Großer Erzähler aus Südtirol feiert Geburtstag

Joseph Zoderer wird 85 – “Jeder Autor ist Spezialist für Fremdheit”

Montag, 23. November 2020 | 10:55 Uhr

Corona macht Joseph Zoderer keine Angst. Seit März hat er sich mit seiner Frau auf den alten Bergbauernhof in der Nähe von Bruneck zurückgezogen, den er vor 50 Jahren erworben hat. Hier, auf 1.300 Meter Seehöhe und weitab von anderen Menschen, macht er jeden Morgen einen ausgiebigen Spaziergang. “Ich gehe täglich in den Wald. Ich bin zwar Herzpatient, fühle mich aber wie Anfang 60”, lacht der Autor. Am Mittwoch (25. November) wird Joseph Zoderer 85 Jahre alt.

Geboren wurde er 1935 in Meran. Als er vier Jahre alt war, optierten seine Eltern für Großdeutschland und übersiedelten nach Graz. Dort ging er in die Schule. Nach dem Krieg wurde er in ein Schweizer Gymnasium geschickt, von wo er später den nach Südtirol zurückgekehrten Eltern nachfolgte. Nach der Matura studierte er in Wien Jus, Philosophie, Theaterwissenschaften und Psychologie, wurde hier Journalist und unternahm ausgedehnte Reisen in die USA, nach Kanada und Mexiko. “Ich habe damals nicht gedacht, dass ich nach Südtirol zurückkehre”, sagt Zoderer heute.

“Ich bin sehr viel unterwegs gewesen”, erinnert Zoderer auch an einen einjährigen Berlin-Aufenthalt, ein Semester an einer Universität in New York City und seine Reisen, die ihn per Autostopp durch den nordamerikanischen Kontinent führten und schließlich in einer mexikanischen Aussteiger-Kolonie endeten. Diese Erfahrungen spiegeln sich auch in seinen Büchern wider. Sie beschäftigen sich immer wieder mit dem Hinterfragen von Zugehörigkeiten und Zuschreibungen, stellen Identitätskonflikte in den Mittelpunkt. “Jeder Autor steht an einem Fenster und schaut von außen nach innen”, nennt das Zoderer. “Jeder Autor ist irgendwie Spezialist für Fremdheit.”

Dass Zoderer, der sich weniger als Südtiroler Schriftsteller definiert, denn als österreichisch geprägter deutschsprachiger Autor mit italienischem Pass, noch immer stark mit “Südtirol-Themen” in Verbindung gebracht wird, hat vor allem mit seinem fulminanten Einstieg in die literarische Welt zu tun – mit dem 1982 erschienenen Roman “Die Walsche”. Der Roman über eine Südtiroler Bauerntochter, die im Arbeiterviertel der Stadt mit ihrem italienischen Lebensgefährten eine Café-Bar betreibt und zum Begräbnis ihres Vaters in ihren Heimatort zurückkehrt, wurde weniger über seine universellen Themen der Entfremdung und Diskriminierung als über den dabei auch beschriebenen ethnischen Konflikt diskutiert.

“Südtirol war mir eigentlich kein Problem, und in den ersten Sachen, die ich in Wien geschrieben habe, ist Südtirol auch in keinem Wort vorgekommen”, erzählt Zoderer im Gespräch mit der APA. “Ich hab mich auch immer bewusst mit Themen allgemeiner Gültigkeit beschäftigt: Jeder auf der Welt sollte davon etwas haben können. Mein Leben besteht aus viel mehr Welt, und als ich nach Südtirol zurückgekommen bin, hab ich den ethnischen Konflikt gar nicht verstanden.”

So naiv, ihn zu ignorieren oder zu negieren, war er freilich nicht, davon zeugt auch seine Erzählung “Wir gingen” im 2005 veröffentlichten Erzählband “Der Himmel über Meran” oder der 2002 erstmals erschienene und soeben als fünfter Band der Haymon-Werkausgabe neu herausgekommene Roman “Der Schmerz der Gewöhnung”. “Das ist mein wichtigstes Buch”, sagt der Autor. “Da ist alles drinnen an Lebenserfahrung und Identitätssuche.” Warum ist Joseph Zoderer überhaupt nach Südtirol zurückgekehrt? “Ich weiß, dass es wichtig ist, dass das Individuum eine Wurzel hat. Aber ich bin weit davon entfernt, ein Lederhosen-Patriot zu sein. Die Mentalität, die sich auf ‘mir san mir’ reduziert, lehne ich total ab.”

