Südtiroler Bariton-Shootingstar feiert am Sonntag Rollen- und Hausdebüt an der Wiener Staatsoper

“Eugen Onegin” – Andre Schuen: “Ich bin eher ein vorsichtiger Mensch”

Dienstag, 20. Oktober 2020 | 08:30 Uhr

Wien/Bozen – Das ist ein Einstand: Bariton-Shootingstar Andre Schuen (Jahrgang 1984) feiert am Sonntag sein Hausdebüt an der Wiener Staatsoper – mit einem Rollendebüt. Und das gleich mit der Titelpartie von Tschaikowskys “Eugen Onegin”. Damit krönt der Südtiroler, der von Neo-Direktor Bogdan Roscic auch ins Ensemble geholt wurde, ein außergewöhnliches Jahr seiner Karriere, das unter anderem seinen Einsatz in der “Cosi fan tutte” der Salzburger Festspiele beinhaltete.

Vor der Wiener Premiere der bereits 2006 am Bolschoi umjubelten Inszenierung des Moskauer Regisseurs Dmitri Tcherniakov beantwortete der Ladiner Schuen der APA die Frage, wie es ihm mit dem Russischen geht, warum er als Sängerdarsteller nicht künstlerisch entmündigt werden will und warum er in der Freizeit lieber Bass- oder Tenorarien singt.

APA: Sie haben Ihre Karriere als Ensemblemitglied in Graz begonnen, aber in den vergangenen Jahren eine steile Karriere als freischaffender Künstler eingeschlagen. Nun kehren Sie an der Staatsoper wieder ins Ensemble zurück. Hat Ihnen die Arbeit im “Team” gefehlt?

Andre Schuen: In meinen Augen ist Oper immer eine Teamarbeit. Ich glaube, am besten ist Oper immer dann, wenn die Darsteller das eigene Ego hinten anstellen und gemeinsam daran arbeiten, die Geschichte bestmöglich ans Publikum zu bringen.

APA: Und Sie werden klassisches Ensemblemitglied am Ring sein, oder ist Ihre Position eher als Artist in Residence angelegt?

Schuen: Ich werde in den nächsten zwei Jahren mit jeweils drei bzw. vier Rollen an der Staatsoper sein. Darüber hinaus gibt es weitere Ideen und Gespräche. Für mich war es von vornherein sehr wichtig, dass die Projekte genau fixiert sind, weil ich neben der Oper fast die gleiche Menge an Liederabende gebe. Um das weiterhin machen zu können, muss man einfach weit im Vorhinein planen. Wie das dann vertraglich definiert wird, ist für mich nicht so wichtig. Grundsätzlich bin ich gerne Ensemblemitglied.

APA: Bisher war in Wien immer das Theater an der Wien Ihr “Stammhaus”. Ist Ihr Engagement nun also der Abschied vom TaW?

Schuen: So würde ich das nicht sagen. Erstmal möchte ich noch sagen, dass ich dem TaW sehr dankbar bin für alles, was ich dort bis jetzt erleben durfte. Das waren unglaubliche Projekte. Ich denke, an einem Opernhaus zu singen, schließt ja nicht aus, am anderen aufzutreten. Aber jetzt gilt erstmal meine ganze Aufmerksamkeit den Partien an der Wiener Staatsoper. Ich freue mich schon sehr darauf und hoffe, dass ich am Haus sozusagen eine Heimat finde und sich eine lange, gute Zusammenarbeit entwickelt.

APA: Blicken wir auf “Eugen Onegin”: Sie stellen sich an der Staatsoper gleich mit einem Rollendebüt vor. Sie lieben Herausforderungen?

Schuen: Das hat sich eher so ergeben. Grundsätzlich hätte ich nichts dagegen gehabt, erstmal eine Partie zu singen, die ich schon oft gesungen habe. Ich bin vom Charakter her eher ein vorsichtiger Mensch. Aber das kann man sich nicht immer aussuchen. Und wann hat man als westeuropäischer Sänger die Möglichkeit, diese Partie mit einem fast vollständig russischen Team zu erarbeiten?

APA: Apropos: Sie sind ja eigentlich ein Grenzgänger zwischen dem deutschen Fach und der Italianita, was beinahe ein Markenzeichen von Ihnen ist. Wie nähern Sie sich da der russischen Diktion?

