Für seine Komödie "Liebe nach Fahrplan" gewann Menzel einen Oscar

Filmregisseur und Oscar-Preisträger Jiri Menzel gestorben

Montag, 07. September 2020 | 09:17 Uhr

Der tschechische Filmregisseur und Oscar-Preisträger Jiri Menzel ist tot. Er starb am Samstagabend nach langer Krankheit im Alter von 82 Jahren in Prag im Kreis seiner Familie, wie seine Frau Olga am Sonntag auf Facebook bekannt gab. Für seine Komödie “Liebe nach Fahrplan” hatte er im Jahr 1968 den Oscar für den besten ausländischen Film entgegengenommen.

Wie viele seiner späteren Filme beruhte auch “Liebe nach Fahrplan” auf einer Literaturvorlage des Schriftstellers Bohumil Hrabal (1914-1997). In ihm schien Menzel einen Seelenverwandten gefunden zu haben. Im Jahr 2006 gelang es ihm endlich, nach langem Streit um die Filmrechte, Hrabals Roman “Ich habe den englischen König bedient” auf Zelluloid zu bannen. Die Geschichte des Jan Dite, der vom Würstchenverkäufer zum Millionär aufsteigt, lobten Kritiker als “Abschluss eines meisterlichen Lebenswerks”. Die Hauptrollen besetzte Menzel mit Oldrich Kaiser und der Deutschen Julia Jentsch.

Menzel galt als Vorreiter der tschechoslowakischen Neuen Welle der 1960er-Jahre, die von einer großen Experimentierfreudigkeit gekennzeichnet war. Nach dem Einmarsch der Warschauer-Pakt-Truppen in die Tschechoslowakei im August 1968 und der Niederschlagung der Demokratiebewegung “Prager Frühling” war zunächst Schluss mit der künstlerischen Freiheit gewesen.

Das bekam auch Menzel persönlich zu spüren. Sein 1969 fertiggestellter Film “Lerchen am Faden” nach Motiven einer weiteren Hrabal-Erzählung landete für die nächsten zwanzig Jahre im Tresor. Zu weit ging den Machthabern die Kritik an den Zuständen im Land. Nach der Wende bekam Menzel für die Politiksatire nachträglich den Goldenen Bären der Berlinale.

Menzel war auch vor der Kamera aktiv und trat in den 1980er-Jahren in deutschen und ungarischen Filmen auf. Der Sohn eines Kinderbuchautors hatte sich seit der Jugend für Literatur und Theater interessiert. Sein Lehrer an der berühmten Prager Filmhochschule FAMU war Otakar Vavra, Meister des Historienfilms. Später unterrichtet Menzel dort selbst – zu seinen Schülern zählte dabei auch der Bosnier Emir Kusturica.

Aus einem seiner letzten Interviews war ein gewisser Frust herauszuhören. “Die Filme, die wir in den 60er Jahren gemacht haben, sind passe. Der Zuschauer hat sich verändert, und ich kann dem nicht mehr ganz folgen”, sagte Menzel.

Die letzten Jahre seines Leben verbrachte Menzel zurückgezogen im Kreis seiner Familie. Kurz nach den Dreharbeiten für den Film “Dolmetscher” mit ihm in einer der Hauptrollen war er schwer erkrankt. Nach einer Operation lag er Ende 2017 monatelang im Krankenhaus – und erholte sich nie mehr ganz. Seine Frau, die Filmproduzentin Olga, schrieb nun in den sozialen Medien, ihr Mann sei in dieser Zeit “der Tapferste unter den Tapferen” gewesen.

Von: APA/dpa