Güterwaggons als "bewegende" Spielstätte

“Es war bitterkalt” – Fluchtgeschichten im Güterwaggon

Donnerstag, 04. August 2016 | 08:39 Uhr

Die Theaterbesucher müssen Gleise überqueren, um zu ihren Plätzen in den Güterwaggons zu kommen. Die Türen werden verschlossen. Nur wenig Licht gelangt durch die Ritzen. In der Stille ist dann nur noch die Stimme der Schauspieler zu hören, die Fluchtgeschichten aus dem Zweiten Weltkrieg erzählen. Das mehrsprachige Doku-Stück “Flucht-Ucieczka” hatte am Mittwochabend in Frankfurt/Oder Premiere.

Schauspieler der niedersächsischen Theatergruppe “Das Letzte Kleinod” und des polnischen Theaters Gdynia Glowna touren zurzeit mit einem Zug durch Deutschland und Polen. Auf Bahnhofsgeländen koppeln sie die Güterwaggons ab – ihre Spielstätte. Bis zum 26. August ist das mehrsprachige Stück unter anderem noch in Berlin, Lüneburg, Hannover und Bremerhaven zu sehen. Vor der Deutschlandpremiere wurde das Stück schon an mehreren Orten in Polen aufgeführt. Im Nachbarland sprachen die Darsteller auf der Bühne überwiegend Polnisch und kaum Deutsch. Hier in Deutschland ist es umgekehrt.

Sechs Darsteller und zwei Musiker beleuchten in rund 70 Minuten mehrere Fluchtgeschichten vor und in den Waggons. Diese werden parallel erzählt. Es geht zum Beispiel um einen russischen Soldaten, dann wieder um ein polnisches Mädchen in einem Kinderheim. Die Geschichten basieren auf Gesprächen mit Zeitzeugen in Polen, Russland und Deutschland. Wie viel Fiktion ist dabei? Regisseur Jens-Erwin Siemssen (“Das Letzte Kleinod”) sagte vorab dazu: “null”. Alle Berichte hätten die Zeitzeugen so erzählt. “Die Interviews fanden oft unter Tränen statt.”

Da gibt es zum Beispiel die Geschichte eines Mädchens, dem die Mutter untersagt, sich mit den Kriegsgefangenen abzugeben. “Da hab’ ich dem einen einen Apfel zugesteckt – durch den Drahtzaun.” Es sind kleine Alltagsgeschichten mit Gefühlen und Hoffnung.

Das Ganze wird immer wieder harsch unterbrochen: Die Darsteller imitieren Flugzeuge, die über das Gelände fliegen. Vor Schreck ducken sich die anderen. Als die Zuschauer in den Waggons sitzen, wird von außen dagegengeschlagen. Dann gehen die Türen auf und es wird geschrien: “Aussteigen!” Die Dutzenden Zuschauer gehen von Waggon zu Waggon und hören dort die Schicksale. Es fallen in den Erzählungen Sätze wie “Das Schlimmste waren die Nächte, wenn die Frauen geholt wurden”, “Es war bitterkalt” oder “Wir hatten nur das, was wir anhatten”.

“Wir wollen nicht politisch erzählen, sondern den Alltag beleuchten”, erläuterte Siemssen. Nach der Premiere sind viele Zuschauer still. “Bewegend” und “beeindruckend” beschreiben einige das Gefühl, mitten im Geschehen zu sitzen. “Das nimmt einen mit”, sagt eine Frau.

In polnischen Medien wurde das Stück wegen der Darstellungsform als Dokumentar-Theater gelobt. Das verleihe dem Stück zusätzliche Qualität, schrieb etwa die Zeitung “Gazeta Wyborcza”.

Die seit den 1990er Jahren bestehende niedersächsische Theatergruppe “Das Letzte Kleinod” aus Schiffdorf spielt an ungewöhnlichen Orten – und plant schon das nächste Stück. Es drehe sich dabei um syrische Flüchtlinge in Deutschland, heißt es. Der Gruppe wurde Anfang des Jahres der Theaterpreis des Bundes verliehen.

Von: APA/dpa

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