Geplanter Heumarkt-Bau bleibt Streitpunkt

Heumarkt: UNESCO-Entwurf sieht Wien weiter auf Roter Liste

Samstag, 08. Juni 2019 | 16:08 Uhr

Das “Historische Zentrum von Wien” dürfte auch nach der Ende Juni anstehenden Sitzung des UNESCO-Welterbekomitees auf der Liste des gefährdeten Welterbes bleiben. Das geht aus einem Entscheidungsentwurf hervor, der am Samstag von UNESCO Österreich veröffentlicht wurde. Demnach bleibe die Einschätzung, dass die geplanten Baumaßnahmen am Heumarkt den Wert der Stätte gefährden.

Basis für den Entscheidungsentwurf sind u.a. ein im März veröffentlichtes Gutachten des Denkmalrates ICOMOS sowie jenes von Welterbeexperte Michael Kloos. Aus beiden gehe hervor, dass “der außergewöhnliche universelle Wert” der Wiener Innenstadt durch “die städtebaulichen Entwicklungen der letzten Jahre äußerst gefährdet” sei. Insbesondere wird hier das umstrittene Heumarkt-Projekt von Unternehmer Michael Tojner (Wertinvest) genannt, aber auch “das Fehlen eines operativen Managementplans, die unzureichende Verankerung des Welterbes in die Stadtplanungsinstrumente sowie die mangelnde Rücksicht auf die historische Bausubstanz bzw. die historische Stadtlandschaft”.

Ausdrücklich begrüßt wurde die zuletzt über das Turmbauprojekt am Heumarkt verhängte, zweijährige “Nachdenkphase” – diese gelte es nun zu nutzen, um entsprechende Maßnahmen zu setzen. Empfohlen werden geeignete Managementpläne, Nachschärfungen bei Stadtplanungsinstrumenten sowie Heritage Impact Assessments, also fundierte Gutachten für Vorhaben wie etwa das Belvedere Stöckl. Konkret für den Heumarkt wird Österreich weiterhin angehalten, die Pläne so abzuändern, dass sich keine negativen Auswirkungen auf den Welterbestatus ergeben.

Ebenfalls Erwähnung im Entwurf finden der Schwarzenberggarten sowie die historischen Dächer in der Welterbezone, für die eine “wirksame Unterschutzstellung” gefordert wird. Auch soll Österreich die finalen Pläne für den Umbau des Wien Museums sowie das benachbarte Winterthur-Gebäude übermitteln, um sich diesbezüglich mit dem Welterbezentrum abzustimmen. Als nächster Schritt sei ein “konkreter Fahrplan” (“Desired State of Conservation Report”) zu formulieren, von dem sich die UNESCO die Einhaltung der erforderlichen Bedingungen für den Welterbestatus erwartet.

“Ich bin zuversichtlich, dass der Weg nun frei ist, für einen sensiblen Umgang mit dem historischen, kulturellen Erbe Wiens und damit für den Erhalt des Status als Welterbe”, wird Sabine Haag, Präsidentin der Österreichischen UNESCO-Kommission, zitiert. Die diesjährige Sitzung des Welterbekomitees findet von 30. Juni bis 10. Juli in Baku statt. Eine weitere Diskussion über den Fall ist dort im übrigen derzeit nicht vorgesehen.

Das Heumarkt-Projekt sorgt seit Jahren für veritables Aufsehen. Im Visier steht das 66 Meter hohe Gebäude, das Tojner dort neben dem Hotel Intercontinental errichten möchte. Das hohe Haus bringt das Weltkulturerbeprädikat für die Innenstadt in Gefahr, obwohl es nicht im ersten, sondern im dritten Bezirk errichtet wird. Die außergewöhnliche, historische Stadt-Silhouette wurde bei der Aufnahme in die Welterbeliste 2001 aber eigens hervorgehoben. Zu deren Schutz wurde eine Art Pufferzone um den Stadtkern gezogen.

Ursprünglich hätte der Turm sogar 73 Meter hoch werden sollen. 2016 wurde schließlich eine reduzierte Variante präsentiert. Die UNESCO fordert jedoch, die maximale Bauhöhe zu beschränken. 2017 wurde die Innenstadt auf die Rote Liste der gefährdeten Welterbestätten gesetzt. Sollte Wien tatsächlich das Prädikat verlieren, bliebe der Hauptstadt nur mehr ein offiziell als Weltkulturerbe ausgewiesenes Objekt – das Schloss Schönbrunn samt seiner Gartenanlage.

Nach der Veröffentlichung des UNESCO-Entscheidungsentwurfs zum Welterbestatus des “Historischen Zentrums von Wien” sieht ÖVP-Landesparteiobmann Gernot Blümel die Stadt am Zug. “Es gilt jetzt zu tun, was richtig ist”, verwies er in einer der APA übermittelten Stellungnahme am Samstag auf die Empfehlungen der Advisory Mission, die es in Bezug auf das Heumarkt-Projekt umzusetzen gelte.

“Leider hat die Stadtregierung jedoch nach wie vor nicht eindeutig festgehalten, dass das Projekt in der derzeitigen Form nicht realisiert werden darf”, erklärte der vormalige Kulturminister in der türkis-blauen Bundesregierung. “Statt oberflächlicher Bekenntnisse und unkonkreter Nachdenkpausen ohne Konsequenzen braucht es eindeutige Maßnahmen, damit Wien endlich und endgültig von der roten Liste der gefährdeten Weltkulturerbestätten gestrichen wird”, so Blümel. Die erforderlichen Schritten seien nun zu setzen. “Auch in Wien muss es möglich sein, Weltkulturerbe und Zukunftsentwicklung gemeinsam zu ermöglichen.”

Die harsche Kritik, die Blümel angesichts des UNESCO-Entscheidungsentwurfs zum Welterbestatus des “Historischen Zentrums von Wien” übt, sei durchaus richtig, meint Liste JETZT-Kultursprecher Wolfgang Zinggl. Aber Blümel hätte diese Kritik an sich selbst richten müssen. Denn als Kulturminister wäre er am Zug gewesen, um den Erhalt des Welterbestatus zu sichern.

Aber als Minister habe es von Blümel nur das gegeben, was er jetzt der Wiener Stadtregierung vorhalte – nämlich “oberflächliche Bekenntnisse, unkonkrete Nachdenkpausen ohne Konsequenzen und ohne eindeutige Maßnahmen”, konstatierte Zinggl in einer schriftlichen Stellungnahme. Er fürchtet, dass sich “mit diesem Theater der Wiener Wahlkampf gestalten” und Wien danach den Welterbestatus verlieren wird.

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz