Darstellungskunst vom Feinsten im Burgtheater

Große Schauspieler und große Nagetiere im Burgtheater

Donnerstag, 28. März 2019 | 08:35 Uhr

Zweieinhalb Stunden boten “Die Ratten” am Mittwoch im Burgtheater das Erwartete: Darstellungskunst vom Feinsten. Im Schlussapplaus dann das Unerwartete: Regisseurin Andrea Breth griff zum Mikrofon und verkündete auch coram publico, was zuvor publik geworden war: Dies sei ihre letzte Burgtheater-Inszenierung gewesen. Sie bedankte sich bei ihrem Ensemble und beim Publikum “für Ihre Treue seit 1999”.

Es hat viele denkwürdige Abende gegeben, die Breth seit damals an Burg- und Akademietheater gestaltet hat, und an einen erinnerte man sich am Mittwoch ganz besonders: Für Schillers “Don Carlos” hatte Martin Zehetgruber 2004 ein Ringelspiel der Macht entworfen, ein auf der Drehbühne aufgebautes Labyrinth aus Zimmer, Kammern und Korridoren. Sven-Eric Bechtolf gab Philipp II., Johanna Wokalek die Elisabeth von Valois, Nicholas Ofczarek den Herzog von Alba.

Für Gerhart Hauptmanns 1911 uraufgeführtes Naturalismus-Drama hat Zehetgruber nun eine Abfolge von großen und kleinen Räumen mit Wänden aus halb durchsichtigem Linienglas auf die Drehbühne gestellt: Auf diesem gänzlich von zerknüllten alten Zeitungen bedeckten Dachboden spielt nicht nur die ganze Handlung, zwischen Kabeltrommeln, Matratzen, einem Bettgestell und einer Klomuschel finden sich auch einige der titelgebenden Nagetiere – überlebensgroße Skulpturen, weniger Schreckens- als Kunstobjekte. Und Kunst stand auch den ganzen Abend lang im Mittelpunkt: Schauspielkunst.

Wokalek, Bechtolf und Ofczarek zählen auch diesmal, in diesem vom Autor “Berliner Tragikomödie” genannten Sozialdrama, zu den tragenden Kräften. Wokalek als Frau John, die sich nach dem frühen Tod ihres ersten Kindes unbedingt Nachwuchs wünscht, und Sarah Viktoria Frick als verzweifeltes Dienstmädchen Pauline Piperkarcka, die sich von dieser ihr Neugeborenes abschwatzen lässt, stehen im Zentrum eines Ringens, das Breth in aller Genauigkeit und Intensität ausbreitet. Verzögerungstaktik und Vergrößerungsglas sind jene Inszenierungstechniken, die dafür sorgen, dass über nichts einfach hinweggehuscht wird. Das bedingt freilich auch die Gefahr, dass zwischendurch auch mal deutlicher Spannungsabfall in Kauf genommen werden muss.

Die meiste Zeit herrscht jedoch gebannte Aufmerksamkeit. Bechtolf sorgt als aufgeblasener Theaterdirektor Hassenreuter dafür, dass die Nebenhandlung zeitweise überhand gewinnt. Mit einer Grandezza, die auf dem von ihm als Fundus genutzten schäbigen Dachboden und angesichts der wirklichen Probleme seiner Mitmenschen besonders lächerlich wirkt, wirft er sich als “Kulturkämpfer” in die Schlacht um die hehre und wahre Kunst. Der von ihm gegebene Schauspielunterricht und die Ästhetik-Diskussionen, die er sich mit Christoph Luser als Erich Spitta liefert, zählen zu den Leckerbissen der Aufführung.

Ofczarek zeigt als Frau Johns unheimlicher Bruder, der zum Mörder wird, wie man mit minimalistischen Mitteln maximale Wirkung erzielt. Er steht stellvertretend für eine ganze Reihe Großschauspieler, die in Kleinstrollen zu sehen sind: Sylvie Rohrer, Roland Koch, Andrea Wenzl, Branko Samarovski, Burg-Heimkehrerin Andrea Eckert – sie alle haben nur wenige Auftritte oder gar nur eine einzige Szene, um Präsenz zu zeigen. Mehr Raum hat nur Oliver Stokowski als Herr John. Er nutzt ihn für eine imposante Studie zwischen Möchtegern-Familienvater und latentem Gewalttäter.

Breth hat auch eine große Menge an Komparsen aufgeboten. Gelegentlich stehen sie als stumme Staffage in der Szene, meist liegen sie am Boden. Als Sinnbilder des sozialen Elends, als Ausweitung der verhandelten Tragödie ins Exemplarische verfehlen sie ihre Wirkung. Das Schlussbild, eine langsame Drehung der Bühne, in der alle noch einmal einen stummen Kurzauftritt bekommen und am Ende Frau John, die sich umgebracht hat, über einem Kinderwagen liegt, ist jedoch stark und gelungen.

Viel Applaus und einige Hoch-Rufe am Ende. Schon in der kommenden Woche eröffnet sich die Gelegenheit zu einem direkten Vergleich: Der Kärntner Regisseur Bernd Liepold-Mosser hat für sein Wien-Debüt im Theater an der Gumpendorfer Straße (TAG) ganze Handlungsstränge von “Die Ratten” gestrichen und auch sprachlich radikal eingegriffen. Premiere ist am 3. April.

Von: apa