In Wien lebende Südtirolerin mit mutigem Debütroman

Gegen die schöne Mär vom Mutterwerden: Tanja Raichs Roman “Jesolo”

Montag, 25. März 2019 | 08:05 Uhr

Wien/Bozen – Eine Familiengründung sollte die Betroffenen glücklich machen – so ist das vorgesehen. Die in Wien lebende Südtirolerin Tanja Raich beschreibt in ihrem Debütroman “Jesolo” zu dem viel diskutierten Thema Mutterschaft eindrucksvoll den Zwiespalt zwischen Selbstverwirklichung und gesellschaftlichen Erwartungen, in den Frauen heute geraten, wenn sie Mütter werden.

Andreas Liebe zu ihrem langjährigen Freund Georg ist schal geworden. Er wird immer mehr wie sein Vater, isst mit offenem Mund, erdrückt sie mit seinen Wünschen nach Kindern und Hausbau. Jetzt mit Mitte 30 wird es Zeit für den “Ernst des Lebens”, drängen Georg, die nestbauenden Freunde und die Schwiegereltern. Für Andrea fühlt sich das nicht richtig an. Genervt von den dauernden Fragen nach ihrem Kinderwunsch träumt sie von einem unabhängigen Künstlerleben in Madrid. Doch als sie nach einem Italien-Urlaub feststellt, dass sie ungewollt schwanger ist, ändert sich alles.

Wohl auch aus Angst kehrt sie zu Georg zurück, der glücklich ist, dass sich seine Träume nun erfüllen. Sie sind jetzt auch ein “Paar, das funktioniert”. Entgegen ihrer Wünsche ziehen sie aufs Land ins Haus seiner Eltern, die sich wohlmeinend überall einmischen. Ihre Bedingungen für den Umzug, ihre Zweifel, ihre Wünsche werden beschwichtigt, fallen unter den Tisch, und sie fragt sich: “Warum kann ich nicht glücklich sein?”. “Mit deinem Haus schlagen wir Wurzeln. Mit diesem Kind führen wir genau dieses Leben, das alle hier führen”, muss die Protagonistin erkennen, ist aber unfähig, sich aus der Situation zu befreien. Denn schließlich ist die Familie “die Erfüllung. Eine wohlige Seifenblase, die nie zerplatzt.”

Sie geht einen Kompromiss nach dem anderen ein, Glücksgefühle flammen, wenn überhaupt, nur kurz auf. “Mit jedem Ja rutsche ich weiter in die Scheiße hinein”, so Andrea. Gute Ratschläge prasseln auf sie ein, sei es die Möbelberatung der Schwiegermutter, in der Mütterrunde, beim Schwangerschaftsyoga, bei der Geburtsstationsbesichtigung. Dazu stellen sich Erinnerungen an ihre eigene Mutter ein, die sie verließ, als Andrea zehn Jahre alt war. Auch der ihr entfremdete Vater sucht wieder Kontakt.

Das heranwachsende Kind in ihrem Bauch durchdringt ihr Leben wie Wasser, das überall einsickert. Es wird zu einem Meer, einer Welle, von der sie davongetragen wird, die alles in Trümmer schlägt. Ihre Projekte bei der Arbeit werden an andere verteilt, während sie sich an das Wort Mutter zu gewöhnen versucht: “Aber mich sehe ich nicht in diesem Wort. Wenn ich es oft hintereinander ausspreche, klingt es wie ein Motor, der nicht anspringt.” Der Countdown bis zur Geburt läuft. Was sie selbst will, weiß sie da längst nicht mehr.

Über zehn Monate, die den Kapiteln entsprechen, erzählt Tanja Raich, die als 1986 Geborene selbst mitten in der Lebensphase ihrer Protagonistin steckt, in lakonischer Sprache aus der Perspektive von Andrea, die erkennen muss, dass ihr vormals unabhängiges Leben mit der Schwangerschaft vorbei ist. Raich studierte Germanistik und Geschichte und ist Programmleiterin im Kremayr & Scheriau-Verlag, für ihre literarischen Arbeiten erhielt sie zahlreiche Preise und Stipendien.

Frauen ihrer Generation führten ein selbstbestimmteres Leben als noch ihre Mütter und Großmütter, so Tanja Raich. “Sobald es aber um Familienplanung geht, kehren sich die Verhältnisse wieder um, und dieselben Frauen, unabhängig und selbstbestimmt, werden in traditionelle Frauenrollen gedrängt, weil es gesellschaftlich erwartet wird und politisch nichts unternommen wird, um diesen Umstand endlich zu ändern”, sagt die Autorin. Mit ihrem Debüt ist ihr ein realitätsnaher Roman gelungen, in dem sich viele Frauen wiederfinden werden. Sie leistet damit einen mutigen Beitrag hin zu einem anderen Blick auf das Muttersein, das eben für viele Frauen wenig mit ewigem Glück zu tun hat.

