Fünf von 17 Bänden bisher erschienen, zuletzt "Der Schmerz der Gewöhnung"

Joseph Zoderer wird 85: Die Werkausgabe

Dienstag, 24. November 2020 | 07:00 Uhr

Bozen – Auf 17 Bände angelegt ist die Werkausgabe von Joseph Zoderer, die seit 2015 im Haymon Verlag erscheint. In Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Germanisten Johann Holzner und dem von ihm 2001 bis 2013 geleiteten Brenner-Archiv Innsbruck wird jeder Band durch ein Nachwort sowie mit Materialien aus dem im Brenner-Archiv liegenden Vorlass des Autors ergänzt. Bisher sind fünf Bände erschienen, zuletzt vor wenigen Wochen “Der Schmerz der Gewöhnung”.

“Der Schmerz der Gewöhnung”:

“Das ist mein wichtigstes Buch”, sagt Zoderer selbst über diesen 2002 erschienenen Roman. “Da ist alles drinnen an Lebenserfahrung und Identitätssuche.” Zwischen Südtirol und Sizilien, Schuld und Verantwortung, Faschismus und Versöhnung oszilliert das Buch, das von vielen für Zoderers bestes gehalten wird. Nach dem Unfalltod seiner kleinen Tochter reist der Bozner Redakteur Jul nach Agrigento, in die alte Heimat seines Schwiegervaters, eines ehemaligen faschistischen Funktionärs, der nach Bozen versetzt wurde, um die Italienisierung der Südtiroler voranzutreiben. Juls Familie dagegen optierte – wie Zoderers eigene Familie auch – für Hitlerdeutschland und ging nach Graz. Familiengeschichte und Zeitgeschichte bilden ein schmerzhaftes Geflecht zwischen Jul und seiner Frau Mara, mit dem das Thema aus “Die Walsche” weitergeschrieben wird. Irene Zanol hat Materialien zu Entstehung und Rezeption des Romans zusammengetragen, Peter Hamm steuert eine Lobrede bei, in der auch er betont, dass “Der Schmerz der Gewöhnung” “in manchem wie eine Rekapitulation seines ganzen bisherigen Werkes wirkt”. (Joseph Zoderer: “Der Schmerz der Gewöhnung”, Roman, 384 Seiten, 24,90 Euro, ISBN 978-3-7099-3450-0)

“Dauerhaftes Morgenrot”

Als “frühes Meisterwerk” gilt der 1987 erschienene Roman, dessen in Triest lebender Protagonist Lukas ein Getriebener ist, der auf der Suche nach dem Glück in Wunsch- und Albträume gleichermaßen gerät. “Was immer ihm begegnet, was er mit allen seinen Sinnen übergenau wahrnimmt, Blicke, Stimmen, Gerüche, das alles erhält Platz in seinen Phantasien und Ausschweifungen, ohne dass seine Sehnsucht, der Einsamkeit zu entkommen, je gestillt würde”, schreibt Johann Holzner im Nachwort der die Werkausgabe eröffnenden Neuausgabe, die durch eine umfangreiche Materialiensammlung von Verena Zankl ergänzt wird. Doch die Sehnsucht entpuppt sich als mächtiger denn die Erfüllung. Die das Buch bestimmende poetische Bildhaftigkeit wurde in der Rezeption ebenso gelobt wie kritisiert. Wenige Monate nach Erscheinen wurde Zoderer der Theodor-Csokor-Preis zugesprochen. “Ich freue mich”, notierte er in sein Tagebuch. “Mein erster österreichischer Preis.” (Joseph Zoderer: “Dauerhaftes Morgenrot”, Roman, 200 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7099-7183-3)

“Das Schildkrötenfest”