Schuen: Ich bin Südtiroler, dementsprechend liegen mir Deutsch und Italienisch als Opernsprachen sehr nah. Ich habe mich aber immer schon, auch schon während des Studiums, mit russischen Arien und Liedern beschäftigt. In der Oper habe ich schon den Fürsten Jeletzky in Tschaikowskys “Pique Dame” und eine Partie in Strawinskys “Nachtigall” gesungen. Sich eine russische Partie anzueignen, ist immer sehr viel Arbeit. Diktion, Phrasierung, Bedeutung des Textes, Subtext, die Erarbeitung all dessen ist sehr zeitintensiv. Dementsprechend habe ich schon sehr weit im Vorhinein mit der Arbeit begonnen. Ich habe diesmal auch nebenbei versucht, mir mindestens Grundkenntnisse in der Alltagssprache anzueignen. Das ist leichter gesagt als getan, aber ich glaube, ich habe durch den Versuch doch ein besseres Gefühl für die Sprache bekommen.

APA: Jetzt ist Onegin ja nicht direkt der Sympathieträger. Ist es für Sie von Relevanz, ob Sie zu einer Partie, einer Figur einen affirmativen Zugang haben? Oder spielen Sie auch gerne Antipoden?

Schuen: Für mich ist hier die Abwechslung sehr gut. Auch in den Partien, die ich an der Staatsoper singen werde, ist diese Balance da. Marcello und Papageno als Sympathieträger und Onegin und der Figaro-Graf auf der anderen Seite.

APA: Welche Bedeutung messen Sie generell dem Spiel im Falle der Oper bei?

Schuen: Natürlich eine absolut zentrale. Die Zeiten, wo man im Kostüm, an der Rampe stehend, gesungen hat, sind lange vorbei. Das macht manches für uns Opernsänger anspruchsvoller, aber ich denke auch wesentlich erfüllender und überzeugender.

APA: Sie waren bis dato auch immer stark im Bereich des Liedes engagiert. Ist das eine Stimmschule als Vorbereitung für die Oper, oder sind dies für Sie zwei gänzlich getrennte Bereiche?

Schuen: Die beiden Bereiche ergänzen sich für mich sehr gut und bereichern sich gegenseitig. Aber das Lied als Stimmschule für die Oper zu sehen, wäre für mich sehr kurzsichtig. Die beiden Bereiche sind bei mir absolut gleichwertig.

APA: Im Lied sind Sie – gemeinsam mit Ihrem Pianisten – der Regisseur des Abends. Wie geht es Ihnen da im Vergleich mit der Oper, in der Sie im Verhältnis der reproduzierende Künstler sind?

Schuen: Das ist tatsächlich etwas, woran ich mich immer wieder gewöhnen muss. Ich genieße es sehr, im Lied eigenständig zu arbeiten und zu entscheiden. In der Oper wird einem viel mehr gesagt, was man zu tun hat. Bis zu einem gewissen Grad ist das natürlich verständlich und notwendig. Es muss schließlich jemand für Kohärenz sorgen. Trotzdem ist es meiner Meinung nach sehr wichtig, dass wir als Sängerdarsteller nicht künstlerisch entmündigt werden.

APA: Ist eigentlich der Bariton Ihr liebstes Stimmfach? Oder wäre beispielsweise der Tenor ihre präferierte Lage?

Schuen: Die Stimmlage sucht man sich eben nicht aus, das ist sozusagen eine körperliche Gegebenheit. Ich bin mit meinem Stimmfach sehr glücklich. Ich kann damit ein sehr breitgefächertes Repertoire bedienen. Aber in meiner Freizeit zuhause singe ich fast mehr Bass- und auch Tenorarien, einfach so zum Spaß. Ich denke, wenn man das spielerisch macht und nicht übertreibt, ist das eine gute Möglichkeit, die Stimme flexibel zu halten.

APA: Zum Abschluss ein Thema, um das man derzeit in der Kulturwelt nicht herumkommt: Haben Sie Befürchtungen, dass die Klassikinstitutionen in Folge der Coronazeit irreparablen Schaden nehmen werden?

Schuen: Ich denke, die Gefahr ist tatsächlich gegeben. Die Coronakrise zeigt sehr deutlich, dass man als Künstler, vor allem als freischaffender, nur sehr schlecht abgesichert ist. Das sollte sich unbedingt ändern. Auch die Befürchtung, dass einige Institutionen und Veranstalter es nicht überleben werden, ist real. Meine Hoffnung ist, dass es mit dem Impfstoff und der Normalisierung doch etwas schneller geht, und der Schaden sozusagen minimiert werden kann. Je länger die Krise andauert, desto schwerwiegender werden die Folgen für die Kulturbranche, so wie für fast alle anderen Branchen auch.

(Die Fragen stellte Martin Fichter-Wöß/APA)

Von: apa

Bezirk: Bozen