Auch Ötzi-Film "Iceman" wird heuer gezeigt

Kino-Magie: Das Filmfestival Locarno feiert 70. Geburtstag

Mittwoch, 26. Juli 2017 | 11:55 Uhr

Das Internationale Filmfestival Locarno feiert Geburtstag: Zum 70. Mal kommt Kinoprominenz aus aller Welt vom 2. bis zum 12. August in den idyllischen Ort am Schweizer Ufer des Lago Maggiore. Auch österreichische Produktionen finden sind im Programm, darunter Astrid Johanna Ofners Spielfilmdebüt “Abschied von den Eltern” nach einer autobiografischen Erzählung von Peter Weiss.

In seinem 1960 erschienenen Text ohne Dialog und Absatz arbeitete Weiss das Verhältnis zu seinen Eltern und seine von Flucht und Exil geprägte Kindheit und Jugend in den 1930er- und 40er-Jahren auf. Ofner hat die Poesie der Erzählung “freigelegt und subtil getaktet für die Leinwand imaginiert”, urteilt die Austrian Film Commission (AFC), und wurde in den Wettbewerb von Erst- und Zweitfilmen, Cineasti del presente, eingeladen. Mit “Sand und Blut” gastiert ein weiteres heimisches Langfilmdebüt in Locarno, jedoch außerhalb des Wettbewerbs: Für ihren Dokumentarfilm interviewten die Filmakademie-Wien-Studenten Matthias Krepp (Regie) und Angelika Spangel (Kamera) Augenzeugen des Kriegs im Irak und in Syrien, die nun als Flüchtlinge in Österreich leben. Mit “Druzina” (The Family) von Rok Bicek ist eine slowenisch-österreichische Koproduktion in der “Semaine de la Critique” vertreten.

Das Festival gilt nach Cannes, Berlin und Venedig als wichtigstes Forum des Kinos. Es hatte recht bescheiden begonnen: Gegründet von Regisseuren wie Charlie Chaplin und Sergej Eisenstein, lockten die Aufführungen in den ersten Jahren einige Hundert Zuschauer in den mediterranen Garten des Grand Hotels von Locarno. Von Anfang an waren die Freiluft-Projektionen unterm Sternenzelt der Clou – sie sind es noch heute. Inzwischen kommen allabendlich etwa 8.000 Zuschauer auf die Piazza Grande des malerischen Ortes. Ebenda wird heuer die deutsch-italienisch-österreichische Koproduktion “Iceman” von Felix Randau gezeigt, mit Jürgen Vogel als als Ötzi bekannt gewordener Steinzeitmensch, dessen mumifizierte Leiche 1991 nach mehr als 5000 Jahren aus dem Eis der Ötztaler Alpen in Südtirol geborgen wurde.

Seit den 1960er-Jahren hat sich das Festival vor allem als Sprungbrett für junge Autoren und Regisseure etabliert. Heute weltberühmte Filmemacher wie Woody Allen aus den USA, der Pole Krzysztof Zanussi, der Russe Andrei Tarkowski, der Kanadier Atom Egoyan oder der Italiener Daniele Luchetti haben ihre internationalen Karrieren mit Auszeichnungen in Locarno begonnen.

In seiner 70. Ausgabe zeigt das Festival in verschiedenen Sektionen fast 300 Spiel-, Dokumentar- und Kurzfilme. 18 Beiträge aus aller Welt konkurrieren im “Concorso Internazionale”, dem Hauptwettbewerb, um den Goldenen Leoparden, darunter vier Dokumentarfilme. Glanz und Glamour bringen sollen in diesem Jahr Stars wie Fanny Ardant, Mathieu Amalric, Vanessa Paradis, Charlize Theron, Willem Dafoe, Glenn Close, Noomi Rapace, Adrien Brody und Nastassja Kinski.

Der Ort im italienischsprachigen Teil der Schweiz hat sich bereits auf das Festival vorbereitet: In den Schaufenstern der Läden, an den Säulen der Passagen und an vielen Hauswänden erinnern Fotos an glanzvolle Momente aus der Festivalgeschichte. Zu den beliebtesten Motiven zählt dabei die Wiederbegegnung von Marlene Dietrich mit ihrem Förderer Josef von Sternberg, dem Regisseur von “Der blaue Engel”. Oft zu sehen auch: Ulrich Mühe in “Das Leben der Anderen”. Der Film hatte 2006 Furore gemacht und den Publikumspreis gewonnen.

Das Festival ruht sich nicht auf den Lorbeeren von einst aus, das belegen renovierte Kinosäle und neue Spielstätten sowie die Einführung weiterer Sektionen, etwa für Kinder. Carlo Chatrian, der künstlerische Leiter will dem Publikum die Vielfalt des modernen Kinos zeigen. Er will das Festival dazu nutzen, um über den “Stellenwert von Filmen heute und in Zukunft nachzudenken”. Ein Tribut an die Moderne ist die Änderung des Festivalnamens zum Jubiläum: Aus “Festival del Film Locarno” wird “Locarno Festival”. Damit signalisiert das Festival seine Öffnung hin zu den heutigen Entwicklungen der audiovisuellen Künste wie die Digitalisierung.

Nicht ändern wird sich, dass die abendlichen Galas das A und O des “Locarno Festivals” sind. Selbst wenn es regnet und sich die Zuschauer unter Schirmen und Capes verkriechen, entfaltet sich eine einmalige Magie des Spiels von Licht und Schatten. Wer das auch nur einmal selbst erlebt hat, weiß, warum so viele davon schwärmen, Locarno sei der schönste Ort der Welt, um das Kino zu feiern.

(S E R V I C E – www.pardolive.ch)

Von: dpa

Bezirk: Bozen