Cerhas Klanggewitter brachte die Elbphilharmonie zum Schwingen

Friedrich Cerhas “Spiegel I-VII” in der Elbphilharmonie

Dienstag, 05. September 2017 | 08:45 Uhr

Diese “Spiegel” passen glänzend in das architektonische Wunderwerk der Elbphilharmonie, in dessen Fassade sich die Wolken über dem Hamburger Hafen so wunderbar spiegeln. Für eine tolle Aufführung von Friedrich Cerhas epochalem Orchesterwerk “Spiegel I-VII” gab es am Montag viel Jubel für den Wiener Komponisten und das von Matthias Pintscher dirigierte Orchester der Lucerne Festival Academy.

Cerha hatte das 1960/61 entstandene und szenisch noch nie realisierte “Bühnenwerk für Bewegungsgruppen, Licht und Objekte” 1972 bei der Uraufführung selbst dirigiert. Pintscher, ebenfalls Komponist und heuer Residenzkünstler der Elbphilharmonie, hat mit den aus aller Welt stammenden Musikern der Lucerne Festival Academy den herausfordernden Orchesterzyklus einstudiert und vor wenigen Tagen bereits in Luzern zur Aufführung gebracht.

“Um ehrlich zu sein: Ein Komponist fühlt sich bei der Einstudierung eines Werks durch einen anderen nie sehr wohl”, hatte der 91-Jährige beim Einführungsgespräch im großen Elbphilharmonie-Saal offenherzig vom Probenprozess in seinem Beisein erzählt, doch das Engagement und die Begeisterung der extrem jungen Musiker gelobt. Umso glücklicher nahm Cerha am Ende den Applaus entgegen.

Mit großen, souveränen Gesten gab Pintscher die Einsätze für den über 130-köpfigen Klangkörper, der für ein gewaltiges Raumklangerlebnis in diesem skulptural modellierten und an Friedrich Kieslers Endless House ebenso wie an die organische Architektur des Anthroposophen Rudolf Steiner erinnernden Konzertsaal sorgte. Hier entfaltete sich das musikalische Welttheater Cerhas in seiner ganzen Mächtigkeit. Schon bei den 55 diffizil in Einzelstimmen gegliederten Streichern von “Spiegel II” gab es die ersten Wow-Effekte, doch je mehr die große Bläsergruppe und die vielfältige Percussion-Abteilung zum Einsatz kamen, umso eindrucksvoller entlud sich ein Klanggewitter, das den Raum zum Schwingen brachte.

Die Klangflächen der “Spiegel” speisen sich unüberhörbar aus den Katastrophen des 20. Jahrhunderts, die der Pazifist und Deserteur Cerha im Zweiten Weltkrieg an vorderster Front miterleben musste. Sie formen die Ängste, die die Menschheit seit Anbeginn begleiten, in Musik, die durch Mark und Bein geht. Umso trauriger, dass ihre Botschaft heute keineswegs antiquiert, sondern aktueller denn je wirkt. Die “Spiegel” sind jedenfalls blank poliert und strahlen unter den Meisterwerken der zeitgenössischen Musik heller als je zuvor.

Erfreulich, dass Hamburg bei seinen Anstrengungen, sich vermehrt als Musikstadt zu positionieren, so sehr auf Zeitgenossenschaft setzt. Doch unweit der Elbphilharmonie wächst ein Projekt, mit dem die Hansestadt auch musikalische Traditionspflege betreibt: In dem rund um das Brahms-Museum vor zweieinhalb Jahren eröffneten “KomponistenQuartier”, in dem neben Brahms bereits Georg Philipp Telemann, Carl Philipp Emanuel Bach und Johann Adolf Hasse gewürdigt werden, sollen 2018 zwei weitere Museen eröffnet werden. Sie sollen Fanny und Felix Mendelssohn und Gustav Mahler gewidmet sein und dann die Musik- und Stadtgeschichte vom Barock bis zum Beginn der Moderne dokumentieren.

Für die Moderne bleibt Christoph Lieben-Seutter zuständig. Der Österreicher, 2007 als Generalintendant an die Elbe geholt und in den ersten Jahren seiner Amtszeit durch die Bauverzögerungen hart geprüft, darf bis zumindest 2021 die Früchte seiner Arbeit und seines Durchhaltevermögens ernten.

www.elbphilharmonie.de

Von: apa

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