Von: apa

Bezirk: Bozen

Kommentare

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30 Kommentare auf "Gegen die schöne Mär vom Mutterwerden: Tanja Raichs Roman “Jesolo”"


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a sou
a sou
Superredner
26 Tage 6 h

“…politisch nix unternommen wird…” was für ein Schwachsinn. 
Die Politik kann nichts dafür, dass SIE “ungewollt” schwanger wird. Wenn es schon so ein Tabu für SIE ist, ein Kind zu bekommen, dann pass gefälligst besser auf! 
Wenn SIE keine Familie will, ER aber schon, dann muss SIE, so selbstbestimmt wie SIE ja ist, den Mut aufbringen und die Beziehung beenden. Danach ist SIE frei und kann ihr freies Leben überall auf unsrer freien Welt genießen.

Edith
Edith
Grünschnabel
26 Tage 5 h

Dem kann ich nur zustimmen.

lollipop
lollipop
Grünschnabel
26 Tage 1 h

@a sou Die Politik könnte aber Rahmenbedingungen schaffen, dass sich Frauen nicht zwischen Familie und Beruf entscheiden müssen, sondern beides haben können, wie z.b. in Skandinavien.

a sou
a sou
Superredner
25 Tage 21 h

@lollipop vollkommen richtig und längst überfällig. 

Pacha
Pacha
Tratscher
25 Tage 19 h

@lollipop….. wenn Rahmenbedingungen geschaffen und jeder frei entscheiden kann, ist das Eine. Etwas Anderes, wenn ein Staat und da komme ich auf dein skandinavisches Land zurück, direkt in die Familie eingreift. Mit Freiheit hat das dann nichts mehr zu tun.

Puntica
Puntica
Grünschnabel
26 Tage 5 h

so unterschiedlich sind die Menschen…ich kenne viele, die sich im Kreise ihrer Familie und in ihrer Heimat sehr wohl und geborgen fühlen und sich freuen, dass man ein Eigenheim und eine Familie hat…

Edith
Edith
Grünschnabel
26 Tage 4 h

Genau, das scheint die Autorin nicht tolerieren zu können. Für sie gibt es nur “familiären Zwang”. Dabei müsste sie nicht mal darüber maulen, sondern selbst die Initiative ergreifen und “ihren” Weg gehen. Niemand kann sie zwingen, aber mir scheint, so selbstbestimmend, wie sie gerne wäre, ist sie dann doch nicht. Dazu braucht es auch ein bisschen Konsequenz. Und mir scheint, daran mangelt es der Autorin.

einesie
einesie
Grünschnabel
26 Tage 4 h

ich auch. es muss halt alles schlecht gemacht werden heutzutage…

lollipop
lollipop
Grünschnabel
26 Tage 1 h

@Puntica Und ich kenne viele, bei denen ist das Familienleben nicht so eitel Sonnenschein, wie es im scheinheiligen Südtirol gerne propagiert wird. Da hilft auch kein Eigenheim, wobei sich dieses eh nur die oberen 10.000 leisten können oder die, die von Mami und Papi Geld geschenkt bekommen.

lollipop
lollipop
Grünschnabel
26 Tage 1 h

@Edith Mir scheint, dir mangelt es etwas daran, über den Tellerrand hinaus zu sehen und zu akzeptieren, dass eben nicht jede Frau zu 100 % als Mama glücklich ist.

Edith
Edith
Grünschnabel
25 Tage 22 h
@ lollipop Es liegt mir fern, jemandem zu kritisieren wegen seiner Entscheidung, für oder gegen die Familie. Aber selbstbestimmend sein wollen und dann nicht die Churage besitzen, konsequent seinen eigenen Weg zu gehen, sondern lieber allen anderen die Schuld für das eigene Unvermögen geben, finde ich zu einfach. Entweder man entscheidet sich für oder dagegen und zieht es dann auch durch. Bei der Autorin hätte es logischerwiese, ganz so, wie “a sou” schon angedeutet hat, konsequent eine Trennung von ihrem Freund, der eine Familie wollte, gebem müssen. Aber anscheinend ist sie nicht so selbstbestimmend, sondern es ist nur ihre Wunschvorstellung.… Weiterlesen »
Edith
Edith
Grünschnabel
25 Tage 22 h

Sorry, Courage sollte es heissen, aber auf dem Handy schleicht sich immer wieder der Tippteufel ein.

Edith
Edith
Grünschnabel
26 Tage 4 h
Es ist schon eigenartig, dass viele erwachsene Menschen glauben, ihre Meinung wäre die allgemeine Meinung. Ich habe den Eindruck, dass auch die Autorin diesem Irrtum unterliegt. Sie redet von selbstbestimmenden Frauen, verhält sich aber genau gegensätzlich. Die Schuld sucht sie aber bei allen anderen. Wenn sie schon sebstbestimmend und erfolgreich sein wiil, muss sie schon selbst die Inititive ergreifen, und nicht die Schuld bei den anderen suchen. Es gibt Menschen, die nicht zu Familie und Nesthockerei geeignet sind. Auch ich habe mich dafür entschieden. Meine Familie sind meine Freundinnen und Freunde. Meine Karriere und mein Lebensstil lassen keine andere Möglichkeit… Weiterlesen »
lollipop
lollipop
Grünschnabel
26 Tage 1 h