Nichts von Südtirol gibt es in diesem 1995 erstmals erschienenen Roman zu lesen, der den Protagonisten Loris auf einer langen Reise nach Mexiko begleitet. Im Bus sitzt eine schöne, unnahbare Frau neben ihm. Eine späte Annäherung lässt eine unerwartete Vertrautheit entstehen, aus der sich eine Amour fou entwickelt. Die Notizbücher seiner 1970 unternommenen Mexiko-Reise, die im Hippie-Milieu endete, bildeten 1993 den Grundstock der Arbeit an diesem Buch, erfährt man in der Materialiensammlung von Andrea Margreiter ebenso wie die durchaus schwierige Entstehungsgeschichte. Elemente des Liebes-, des Reise- und des Abenteuerromans findet Sieglinde Klettenhammer in ihrem Nachwort über das Buch, mit dem Zoderer Südtirol so weit wie möglich hinter sich lässt. Nach einer Reihe von negativen Kritiken empfahl Verleger Michael Krüger seinem Autor für das nächste Projekt jedoch: “Laß ab von den exotischen Frauen, sie werden Dir immer nur Kummer machen, und wende Dich den Schönheiten Deines Tales zu, die Du vom Berg herab durch die Wiesen tänzeln siehst. Hier ist Deine Phantasie zu Hause.” (Joseph Zoderer: “Das Schildkrötenfest”, Roman, 19,90 Euro, 200 Seiten, ISBN 978-3-7099-7159-8)

“Die Walsche”

Der dritte Band der Werkausgabe gilt Zoderers wohl populärstem Roman “Die Walsche”. “Das ist Prosa, die einen anrührt und bewegt”, zitiert Irene Zanol in ihrem langen Beitrag zur Entstehung des Buches Marcel Reich-Ranicki. Der Kritikerpapst lobte den Auszug aus dem in Entstehung befindlichen Roman, den Zoderer 1981 beim Wettlesen um den Bachmann-Preis vortrug, über den grünen Klee. Preis bekam er keinen. Doch der Antritt war Dank zahlreicher in Klagenfurt geknüpfter Kontakte sein Eintritt in die große Verlagswelt. Der Hanser Verlag wurde seine verlegerische Heimat – mit einem Buch, das Zoderer in der Wahrnehmung lange auf das “Südtirol-Thema” fixierte. Eine junge Frau, die in der Stadt mit ihrem italienischen Lebensgefährten ein Lokal im Arbeiterviertel betreibt, kehrt zum Begräbnis ihres Vaters, in ihr Heimatdorf in den Südtiroler Bergen zurück. Ablehnung, Misstrauen und Kälte schlagen ihr entgegen. Der bei Erscheinen heiß diskutierte, schmale Roman wurde verfilmt, dramatisiert und auch auf Italienisch ein Bestseller. “Mit diesem Buch ist Zoderer in die deutsche Literatur eingetreten und hat sie bereichert, stilistisch und thematisch;”, schreibt Sigurd Paul Scheichl in seinem Nachwort, “heute kann man sagen, dass er das nicht nur mit der ‘Walschen’ getan hat.” (Joseph Zoderer: “Die Walsche”, Roman, 200 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7099-7240-3)

“Lontano”

“Lontano” (italienisch für weit, entfernt) ist nach “Das Glück beim Händewaschen” (1976) und “Die Walsche” (1982) der 1984 erschienene dritte Roman Zoderers, der tatsächlich in die Ferne führt: Weit von der Heimat entfernt hadert der Protagonist mit der Vergangenheit und sucht in Nordamerika neue Orientierung. Montreal, Detroit, San Francisco und Los Angeles, der Sankt-Lorenz-Strom, die Niagarafälle und der Mississippi bilden den geografischen Hintergrund dieses Roadtrips eines gedankenverlorenen Vagabunden, in den manche Motive der 1970 unternommenen Amerika-Reise des Autors eingearbeitet sind. Der Grundtenor der Kritiken war sehr positiv und bestärkte Zoderer auf seinem Weg: “Generell wird einmal mehr die genaue Beobachtungsgabe, die detailscharfe und minutiöse Erzählkunst des Autors gelobt, die sich in einer dichten, bildhaften Sprache ausdrückt, schreibt Andrea Margreiter in ihrem Nachwort. “Damit zählt Zoderer für viele Kritiker zu den besten Vertretern traditioneller Erzählkunst.” (Joseph Zoderer: “Lontano”, Roman, 176 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7099-7280-9)

Von: apa

Bezirk: Bozen

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