Die Auszeichnung der Republik wird Lipus am 1. Oktober verliehen

Florjan Lipus erhält Großen Österreichischen Staatspreis

Donnerstag, 05. Juli 2018 | 13:22 Uhr

Der Große Österreichische Staatspreis geht 2018 an Florjan Lipus und damit an einen Kärntner Autor, der in seiner Muttersprache Slowenisch schreibt. Die höchste Kultur-Auszeichnung der Republik, dotiert mit 30.000 Euro, wird Lipus am 1. Oktober verliehen. “Seine Literatur baut auf ästhetische Autonomie, sprachliches Experiment und literarische Innovation”, lobte Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP).

Der 21-köpfige Österreichische Kunstsenat, der den Preisträger vorschlägt, begründete am Donnerstag seine Wahl nicht zuletzt mit Lipus’ bekanntestem Werk aus dem Jahr 1981: Im “Zögling Tjaz”, übersetzt von Peter Handke und Helga Mracnikar sei bereits “sein gesamtes erzählerisches Opus thematisch angelegt, das er in zahlreichen Romanen und Erzählungen weiterentwickelt und entfaltet hat”.

Lipus behandle stets “den Widerstand gegen den Nationalsozialismus, die Vertreibung und Ermordung der Kärntner Slowenen, die Geringschätzung der slowenischen Minderheit durch die Mehrheitsbevölkerung, aber auch die Rettung der schwindenden Welt slowenischer Wörter und Wendungen als Grundlage einer neuen selbstbewussten Identität.”

Florjan Lipus wurde am 4. Mai 1937 in Lobnig/Lobnik bei Eisenkappel/Zelezna Kapla geboren. Er musste als Kind mitansehen, wie seine Mutter – nachdem sie eine als Partisanen verkleidete Gruppe von Gestapo-Männern bewirtet hatte – vor seinen Augen verhaftet wurde. Sie wurde im KZ Ravensbrück ermordet, während sein Vater in der Wehrmacht dienen musste. Von 1960 bis 1998 war Lipus als Volksschullehrer und -direktor tätig. Zugleich war er von 1960 bis 1980 Herausgeber der Kärntner-slowenischen Literaturzeitschrift “Mladje” und veröffentlichte zahlreiche Erzählungen, Romane und Essays.

Zu Lipus’ bekanntesten Werken zählen “Der Zögling Tjaz”, “Die Beseitigung meines Dorfes”, “Die Verweigerung der Wehmut” und “Herzflecken” sowie der im Suhrkamp Verlag erschienene Roman “Bostjans Flug” in deutscher Übersetzung. Für diesen 2003 erschienenen Roman wurde Lipus 2004 mit dem France-Preseren-Preis und 2011 mit dem Petrarca-Preis ausgezeichnet. 2005 erhielt er den Österreichischen Würdigungspreis für Literatur, 2013 den mit 14.500 Euro dotierten Franz-Nabl-Preis der Stadt Graz.

Der Große Österreichische Staatspreis wird von der Republik Österreich vergeben und geht jedes Jahr an eine Künstlerpersönlichkeit aus den Bereichen Architektur, Bildende Kunst, Literatur oder Musik in nicht festgelegter Rotation. Im Vorjahr war die Künstlerin Renate Bertlmann ausgezeichnet worden, erst 2016 kam mit Gerhard Roth ebenfalls ein Literat zum Zug.

Sehr erfreut reagierten Kärntner Kulturschaffende und -verantwortliche auf die Entscheidung. Peter Handke sagte: “Ich war bewegt wie nur selten. Das ist ein herrlicher Moment nicht nur für die Kärntner Slowenen, nicht nur für die österreichische Literatur, sondern für die gesamte Literatur. Wenn es nur nicht bei diesem Moment bleibt. Ich hoffe, dass diese Momente eine Zukunft haben.”

Lipus’ langjähriger Verleger Lojze Wieser sieht die Ehrung ebenso wie die Autorin Anna Baar als längst überfällig. Lipus habe sich gegen die zweifache Negation seiner Sprache durchgesetzt – das allein beweise, dass er wahrlich literarische Qualitäten habe. Die zweifache Negation betreffe einerseits sein eigenes Land, von Minderheit wie Mehrheit, andererseits sei er vom gesamten Kulturbetrieb erst sehr spät zur Kenntnis genommen worden.

Die zweisprachig aufgewachsene Anna Baar sagte, sie hoffe, dass alle Menschen die Tragweite und Wichtigkeit dieser längst überfälligen Entscheidung begreifen und auch, was sie für die sogenannten Minderheitensprachen in Österreich bedeute. “Man kann jetzt nicht mehr fordern: Kärntner, schreib Deutsch!”

Von: apa