@Edith Hört man bei dir zwischen den Zeilen eine gewisse Frustration raus oder warum dieser aggressive Ton?

einesie
einesie
Grünschnabel
25 Tage 23 h

@lollipop die oanzige gfrustne dou scheinsch du selbo 😉

Edith
Edith
Grünschnabel
25 Tage 22 h
@ lollipop Wo kann man bei mir Frustation herauslesen. Es ist doch ganz klar, dass hier jemand seine Unmut in einen Alibi-Roman packt, nur weil diese Person nicht den Mut, bzw. die Kraft hat, wirklich selbstbestimmend, (so wie sie es gerne wäre) zu sein. Und deshalb die Schuld bei all den anderen sucht, nur um sich selbst ein reines Gewissen einzureden. Zwischen möchten und handeln gibt es gewaltige Unterschiede. Ich habe gehandelt, habe selbst bestimmt, dass für mich die Karriere erfüllender ist, als irgendwo im trautem Heim in einer Familie zu leben. Nur deswegen die familiäre Verhältnisse so komplett zu… Weiterlesen »
Spitzpassauf
Spitzpassauf
Superredner
26 Tage 5 h
schade daß viele Frauen es als Last empfinden eine Familie zu grūnden und sich nicht mehr über Kinder freuen. ImArtikel steht. „weil es gesellschaftlich erwartet wird und politisch nichts unternommen wird“ aber es ist doch genau andersrum. Zitat Rockefellers “Der Feminismus ist unsere Erfindung aus zwei Gründen: Vorher zahlte nur die Hälfte der Bevölkerung Steuern, jetzt fast alle weil die Frauen arbeiten gehen. Ausserdem wurde damit die Familie zerstört und wir haben dadurch die Macht über die Kinder erhalten. Sie sind unter unserer Kontrolle mit unseren Medien und bekommen unserer Botschaft eingetrichtert, stehen nicht mehr unter dem Einfluss der intakten… Weiterlesen »
Edith
Edith
Grünschnabel
26 Tage 4 h

@ Spitzpassauf
Schön argumentiert. Aber es gibt schon noch Frauen, die das so nicht sehen. Auch wenn sie selbst sich gegen Familie und Kinder entschieden haben. Man (Frau) sollte nur zu der eigenen Meinung stehen, und nicht mit dem Finger auf andere zeigen, um vom eigenen Unvermögen abzulenken. Nur weil sie sich in der Familie eingeengt fühlt, bedeutet es nicht automatisch, dass sich alle so fühlen müssen. Selbstbestimmend heisst auch konsequent sein, und das fehlt der Autorin in ihrem Roman.

Sofia
Sofia
Grünschnabel
26 Tage 2 h

Die nötge Reife um Eltern zu werden wird erst dann erreicht, sobald man bereit ist die eigenen Bedürfnisse zurückzustellen.

NanuNana
NanuNana
Grünschnabel
25 Tage 23 h

100% deiner Meinung!

Pacha
Pacha
Tratscher
25 Tage 23 h

Sofia, das hast du wunderschön gesagt, denn Reife ist auch mit Werten verbunden.

einesie
einesie
Grünschnabel
25 Tage 23 h

bravo!!
und se sein wenige

a sou
a sou
Superredner
25 Tage 21 h

@Sofia, das was du hier schreibst ist vollkommen richtig, doch leider bei der Facebook-, Insta-, Hashtag – Generation total Out… :-/ 

Clemmy
Clemmy
Grünschnabel
26 Tage 4 h

Die Idee für dieses Thema ist nicht neu, angefangen hat dieser “Tabubruch” mit der Veröffentlichung vom Buch “Regretting Motherhood: A Study” von Orna Donath.
Ich finde gut, dass Frauen endlich auch über die negativen Gefühle berichten können, welche Schwangerschaft, Kindererziehung und den damit zusammenhängenden Alltag betreffen.

lollipop
lollipop
Grünschnabel
26 Tage 1 h

@Clemmy Stimme dir voll zu. Ist leider nach wie vor ein Tabu-Thema und die Frauen schnell als “Rabenmutter” bezeichnet. Kurioserweise eher von Frauen als von Männern.

Arendt
Arendt
Neuling
26 Tage 41 Min

Stimme dir zu!

george
george
Tratscher
25 Tage 19 h

Das muss ein Trend sein. Die Brunschweiger Verena ist lieber kinderfrei als kinderlos, vor ihr noch irgendeine Amerikanerin und jetzt das! Bevölkerungsreduzierungen durch Seuchen oder Kriege war gestern. Jetzt wollen die Frauen einfach keine Kinder mehr! Ich denke, bald wollen Männer keine Frauen mehr. 

vfc
vfc
Neuling
25 Tage 19 h

Anstatt zu kommentieren, Das Buch zuerst mal lesen……

Savonarola
25 Tage 19 h

Angesichts der demographischen Entwicklung ist Familiengründung nicht mehr nur ausschließlich eine Frage des persönlichen Glücks. Stichwort: Umvolkung.

george
george
Tratscher
13 Tage 12 h

Oha, der Begriff “Umvolkung” kommt von ziemlich rechts-blöder Seite

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