Das Wettlesen in Klagenfurt hat begonnen

John Wray erster Favorit beim Bachmann-Preis

Donnerstag, 06. Juli 2017 | 18:16 Uhr

John Wray geht als erster Favorit aus dem ersten Lesetag des Wettlesens um den Bachmann-Preis in Klagenfurt hervor. Dem ansonsten auf Englisch schreibenden Austro-Amerikaner könnte lediglich zum Verhängnis werden, von der Jury als zu virtuos befunden zu werden. Aber auch die Österreicherin Karin Peschka, die die undankbare Startnummer eins gezogen hatte, kann sich noch Chancen ausrechnen.

Sie sei “ein bissel nervös”, bekannte die gebürtige Oberösterreicherin, ehe sie einen Auszug aus der Erzählung “Wiener Kindl” las, Teil des Erzählbandes “Autolyse Wien – Erzählungen vom Ende”, der im August im Otto Müller Verlag erscheinen wird. Das “Kindl” zählt zu den Überlebenden einer Katastrophe, die Wien zerstört hat, “vielleicht nur Wien, vielleicht das ganze Land”. Während die Menschen “unter den Trümmern lagen, oder nach dem Unglück, nach dieser Irritation, aus der Stadt geflüchtet waren”, sind Hunde die Gefährten des Kindes, aber auch seine Konkurrenten im Überlebenskampf. “Das Kindl würde viel lernen müssen, falls es am Ende des Sommers noch am Leben sein wollte”, heißt es in dem dystopischen Text.

Die Jury zeigte sich uneins. Den einen wie dem Juryvorsitzenden Hubert Winkels war der Text zu einfach (“Das ist mir ein wenig zu wenig.”), andere wie der neue Juror Michael Wiederstein (“ein ambitionierter Genremix”), orteten “viel zu wenig Reduktion”. Meike Feßmann sah “ein sehr schlichtes Setting”, fand den Text aber “interessant”. Hildegard Keller sah “ein modernes Märchen, eine Art Hybridtext” mit sehr schönen Ansätzen, aber “gestauchter Sprache”: “Das kommt für mich noch nicht ganz zusammen.” “Was sich der Text vornimmt, löst er auch ein”, fand dagegen Sandra Kegel. “Eine Gesellschaft geht vor die Hunde”, fasste sie zusammen und sah im Sujet “Mowgli im Wienerwald” oder “Moses im Schilf”. “Dieser Text geht ein großes Wagnis ein, er begibt sich aus der Deckung”, meinte Stefan Gmünder, der Peschka eingeladen hatte: “Ich finde das sehr sauber durchgearbeitet, alles andere als einfach, sondern sehr komplex.” Klaus Kastberger sah wie Hubert Winkels in dem Text einen idealen Start ins Wettlesen um den Bachmann-Preis: “Es hat einen riesigen Vorteil, mit der Apokalypse anzufangen, dann hat man es hinter sich.”

Der junge Kärntner Björn Treber (Jahrgang 1992), dreimaliger österreichischer Jugendstaatsmeister im Tennis, stellte in seinem Text “Weintrieb” ein Begräbnis in den Mittelpunkt. Auf den Annabichler Friedhof wird der Großvater des Erzählers zu Grabe getragen. Beschrieben werden Zeremonie und Trauergäste, als durchgehendes Motiv dient Treiber ein immer wiederkehrender Verweis auf die Annabichler Vögel: “Sie singen nur für ihn.” “Weintrieb” ist das erste Kapitel eines größeren Projekts, an dem Treber arbeitet. Ausgehend vom Begräbnis geht es dabei um das Leben des Großvaters.

Während der Mut des jungen Autors, sich literarisch dem Tod eines nahen Menschen anzunähern, etwa von Stefan Gmünder, der Treber eingeladen hatte, oder von Klaus Kastberger, dessen Student Treber in Graz ist, gelobt wurde, hagelte es von der Mehrheit der Juroren teils harsche Kritik: Hubert Winkels sah “unterlaufene Fehler” und “viele Unbeholfenheiten” in dem Text, der “auf basale Weise nicht gelungen” sei, Meike Feßmann ortete eine “recht brave Geschichte”, Michael Wiederstein “eine Art Adjektivitis”. Sandra Kegel fand den Text “in der Bilderzeugung zu schwach”. Hildegard Keller begeisterte sich hingegen für die präzise und “frische Beschreibung eines Begräbnisses” und sah “sparsam gesetzte poetische Glanzlichter”. Kastberger fasste zusammen: “Sooo grottenschlecht ist der Text nicht. Treber lässt für die Zukunft etwas hoffen.”

“Madrigal” heißt der Text, den John Wray am Ende des ersten Vormittags las. Wray, 1971 in Washington D.C. geboren, ist heuer der einzige Kandidat, der bisher auf Englisch schreibt. Mit seinen Romanen (zuletzt: “Das Geheimnis der Verlorenen Zeit”) hatte der austro-amerikanische Autor, der in Brooklyn und im Kärntner Friesach auf dem Hof der Familie seiner österreichischen Mutter lebt, bisher sowohl in den USA als auch im deutschsprachigen Raum großen Erfolg.

