Über 40 Jahre herrschten Terror und Gewalt im Baskenland

Filmfestival San Sebastian zeigt “Karte globaler Gewalt”

Mittwoch, 21. September 2016 | 10:36 Uhr

Selten standen Gewalt, bewaffnete Konflikte und Genozide so im Zentrum eines Filmfestivals wie derzeit auf dem 64. Internationalen Filmfestival in San Sebastian. Mit 32 Filmen beschäftigt sich die groß angelegte Retrospektive “The Act of Killing” im Rahmen des aktuellen EU-Kulturhauptstadtprogramms von San Sebastian mit dem Thema Kino, Gewalt und internationale Konflikte.

Über 40 Jahre herrschten Terror und Gewalt im Baskenland. Besonders blutrünstig schlug die Separatistengruppe ETA im Kampf für die politische Unabhängigkeit der nordspanischen Region in San Sebastian zu. Vor fünf Jahren legte die Bande endlich die Waffen nieder. Doch die Gräben und Wunden, die der ETA-Terror in der Gesellschaft hinterließ, sind immer noch da. Aus diesem Grund stellte San Sebastian sein EU-Kulturhauptstadtjahr unter das Motto “Kultur für ein besseres Zusammenleben”.

Doch welche Rolle kann dabei das Kino dabei einnehmen? “Durch unsere künstlerische Freiheit können wir Filmemacher die Menschen wachrütteln, ihnen sogar Lösungsvorschläge geben, einen Konflikt zu überwinden”, erklärt der spanische Regisseur Julio Medem im APA-Gespräch. Medem selber zeigte filmisch, wie dies geht.

2003 brachte er seinen Dokumentarfilm “La pelota vasca” über den ETA-Konflikt heraus. Der Film, der heuer in der Festival-Retrospektive gezeigt wird, erntete damals harte Kritik und führte zu einer landesweiten Polemik, da Medem zum ersten Mal nicht nur die ETA-Opfer und Politiker zu Wort kommen ließ, sondern auch ETA-Sympathisanten, ehemalige ETA-Häftlinge und ihre Familien.

“Auf der Premiere in Madrid beschimpfte man mich damals als ETA-Sympathisant und Mörder. Doch heute wird mein Film in Schulen gezeigt. Ich bin fest davon überzeugt, dass man alle Akteure eines Konflikts zu Worten kommen lassen muss, wenn man nicht nur ein klares Bild vom Konflikt erhalten, sondern diesen auch überwinden will. Es braucht Dialog, keine Schubladenmentalität nach dem Schema böse Täter, arme Opfer”, erklärt Medem am Rande des Filmfestivals.

Der US-amerikanische Regisseur Joshua Oppenheimer geht sogar noch einen Schritt weiter. “Wir Filmemacher müssen dem Publikum einen Spiegel vorhalten, der für sie unangenehm ist, der schockt. Wir dürfen uns nicht darauf beschränken, nur die Opfer zu zeigen, mit denen sich die Zuschauer identifizieren und sympathisieren kann. Das wäre zu einfach”, erklärte Oppenheimer in San Sebastian, dessen Dokumentarfilm “The Act of Killing” (2012) der Festivalretrospektive ihren Titel verlieh.

Sein 2013 für einen Oscar nominierter Film über den Genozid in Indonesien der 60er Jahre hatte anscheinend tatsächlich Auswirkungen. “Er sorgte für großes Aufsehen und diente als Katalysator die Sichtweise vor allem junger Menschen auf den Konflikt zu ändern”, so Oppenheimer.

“Mit dieser Retrospektive wollen wir zeigen, welche Möglichkeiten das Kino hat, den Fokus auf eine fordernde, aber gleichzeitig fast reinigende Art auf internationale, aber teil vergessene Konflikte zu legen”, erklärt Xavier Paya, Programmdirektor des EU-Kulturhauptstadtjahres im APA-Gespräch.

Zudem gehe es darum, anhand der Retrospektiven-Filme eine “Karte der globalen Gewalt” zu malen, sagt Paya. So reichen die dargestellten Konflikte mit Filmen wie Steve McQueens “Hunger” oder Hany Abu Assads “Paradise Now” von Guerilla- und Drogenkriegen in Lateinamerika und den Genoziden in Südostasien und Afrika über den israelisch-palästinensischen Nahost-Konflikt bis hin zum IRA-Terror und natürlich der ETA im Baskenland.

Mit Hubert Saupers Doku “Darwin’s Nightmare” und Mahamat-Saleh Harouns “Daratt” werden in der groß angelegten Retrospektive auch gleich zwei österreichische Produktionen gezeigt.

(S E R V I C E – www.sansebastianfestival.com)

Von: apa

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