Liebe, Leid und Südtirol im vierstimmigen Monolog-Geflecht

Herz und Schmerz: Judith W. Taschlers neuer Roman “bleiben”

Donnerstag, 01. September 2016 | 09:05 Uhr

Judith W.Taschler, 1970 in Linz geboren und heute in Innsbruck lebend, gilt als Bestseller-Autorin. Ihr Debütroman “Sommer wie Winter” (2011) erreichte vier Auflagen, ihr Zweitling “Die Deutschlehrerin” wurde 2014 mit dem Glauser-Preis ausgezeichnet. Ihr neuer Roman “bleiben” ist der Herbst-Spitzentitel des deutschen Droemer-Verlags – und literarischer Mainstream in Reinkultur.

“Eindrucksvoll schreibt sie über die großen Themen im Leben, wie Liebe und Verrat, Tod und Vertrauen”, wirbt der Verlag. Ja, da ist wirklich alles drinnen, was das Herz zu rühren vermag: Eine beinahe auf der Parkbank stattfindende Geburt, ein Aufwachsen als Heimkind, ein tragischer Unfalltod im Schwimmbad, in dem der 10-Meter-Salto direkt auf dem Kopf des Bruders landet, eine in die ihr fremd gewordenen Heimat zurückkehrende Südtiroler “Optanten”-Tochter, eine durch Italien wandernde junge Cellospielerin, die ruhige Geborgenheit einer glücklichen Ehe, die durch eine leidenschaftliche Affäre gefährdet wird, eine gefeierte Künstlerkarriere, die Beinahe-Weltumseglung eines Freundes-Trios und ein langsamer Krebstod mit möglichen Mitschuldigen. “Too much!”, möchte man als Leser schon bald rufen.

Wer so viel an Herz und Schmerz, Liebe und Leid in eine einzige Geschichte packt, sollte über das geeignete Instrumentarium verfügen, Emotionen abzufedern und Distanz zu schaffen. Judith W. Taschler geht den gegenteiligen Weg. Sie schafft vier gleiche Erzählsituationen, in denen jeweils einer ihrer Protagonisten zur Lebensbeichte ansetzt: Freund und Freundin, Zimmergenosse im Krankenhaus und Akt-Modell sind zwar keine echten Gesprächspartner, sondern nur Zuhörer für lange, ineinander verschnittene Monologe, werden jedoch immer wieder direkt angesprochen. “Warum, fragst du?”, “Du findest das übertrieben?”, oder: “Warum ich das machte?” sind ärgerliche rhetorische Floskeln. “Wie es weiterging, willst du wissen? Du hast Glück, dass ich heute gute Laune habe und zum Reden aufgelegt bin.” Längst bedauert da der Leser, dass ihm die Möglichkeit der Widerrede nicht geben ist.

Auch formal wirkt “bleiben” recht abenteuerlich konstruiert: Die Schicksale von vier Menschen, die einander vor 20 Jahren in einem Abteil eines Nachtzugs nach Italien das erste Mal begegneten, haben sich, das wird aus den zeitlich im Mai, Juni, September und Dezember 2015 verorteten Monologen bald klar, miteinander verwoben – einzig die beiden ebenfalls im Abteil anwesenden Nonnen lässt die Autorin biografisch unbehelligt. Aus der sich damals im Abteil anbahnenden Affäre zwischen dem feschen Südtiroler Felix und der schüchternen Cellospielerin Juliane wird erst Jahre später etwas, als Juliane längst mit einem anderen Mitreisenden, dem älteren, eben geschiedenen, hoch seriösen Anwalt Paul verheiratet ist, während der junge Koch Max seine steile Künstler-Karriere ausgerechnet mit einem Bild der Cellospielerin startet.

Das Leben schreibt eben die wildesten Geschichten, mag man einwenden. Sie zu Literatur zu verdichten, wäre ein Weg sie festzuhalten. Wer daran scheitert, wird jedoch mitgerissen vom steten Daseins-Strom. Ereignisse ohne Erkenntnisse. Bloß eine Prognose: “bleiben” wird nicht bleiben.

Von: apa

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