In seinem teilweise dialogischen, wie ein Vexierbild immer wieder die Perspektive verändernden Text geht es um Madrigal, eine in Little Rock, Arkansas, lebende Frau, die “als Kaltanruferin für ein Inkassounternehmen” arbeitet und von ihrem Bruder, dem Schriftsteller Teddy, “Maddy” genannt wird. Die psychisch labile Madrigal, Autorin mit Schreibblockade, sieht ihr unbekannte Tiere in einem Teich und recherchiert diese im Internet. Es geht um Ornithologie und Kartographie, um den Forscher Theodore Avery Wells und den Autor Hunter Wagoner. Und, mehr oder weniger gut verborgen, wohl auch um Donald Trump.

In der Jury herrschte fast einhellig Begeisterung: “Ich bin schwer beeindruckt von diesem Text”, sagte Hubert Winkels. “Das war ein großes Vergnügen für mich”, versicherte Klaus Kastberger, der das “sehr stringente und nachvollziehbare erzählerische Konzept” und den brillanten Vortrag lobte: “Da war ein Profi am Werk.” – “Der Leser wird permanent an der Nase herumgeführt”, begeisterte sich Sandra Kegel, die Wray eingeladen hatte, über dessen “ausgebufftes Konzept”. “Ganz großes Handwerk” und “ein Zauberkunststück sondergleichen”, sah Heike Feßmann, die aber Zweifel hatte, ob er “hier zu viel auf einmal zeigen wollte”. In diese Kerbe schlugen auch Stefan Gmünder (“Beschreibung und Bericht, Traum und Albtraum, Zitat und Dialog – der Autor als Spieler” mit “einer Lockerheit, die mir schon fast zuviel ist”.), Hildegard Keller (“Irgend etwas ist zu beliebig an dieser Geschichte, sie ist mir irgendwie zu messy”) und Michael Wiederstein, der sich “sehr zwiegespalten” zeigte. Neben perfektem Handwerk ortete er “viel zu viel Simulation und zu wenig Geschichte”: “Mich stört am Ende diese Überfrachtung.”

Mit der Münchner Autorin und Filmerin Noemi Schneider (Jahrgang 1982), die Anfang des Jahres ihren Generationenroman “Das wissen wir schon” bei Hanser vorgelegt hatte, wurde das Wettlesen am Nachmittag fortgesetzt. “Fifty Shades of Gray” heißt ihr Text, der sich in Abschnitten von “Cool Gray One” bis “Cool Gray Forty Nine” um eine “Baronesse” genannte Psychiaterin und Internats-Absolventin und ihre mitreisende Freundin dreht. Ob es sich um eine banale Urlaubsreise oder eine Flucht vor dem sich durch einen immer finster werdenden Nebel anbahnenden Weltuntergang handle, darüber herrschte in der Jury Uneinigkeit.

Der Jury-Vorsitzende Hubert Winkels, der Schneider eingeladen hatte, lobte den Text als “Umkehrung des Flüchtlingsstroms” und sah in ihm “die zweite apokalyptische Geschichte von heute”: “Es ist der lustigste Weltuntergang, den man sich denken kann.” Klaus Kastberger fand Winkels Interpretation deutlich interessanter als den Text selbst: Dieser sei “zu gezuckert”, “die biedermeierlichste Weltuntergangsgeschichte, die ich jemals gehört habe, ein Setzkästchen der Apokalypse”. “Eine Möchtegern-Apokalypse”, lautete Hildegard Kellers Urteil: “Die Dramatik des angeblichen Countdowns wird überhaupt nicht nachvollziehbar.” – Der Text sei “interessant gemacht, aber dem Thema der sogenannten Flüchtlingskrise unangemessen”, meinte Michael Wiederstein, während Meike Feßmann “reißerische und bisschen banale Effekte” ausmachte und Stefan Gmünder den Text “zu durchschaubar, zu plakativ” fand. Sandra Kegel ortete eine “interessante Schizophrenie der Sprache”: “Ich finde das eigentlich sehr gelungen.”

Daniel Goetsch, 1968 in Zürich geboren und heute in Berlin lebend, nahm bereits im Jahr 2000 am Wettlesen um den Bachmann-Preis teil. Heute las er zum Abschluss des ersten Tages unter dem Titel “Der Name” einen Romanauszug. Ausgehend von einem Inselspaziergang erinnert sich ein heute fast 80-Jähriger an das Jahr 1946, an eine Liebschaft mit einer 19-Jährigen, der Tochter eines Deutschen, den der damalige US-Besatzungsoffizier im Zuge der Entnazifizierungen zu verhören hatte und ihn schließlich zum Beauftragten für Presse und Rundfunk in der Besatzungs-Administration machte.

Hubert Winkels sah “eine Identitäts-Auflösungs-Geschichte”, die jedoch “zusammencollagiert zu sein scheint” aus verschiedenen Elementen des Romans. Auch Stefan Gmünder und Klaus Kastberger, der “von der Stilistik wenig auszusetzen” hatte, fand den Romanauszug unglücklich gewählt: “Der Text braut epische Breite”, so Kastberger. “Viel zu konventionell erzählt”, befand Sandra Kegel, “viele stilistische Mängel” sah Meike Feßmann. Einzig in Michael Wiederstein und Einladerin Hildegard Keller fand der Text Anhänger.

Bis Samstag lesen sieben Autorinnen und sieben Autoren beim Literaturwettbewerb aus bisher unveröffentlichten Texten. Am Freitag, dem zweiten Wettbewerbs-Tag, treten Ferdinand Schmalz, Barbi Markovic, Verena Dürr, Jackie Thomae und Jörg-Uwe Albig in Klagenfurt an.

Von: apa

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