Ehe er sich nach seinem Erfolg beim Wettlesen um den Bachmann-Preis 1981, als er mit einem Auszug aus “Die Walsche” zwar keinen Preis, aber viel Lob erhielt und ausgezeichnete Verlagskontakte knüpfen konnte (“Für mich weitaus wertvoller als jeder Preis”), für eine Existenz als freier Schriftsteller entschied, arbeitete Zoderer als Journalist. Er begann nach der Matura unter Hans Dichand beim “Kurier” und war 1959 Teil der Gründungsmannschaft der “Neuen Kronen Zeitung”, wo er das Gerichts-Ressort leitete, später war er bei der “Presse” “für Gerichtssaal und Weltraum” zuständig. “Ich dachte, als Journalist lerne ich verschiedene Lebensbereiche kennen und lerne schreiben. Ersteres stimmte, Letzteres war eine glatte Fehleinschätzung”, schmunzelt er. “Ich war ein schlechter Journalist und hab’ mich vor jedem Interview gedrückt. Ich wollte das schreiben, was in mir gebrodelt hat.”

1971 wurde Zoderer schließlich bei der RAI in Bozen Redakteur – damals unter normalen Umständen eine gut bezahlte Lebensstellung, die man keinesfalls freiwillig aufgab. Der Brotberuf ließ auch genug Zeit, um an Gedichten und an dem Roman “Das Glück beim Händewaschen” (der 1976 als sein erster Roman gedruckt wurde) zu schreiben. Doch Zoderer, damals Vater von zwei kleinen Buben, kündigte abermals, um sich ganz dem Schreiben widmen zu können. “Meine Schwiegermutter hat fast der Schlag getroffen!” Das Risiko hat sich gelohnt, ist sich der Autor sicher. “Ich hab’ ein intensives Leben geführt und bin heute glücklich. Ich hab keine Todesangst. Wenn ich heute sterben würde, hätte ich nicht das Gefühl, dass ich viel verpasst hätte.”

Seit 2015 erscheint im Haymon Verlag in Zusammenarbeit mit dem Innsbrucker Brenner-Archiv, wo sein Vorlass liegt, eine vorbildlich mit Materialien ergänzte Werkausgabe von Zoderers Oeuvre, das Erzähl- und Gedichtbände ebenso umfasst wie bisher zehn Romane. Die Werkausgabe, die auch Briefe und politische Stellungnahmen inkludieren soll, ist auf 17 Bände angelegt. “Das Ende werd’ ich nimmer erleben. Aber ich kenn’s ja”, lacht Joseph Zoderer. Er schreibt noch immer jeden Tag. Mit Füllfeder. 2019 ist sein bisher letzter Roman erschienen, “Der Irrtum des Glücks”. Seit einigen Jahren hängen in seinem Schreibstudio in Bruneck Manuskriptfassungen eines neuen Romans an den Wänden. Er spielt teilweise auf Lesbos. Die 2015 fertiggestellte Erstfassung verwarf der Autor wieder, als die Flüchtlingskrise ausbrach. Wann er den Roman, dessen Arbeitstitel er nicht verraten möchte, aus den Händen geben wird, weiß er noch nicht.

Sehr wahrscheinlich ist dagegen, dass im Herbst 2021 ein neuer Gedichtband von ihm erscheinen wird. Doch Zoderer macht sich keinen Druck. Dem, was noch kommt, blickt er gelassen entgegen. So wie der weiteren Entwicklung der Coronakrise. Weihnachten nicht nur mit seiner Frau Sandra, sondern auch mit seinen drei in Wien lebenden erwachsenen Kindern feiern zu können, wäre halt schön, meint er. Seine Familie bedeute ihm viel. Obwohl ihm bewusst sei, dass er nicht immer ganz für sie da gewesen sei. “Als Schreiber ist man immer viel mit seinem Ego beschäftigt. Man muss absolut sein, man muss grausam sein – ohne, dass man es will.”

(Das Gespräch führte Wolfgang Huber-Lang/APA)

Von: apa

Bezirk: Bozen