EURAC und Südtiroler Naturmuseum machen Matschertal zum Forschertreffpunkt

Montag, 27. Juni 2016 | 18:53 Uhr

Matsch/Mals – Das Matschertal im Obervinschgau ist für die Forschung besonders interessant: Der Vinschgau und damit auch Matsch zählen zu den trockensten Gebieten des Alpenraumes. Betrachtet man die absehbaren Folgen des Klimawandels, zeigt sich im Matschertal bereits heute, womit auch in anderen Gebieten in Zukunft gerechnet werden muss. Gleichzeitig vereint es mit Zirben- und Lärchenwäldern, sowie mit Weiden und Mähwiesen verschiedene Lebensräume von Pflanzen und Tieren in einem Tal, die auch für andere alpine Bergregionen typisch sind. Die EURAC und das Südtiroler Naturmuseum haben in diesen Tagen Biologen, Zoologen und Ökologen aus dem In- und Ausland nach Matsch geholt. Auftakt war der Tag der Artenvielfalt, im Anschluss daran startete eine Forschungswoche, in der Experten das Matschertal noch bis Donnerstag nach Tier- und Pflanzenarten durchforsten und diese bestimmen. Über die Bestandsaufnahme hinaus gehen sie der Frage nach, wie sich verschiedene klimatische Bedingungen und die menschliche Landnutzung auf die Artenvielfalt auswirken.

Tag der Artenvielfalt – Ein Neufund für Südtirol

Es gab einen Neufund für Südtirol, den Zarten Frauenmantel (Alchemilla tenuis), entdeckt von Georg Aichner. Über 80 Fachleute folgten der Einladung des Naturmuseums Südtirol zum 17. Tag der Artenvielfalt am 25. Juni 2016. Sie stellten insgesamt an die 900 Arten im Untersuchungsgebiet Matscher Tal fest, ausgewiesen zwischen den Weilern Sass und Tumpaschin. Das erste Ergebnis präsentierten die Forschungsgruppen am Samstag Abend im Kulturhaus Matsch. Die Botaniker konnten den Nordischen Drachenkopf (Dracocephalum ruyschiana), das Gefleckte Ferkelkraut (Hypochaeris maculata), die Paradieslilie (Paradisea liliastrum) für Matsch nach wie vor nachweisen. Je intensiver die Bergwiesen bewirtschaftet werden, desto seltener werden diese Pflanzen unweigerlich, aber auch das Brachfallen der Wiesen bedeutet für diese Arten über kurz oder lang den Rückgang im Tal bis auf einige natürlicherweise waldfreie Stellen. Insgesamt ließen sich 500 Arten an Gefäßpflanzen nachweisen.

Gewitter und Regenguss gegen drei Uhr Nachmittag unterbrachen die Arbeit. Bis dahin hatten die Experten für Moose 70 Arten gefunden, durch die hohe Luftfeuchtigkeit fanden sie die winzigen Rosetten von Polytrichum piliferum offen. Zwischen 1.700 und 1.800 Höhenmetern ist in dieser Jahreszeit an Pilzen keine Vielfalt zu erwarten. Festgestellt wurden der schwarzsporige Panaeolus caligatus, der sich auf Kuhdung entwickelt, und Mycena arcangeliana auf Erlenholz. Der Verwandte des Gemeinen Stockschwämmchens ist auch nicht alltäglich, Kuehneromyces lignicola, muss aber noch am Mikroskop bestätigt werden. Die Auswertung der Kieselalgen beginnt erst. An großen Wirbellosen stellten die Fachleute im Oberlauf des Saldurbachs eine artenreiche Fauna fest (22 Arten): Steinfliegen, Eintagsfliegen, Köcherfliegen, usw. Im Unterlauf Richtung Schluderns fanden sie weniger Vielfalt (11 Taxa). Auch bei den Bodenlebewesen gibt es erst Schätzungen, die Proben werden im Labor ausgewertet, wahrscheinlich sind es 120 Arten an Hornmilben. Für die Forscher sind die Arten in Matsch spannend, da diese Tiergruppe aus den südlichen Alpen wenig bekannt ist. In Südtirol kennen die Spinnenexperten heute an die 830 Arten, in Matsch fanden sie ca. 50 Arten, Zebraspringspinne (Salticus scenicus) oder Goldaugenspringspinne (Philaeus chrysops) konnten sie schon sicher nachweisen.

