Spektakuläre Aufführung im Salzburger Landestheater

Großer Jubel um die “Die Perser” in Salzburg

Sonntag, 19. August 2018 | 10:26 Uhr

Ulrich Rasche hat den Dreh raus. Mit jeder Inszenierung vergrößert und verfeinert er sein erfolgreiches Konzept: Man nehme bewegliche Bühnenteile wie Walzen, Laufbänder oder Drehscheiben und setze auf ihnen Chöre in Bewegung, deren Wucht überwältigt. “Die Perser” des Aischylos zeigen nun im Salzburger Landestheater eindrucksvoll die Stärken, aber auch die Gefahren von Rasches Masche auf.

Das älteste erhaltene Drama der Menschheit, uraufgeführt im Jahr 472 v. Chr., erzählt von der Niederlage der viel größeren persischen Flotte gegen die Griechen in der Seeschlacht bei Salamis. Die Stücke des klassischen griechischen Theaters sind prädestiniert für den speziellen Zugriff des deutschen Regisseurs, der mit “Die Räuber” in München und “Woyzeck” in Basel zwei viel beachtete Hits des deutschsprachigen Theaters vorgelegt hat und auch unter Martin Kusejs Burgtheater-Intendanz eine gewichtige Rolle spielen dürfte.

Solche Begeisterung für das Chorische hat man seit Einar Schleefs Tagen nicht mehr gesehen, und auf bedenkliche Weise scheint Rasche damit auch den Zeitgeist getroffen zu haben. Wo das Individuelle immer verdächtiger wird und Mehrheiten immer unverhohlener ihre Macht ausspielen und zur Aus- und Abgrenzung nutzen, da wird auch das Martialische zunehmend chic. Rasches Überwältigungstheater erinnert in seinen stärksten Momenten an eine Massen-Ästhetik von einst, bei der man Licht und Lautstärke ebenfalls virtuos einzusetzen wusste.

Da ist es wohltuend, dass dieser theatrale Triumph des Drillens nicht zur Verherrlichung des Sieges verwendet wird. Im Gegenteil: Man erlebt an diesem fast vierstündigen Abend den Aufbruch eines sich zur Herrschaft über andere berufen fühlenden Volkes, den verzweifelten Ruf der zahlenmäßig deutlich unterlegenen Vaterlandsverteidiger zu den Waffen, und die Schrecken, die über die wenigen Überlebenden der vernichtend geschlagenen Angreifer kommen. Rasches Inszenierung ist kein bebilderter Triumphmarsch, sondern ein mit viel Gespür ausgeleuchtetes Klagelied.

Die Inszenierung setzt auf eine Neudichtung von Durs Grünbein, die sie einem rasch eintönig werdenden streng rhythmisierten Singsang unterwirft und damit manche Länge riskiert. Passagenweise ist dem Zuschauer die Trance deutlich näher als die Katharsis. Rasches dramaturgisches Konzept ist überzeugend: Er besetzt den Chor des persischen Ältestenrates ebenso wie Dareios’ Geist mit Frauen und gesellt diesen die von Anfang an skeptische Königsmutter Atossa bei. Weibliche Ratio steht damit gegen männliche Hybris, Individualität gegen die Masse.

Man hätte sich gewünscht, Rasche wäre bei der Betonung der Gegensätze noch einen Schritt weiter gegangen. Dass die großen Schauspielerinnen Patrycia Ziolkowska (Atossa), Katja Bürkle und Valery Tscheplanowa (die auch – barbusig und weiß bemalt – den Geist mimt) ihre individuellen Standpunkte auf einer großen, weit in den Zuschauerraum ragenden rotierenden Scheibe im gleichen Geh- und Sprechrhythmus vortragen müssen wie die kriegerische Phalanx des 15-köpfigen Männerchors hinter ihnen, leuchtet nicht ganz ein.

Doch man muss neidlos zugeben: Die auf der Bühne aufgebaute, hydraulisch bis zur extremen Steilheit verstellbare, in alle Richtungen drehbare zweite Scheibe und das, was sich auf ihr abspielt, zählt zum Eindrucksvollsten, das man in dieser Saison zu sehen bekommen hat. Wie immer spielt die den Rhythmus vorgebende und von fünf Musikern in den Proszeniumslogen live umgesetzte Musik von Ari Benjamin Meyers eine wichtige Rolle (die an den Eingängen ausgegebenen Ohrstöpsel benötigt man nicht). Und wie immer erwischt man sich – diesmal angesichts der dröhnenden Trommelschläge das Bild der Galeerensklaven vor Augen – schon bald dabei, sich selbst unwillkürlich diesem Rhythmus hinzugeben. Gerade deshalb wäre ein Kontrapunkt, ein das große Schwungrad hemmender Widerstand, so wünschenswert.

Dem Salzburger Festspiel-Publikum schien jedoch nichts abzugehen: Der Premierenjubel für diese letzte Schauspielpremiere der Salzburger Festspiele 2018 war am Samstagabend groß und von vielen Bravo-Rufen begleitet. In Salzburg steht diese aufwändige Produktion, mit der die Schlossereien und andere Gewerke der Festspiele ihr Meisterstück abgeliefert haben, bis 27. August auf dem Spielplan. Ab 28. September ist sie beim Koproduktionspartner, dem Schauspiel Frankfurt, zu sehen.

Von: apa