedenen Räumen miteinander verbindet und so eine sehr eigenwillige Täuschung hervorruft. “Es geht hier um die Wahrnehmung”, betonte er im Rahmen einer Presseführung am Mittwoch und beschrieb damit auch sehr gut die weiteren, rund 350 Arbeiten, die von ihm und Kuratorin Sabine Folie für diese umfangreiche, aber klug inszenierte Präsentation ausgewählt wurden.

Es ist die erste große Retrospektive zum Werk des 1952 geborenen Künstlers, der 1976 mit seiner Multimediabox “Resümee” an der Hochschule für angewandte Kunst in Wien seinen Abschluss gemacht hat. Schon darin fand sich vieles, was bis heute für Caramelle von Bedeutung ist: 23 Blätter mit einfachen, aber pointierten Zeichnungen, oft ergänzt um Wortspiele, die schon mal die Hauptaufmerksamkeit auf sich ziehen. Zudem ein vierminütiges Video sowie eine halbstündige Audioarbeit auf Kassette, komplettiert von einer Flasche. Kommunikation in unterschiedlichster Form, sie war und ist essenzieller Bestandteil seines Oeuvres.

Dementsprechend oft begegnet man etwa einem Alter Ego Caramelles, dem “Tel”. Es fand bereits in seiner ersten Ausstellung in Wien in den 70ern Eingang, beispielsweise mit dem Satz “Tel is better than ephon”. Dieser subtile Witz, er durchzieht sein Werk bis heute, wird dabei aber nie platt oder bloßer Selbstzweck, sondern wirft den Betrachter auf sich selbst zurück und regt zum Grübeln an. “Er liebt den kleinen Auftritt, die kleine Form, und nicht die monumentale”, wusste Folie über den Künstler zu erzählen. Dabei darf es in “Ein Résumé” durchaus raumgreifend werden, hat Caramelle doch auch zwei Wandarbeiten extra für die Schau angefertigt.

Dass bei diesen Arbeiten oft ein zweiter Blick notwendig ist, unterstrich Folie ebenfalls. “Sein Werk ist nicht so leicht rezipierbar, obwohl es ästhetisch ansprechend und schön ist.” Dabei ist der spielerische Zugang zu Caramelle wohl der fruchtbarste, um auf diese Weise die darunterliegenden Mechanismen, Strukturen und Bedeutungen zu dechiffrieren. Teils bekommt man aber auch einfach Lust, sich an seinem Schaffen zu beteiligen, etwa bei der Installation “Video-Ping-Pong”. Oder man macht sich auf die Suche nach den Seepferdchen, einer weiteren Identität des Künstlers, die in vielen Arbeiten wiederkehrt. “Ich wollte von Anfang an jemand anderes sein. Und diese Tiere haben mich schon immer fasziniert”, erzählte er.

Und so hangelt man sich auf zwei Ebenen von Arbeiten, die mittels Form und Farbgebung Geometrie und teils architektonische Anwandlungen in die Malerei übersetzen, zu mit scheinbar leichter Hand ausgeführten Zeichnungen sowie Sprachspielen und Videoinstallationen. Oft beruhigt uns der Künstler, wenn er etwa zum Ende der Schau hin auf einem Blatt rät: “Nur keine Eskalation.” Aber gut, es war ja nur ein “Selbstgespräch”, wie die darunterliegende Notiz nahelegt. Oder die Besucher werfen einen Blick in seine Frankfurter Küche, in der er geloopte Tassen rhythmisch schwingen lässt.

Es ist eine große, mannigfaltige Welt, die sich bei Caramelle auftut. Nicht nur deshalb sei es “verwunderlich”, dass ihm noch nie eine umfassende Schau gewidmet wurde, wie mumok-Direktorin Karola Kraus eingangs bemerkte. Umso schöner, dass man nun tiefer in den Kosmos des vorwiegend in Frankfurt und New York lebenden Künstlers eintauchen kann. Immerhin schafft er es laut Folie, “komplexe Inhalte in ultraleichte Form” zu bringen. Auf diesem Weg sollte man ihm definitiv über die Schulter schauen. Gelegenheit dazu gibt es bis 28. April.

Zusätzlich zur Retrospektive widmet sich das mumok der Neoavantgarde. Kurator Rainer Fuchs will in dem Rahmen mit einem Gerücht aufräumen: “Und zwar, dass Malerei etwas ganz Bestimmtes ist, bei dem jeder weiß, worum es geht.” Zur Reflexion über Technik, Form und Struktur lädt das mumok zu der Schau “Malerei mit Kalkül”, die auf zwei Ebenen etliche Positionen der Neoavantgarde versammelt. Entstanden ist so ein sinnlicher Parcours, der ein optischer Genuss ist.

“Konzeptuelle Kunst und Malerei stellen nicht unbedingt einen Widerspruch dar”, so Fuchs zu Beginn seiner Erläuterungen. Mit einem Fokus auf die 60er und 70er, als Bild und Farbe für viele Protagonisten zum zentralen Thema wurden, wird mittels der oft großformatigen Arbeiten nicht nur die Physik der Utensilien ergründet, sondern auch das Verhältnis zum Raum selbst. Äußerst großzügig gehängt, um auch die volle Wirkung zu entfalten, kann man sich einlassen auf Arbeiten von Helen Frankenthaler, Kenneth Noland oder Ellsworth Kelly.

Was heute oft als selbstverständlich hingenommen wird, erscheint dabei in einem anderen Licht: Wenn Bilder über die Grenzen ihres Rahmens hinauswachsen, zu dreidimensionalen Gebilden werden oder ganz einfach aus einem abgegrenzten, lichtdurchfluteten Raum im Raum bestehen. Dies ist etwa bei James Turrells “Afrum II, Blue” der Fall – die Lichtinstallation ist in einer kleinen Nische so klug in Szene gesetzt, dass man sich in der blauen Farbe nicht nur verlieren kann, sondern geometrische Grenzen gleich vollends verschwinden. Hier gelingt der Blick ins Endlose.

Andernorts sind es einfach kräftige Rot- oder Orangetöne, die die Hoheit der Farbe ausrufen. Zudem wird eine Brücke geschlagen zur zeitgleich stattfindenden Retrospektive von Ernst Caramelle, der ebenfalls in “Malerei mit Kalkül” vertreten ist. “Wir bieten sozusagen den kunsthistorischen Kontext dazu”, so Fuchs. Ohnehin ist die österreichische Schlagseite nicht zu verachten, wird doch auch der Wiener Aktionismus einbezogen und ganz prinzipiell nach konzeptuellen Ansätzen hierzulande gesucht. Die wechselseitige Befruchtung der beiden großen Winter-Ausstellungen im mumok ist jedenfalls auf ganzer Linie geglückt.

Und damit noch nicht genug, gibt es auch in Sachen Friedrich Kiesler Neuigkeiten. Nachdem das Sammlerehepaar Gertraud und Dieter Bogner dem Haus im Vorjahr ein umfangreiches Konvolut zum österreichisch-amerikanischen Architekten und Künstler geschenkt hat, ist sein berühmtes “Endless House” nun im Untergeschoß ausgestellt. “Danke, dass ich es jetzt jeden Tag anschauen kann”, freute sich Dieter Bogner. Begleitet wird eines der Hauptwerk aus seinem Schaffen von einem kleinen, aber feinen historischen Abriss zum Werk Kieslers.

Von: apa

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