Das Grundsetting besteht aus zwei überdimensionalen Frauenhänden

Geglückter “Carmen” Auftakt trotz Dauerregens in Bregenz

Donnerstag, 20. Juli 2017 | 13:45 Uhr

Nach dem sommerlich-heißen Sevilla hat sich die Auftaktpremiere der “Carmen” bei den 72. Bregenzer Festspielen am Mittwochabend nicht angefühlt: Unter strömendem Regen gab die Inszenierung des dänischen Regisseurs Kasper Holten und seiner Bühnenbildnerin Es Devlin ihren Einstand vor den 7.000 Premierengästen. Dessen ungeachtet lässt sich die Arbeit knapp auf den Punkt bringen: fulminant.

Stark war allerdings nicht nur die Inszenierung, sondern über den größten Teil des Abends hinweg auch der Regen. Hinzu kamen Blitze und Donner als ergänzende Lichteffekte. Die heurige Inszenierung entschädigt für derlei Unbilden jedoch vollends. Holten, frisch vom Londoner Covent Garden geschieden, und Devlin gelingt der Grenzgang zwischen bildgewaltigem Spektakel und psychologisch fein ausgearbeitetem Kammerspiel – vor allem Letzteres ein schwieriges Unterfangen auf der gewaltigen Seebühne.

Da kommt der Deutung zugute, dass Holten ein eingespieltes Team mit Devlin bildet, das etwa auch schon im Theater an der Wien zusammenarbeitete. Die 45-jährige Britin kennt sich somit nicht nur mit den Bühneninszenierungen von U2 oder Take That aus, sondern auch mit den Erfordernissen der Oper. Sie lässt in Bregenz zwei gigantische Frauenhände Spielkarten durch die Luft werfen – ein kompakter Entwurf, der trotz der Unbeweglichkeit der Bühnenaufbauten dynamisch zu bespielen ist.

Mittels perfekter Videoprojektionen auf die teils 20 Meter hohen Karten entfaltet sich ein geschicktes Spiel mit Farbe und Bildern, und ganz nebenbei die sinnige Lösung für eines der zentralen Probleme der Seebühne: Die Darsteller wirken unweigerlich wie Ameisen im mächtigen Bühnenrund. Diesen Umstand löst die Inszenierung mittels Projektion der Darsteller auf die Karten-Leinwände – nicht durchgängig, sondern wohldosiert in den entscheidenden Momenten.

Im Gegensatz zu Marco Arturo Marellis “Turandot” aus den beiden Vorjahren ergibt sich so ein fokussierter Rahmen für das Geschehen, innerhalb dessen Regisseur Holten den Feinschliff an den Figuren vornehmen kann. So kann der 44-Jährige das Liebesdrama zwischen der unabhängigen, starken Figur Carmen und dem aus Hilflosigkeit zur Gewalt greifenden Exgeliebten Jose beinahe als Psychogramm ausarbeiten.

Als Glücksgriff erweist sich hier die im deutschsprachigen Raum erst durchstartende Französin Gaelle Arquez, die nicht nur mit einem wuchtig-schimmernden Mezzo, sondern auch den schauspielerischen Qualitäten aufwarten kann. Der junge Schwede Daniel Johansson steht ihr als leidender Täter mit etwas forcierter Höhe, aber feiner Figurenzeichnung gegenüber und führt die unter der Oberfläche schlummernde Gewaltbereitschaft glaubhaft früh ein. Dass Paolo Carignani die Wiener Symphoniker relativ transparent, auf die Streicher und weniger scheppernde Torero-Bläser fokussiert, durch die Partitur führt, passt da ins Bild.

Einzig Scott Hendricks liefert als Toreador Escamillo eine nahezu peinliche Leistung ab. Mit einem Bariton, dem es für die Partie an der Tiefe fehlt, muss er sich jedes Mal in breiten Schwüngen zur richtigen Intonation hanteln, besitzt stimmlich jedoch die Wendigkeit eines Containerschiffs. Dass sich Frauen diesem Stierkämpfer zu Füßen werfen, kann nur durch Verzweiflung, nicht aus erotischer Anziehung erklärt werden.

Umso geschmeidiger fügt sich die nicht auf reines Spektakel ausgerichtete, sondern ästhetisch wie narrativ begründete Choreografie der Tänzer durch Signe Fabricius ins Geschehen ein, bei der der Bodensee mehr als einmal aktiv genutzt wird. Folgerichtig ersticht Jose seine Carmen am Ende auch nicht, sondern ertränkt sie in den Fluten – ein starkes Schlussbild. So waren am Ende des Abends nicht nur das Publikum, sondern auch ein Großteil der Darsteller nass. Ausgleichende Gerechtigkeit, wenn man so will.

Wer sich nach dieser gelungenen Premiere noch Hoffnungen auf Karten macht, sollte diese allerdings eher fahren lassen: Die künftigen 27 “Carmens” in Bregenz sind gewissermaßen geschlossene Veranstaltungen und mittlerweile allesamt ausverkauft. Was dem Opernfreund bleibt, ist die zeitversetzte Liveübertragung am Freitag in ORF 2 ab 21.20 Uhr. Hier hat man zumindest die Gewissheit, trocken zu bleiben.

Von: apa

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