An Heuschrecken ist die Zweipunkt-Dornschrecke (Tetrix bipunctata) belegt. Dieses Jahr waren die Schmetterlingskundigen nur am Tag unterwegs, sie zählten 30 Arten, darunter 27 Tagfalter. Baumweißling (Aporia crataegi) und Bergweißling (Pieris prioniae), Apollofalter (Parnassius apollo) und der Thymian-Ameisenbläuling (Phengaris arion) sind in Matsch an den Untersuchungsstandorten vorhanden. Die in den Ostenalpen sehr seltene Kerbameise Formica foreli ist bestätigt, ebenfalls ein Neufund für Südtirol. Kurzflügelkäfer könnten mit 400 bis 500 Arten vertreten sein, gestern erhoben die Entomologen 30 Arten. Amphibien und Reptilien waren sehr rar. Vom Dorf Matsch bis ins Untersuchungsgebiet stellten die Vogelexperten 51 Arten fest. Die Wiesenvögel Neuntöter und Braunkehlchen sind nach wie vor vorhanden. Da Braunkehlchen am Boden brüten, leiden die Bestände an der maschinellen Bearbeitung der Wiesen. Positiv für den Erhalt der Singvögel sind die Hecken und Wiesen im Matscher Tal. Wie für alle Gruppen gilt auch für die Vögel: An einem Tag lassen sich nicht alle Arten finden, die zu erwarten sind.

Zum ersten Mal organisierte das Naturmuseum Südtirol ein Tagesprogramm für Kinder, Eltern und interessierte Erwachsene rund um die Themen Arten, Artenvielfalt und Artenschwund.

Forschungswoche: Daten für globale ökologische Langzeitforschung

Für die Forschungswoche hat die EURAC Experten aus Österreich, Schweiz, Deutschland, Italien sowie Forscherkollegen vom Südtiroler Naturmuseum ins Matschertal eingeladen. Die insgesamt 30 Biologen, Zoologen und Ökologen untersuchen die Artenvielfalt von Insekten, Spinnentieren, Schlangen und Amphibien, sowie von Gefäßpflanzen, Moosen und Flechten an ausgewählten Standorten im Tal, die unterschiedliche Lebensräume auf verschiedenen Meereshöhen repräsentieren: Trockenweiden, Mähwiesen, Lärchenwälder, Zirbenwälder sowie den Saldurbach. Neben den Tier- und Pflanzengruppen erfassen sie gleichzeitig die verschiedenen Charakteristiken der jeweiligen Erhebungsorte wie zum Beispiel die Temperatur, Bodenfeuchte oder Sonneneinstrahlung. Ziel ist es zu verstehen, wie klimatische Veränderungen und das Eingreifen des Menschen in Form von landwirtschaftlicher Nutzung die Artenvielfalt im Alpenraum beeinflussen.

So sind die kleinsten Lebewesen, die die Forscher in dieser Woche einfangen, wenige Millimeter große Milben. Samt Streu werden sie an die biologische Fakultät der Universität Innsbruck gebracht, wo die Wissenschaftler sie dann eingehend untersuchen und bestimmen. Spinnen, Käfer und andere Insekten, die in die von den Forschern ausgelegten Becherfallen krabbeln, werden gleich vor Ort untersucht. Eigens für die Forschungswoche haben die EURAC-Forscher im Matschertal ein vorübergehendes Labor mit Mikroskopen, Lupen und Bestimmungsliteratur eingerichtet, um die eingefangenen Tiere und gesammelten Pflanzen genau ermitteln zu können. „Wir wollen in dieser Woche nicht nur eine Inventur im Matschertal vornehmen, sondern auch erklären, wie Standortsparameter mit Artenvielfalt zusammenhängen“, erklärt die EURAC-Biologin Ulrike Tappeiner. „Das Besondere am Matschertal ist, dass wir hier auf engem Raum viele verschiedene Lebensräume mit entsprechendem Mikroklima erforschen können: Wir haben von 1000 bis 3700 Metern Höhe alle typischen Höhenstufen einer Bergregion. Gleichzeitig haben wir landwirtschaftlich genutzte und bewässerte Flächen neben trockenen Wiesen, Lärchen- und Zirbenwäldern, sowie einen Gletscher, dem auch die Weißkugel angehört, und den daraus abfließenden Saldurbach“, so Tappeiner. Die EURAC erforscht bereits seit mehreren Jahren die Folgen des Klimawandels im Matschertal. Unter anderem haben die Forscher 17 Klimamessstationen im ganzen Tal installiert, die fortlaufend Werte wie Temperatur, Niederschlagsmenge oder Wind messen. Die Forschungsarbeit der EURAC mit lückenlosen und umfassenden Datenreihen war auch ausschlaggebend, dass das Tal als Beobachtungsgebiet in das renommierte internationale Netzwerk für langfristige ökologische Forschung LTER aufgenommen wurde. „Für die globale Datenbank brauchen wir nicht nur fortlaufende klimatische Messdaten, sondern auch Erhebungen, die wir selbst vor Ort im Feld vornehmen – ein aufwendiges Unterfangen, das wir in dieser Forschungswoche angehen“, sagt Tappeiner.

Mit den Ergebnissen rechnen die EURAC-Forscher im Herbst dieses Jahres. Die in der Forschungswoche erhobenen Daten fließen auch in die Datenbanken des Naturmuseums Südtirol und des LTER-Forschungsnetzwerks ein und werden somit für Wissenschaftler weltweit zugänglich und vergleichbar.

Kontakte:

EURAC – Laura Defranceschi, laura.defranceschi@eurac.edu, Tel. 0471 055 037

Naturmuseum Südtirol – Thomas.Wilhalm@naturmuseum.it, Tel. 349 5644742

Von: ©ka