Die neue Nationalbibliothek lockt Besucher ans Meer

Griechenlands Nationalbibliothek zieht an die Küste

Donnerstag, 15. März 2018 | 08:41 Uhr

Ein Spezialteam mit Masken und Handschuhen legt die kostbare Fracht sorgfältig in gepolsterte Radkarren: Der größte Umzug von Büchern in der griechischen Geschichte ist im Gange. Bis April zieht Griechenlands Nationalbibliothek aus ihrer neoklassizistischen Villa im Zentrum Athens in ein modernes Kulturzentrum an der Küste.

“Das ist nicht einfach nur ein Umzug, das ist eine Reise in eine neue Ära”, betont der Generaldirektor der Bibliothek, Filippos Tsimpoglou. Das 20 Hektar große Zentrum kostete fast 600 Millionen Euro und wurde vom Architekten Renzo Piano entworfen. Ermöglicht wurde es durch eine Großspende der Stavros Niarchos Stiftung (SNF), gegründet von einem der erfolgreichsten Reeder Griechenlands. Das 2016 eröffnete Gebäude beherbergt auch die Nationaloper und ist inzwischen beliebtes Flanierziel der Athener – Planung und Bau dauerten acht Jahre.

Ohne die finanzielle Unterstützung der SNF wäre dies im krisengeschüttelten Griechenland nicht möglich gewesen – allein der Umzug kostete eine halbe Million Euro. Mehr als 550 Mitarbeiter brauchten zwei Jahre für die Reinigung, Digitalisierung, Etikettierung und Umsiedlung von mehr als 700.000 Manuskripten und Büchern. Immerhin schoss der griechische Staat bei der Modernisierung der Bibliothek ein paar Millionen zu.

Dabei waren neue Räume überfällig: “Seit Jahren schreit die Bibliothek nach mehr Platz”, sagt die Ingenieurin Chrysanthi Vassiliadou. “Bei den Dienstleistungen waren wir als Land ein wenig im Rückstand.” Die 1832 gegründete Bibliothek war im Laufe der Jahre in einem Waisenhaus, öffentlichen Bädern und einer Kathedrale untergebracht. Seit 1903 befand sich der Großteil der Sammlung in der Villa Vallianeio im Zentrum Athens, die künftig für Archive und Veranstaltungen genutzt werden soll. Ein Umbau des denkmalgeschützten Gebäudes wäre schwierig gewesen.

“Die Nationalbibliothek hatte rund 20.000 Besucher und 21.000 Leser jährlich. An ihrem neuen Standort erwarten wir zehn Mal so viele Besucher und Leser”, sagt Lesesaal-Leiter Vasiliki Tsigouni. Nun soll es ebooks und elektronische Zeitschriften und erstmals auch Exemplare zur Ausleihe geben, der Lesesaal soll statt bisher 80 nun 400 Plätze haben, die fremdsprachige Sammlung nach 20 Jahren erneuert werden.

Die Nationalbibliothek bewahrt das kulturelle Erbe Griechenlands in schriftlicher Form – darunter seltene Kopien homerischer Texte, 1.200 Jahre alte Manuskripte, Karten und Musik aus der byzantinischen Ära, Archive der griechischen Revolution aus dem 19. Jahrhundert und die persönlichen Notizen des Dichters Dionysios Solomos, Autor der griechischen Nationalhymne.

Allein die Planung der Präsentation der Sammlungen im neuen, 22.000 Quadratmeter großen Bibliotheksgebäude dauerte ein Jahr. “Beim Tempo der heutigen Buchproduktion kann das neue Gebäude unseren Bedarf für mindestens 25 Jahre decken”, schätzt Vassiliadou. In vier klimatisierten Gewölben werden die seltensten Bücher und Manuskripte aufbewahrt, von denen einige aus dem neunten Jahrhundert stammen sollen. Einige der ältesten Bücher wurden von prominenten griechischen Bürgern des 19. Jahrhunderts, Klöstern und sogar ausländischen Fürsten gestiftet.

Zu den Schätzen gehört eine Chronik des Jesuiten-Missionars Jacques-Paul Babin: “Es ist das erste Buch über Athen in der Moderne, ein Meilenstein in der Geschichte der Wiederentdeckung durch die Europäer im 17. Jahrhundert”, erklärt Yannis Kokkonas, Professor für historische Bibliographie an der Ionischen Universität. “Bis dahin waren die Hinweise auf Athen vage mittelalterliche Stereotypen einer einst glorreichen, aber leider zerstörten Stadt.”

Von: APA/ag.