Keine künstlerischen Kompromisse

Klangspuren Schwaz: Erstaunliche Komplexität im Corona-Krisenjahr

Montag, 14. September 2020 | 06:50 Uhr

Am Eröffnungsabend des Festivals “Klangspuren” ist das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck am Freitag in Schwaz im Corona-Krisenjahr hinsichtlich der musikalischen Komplexität und Mannigfaltigkeit keine Kompromisse eingegangen. Vor allem die Komposition “Apeiron” von Adriana Hölszky erwies sich als hochkomplexe Wunderkammer.

Dabei deuteten bei den “Klangspuren” im Vorfeld alle Zeichen in Richtung Notprogramm. Internationale Musiker mussten größtenteils ausgeladen werden. Das Festival wurde neu konzipiert und unter das Motto “Zeitzeichen” gestellt. Das Festival, das bis zum 20. September dauert, setzt damit fast ausschließlich auf heimische Interpreten.

Das Tiroler Symphonieorchester Innsbruck agierte, wie es sich bereits über die Jahre fest eingebürgert hat, zum Festivalauftakt solide, wandelbar und mit einem bunten Querschnitt der Möglichkeiten und Unmöglichkeiten der sogenannten Neuen Musik.

Das erste gespielte Werk des Abends, komponiert vom Südtiroler Hannes Kerschbaumer, erwies sich als nicht-figuratives Stück, das sich in seinen knapp sieben Minuten so gar nicht um Klimax oder gar nachvollziehbare Melodien scherte. Unter dem Titel “schiefer” bot Kerschbaumer vielmehr verschiedene Schichtungen an, ließ schwellende Crescendi ins Leere laufen und forderte auch sonst die Hör-Abenteuerlust und Geduld des Publikums heraus.

Gänzlich anders zeigte sich “Apeiron” aus der Feder von Adriana Hölszky. Das 26-minütige Stück erwartete die Zuhörer mit atemberaubender Komplexität, wahnwitzigen Violine-Eskapaden und einem schier unendlichen Sog. So stolperte nicht nur der Violine-Solist Martin Mumelter an einer Stelle aufgrund eines Blattfehlers, sondern auch ein Teil des Publikums. Jene, die mit voller Aufmerksamkeit dabei waren, wurden aber reich mit einem kaleidoskopartigen Klangraum belohnt, der sich aus vielen Blickwinkeln betrachten und hören ließ.

Leichter machte es einem im Anschluss die Komposition “Música pura” von Gerd Kühr. Sie oszillierte zwischen sich nahe an den Renaissance-Originalen bewegenden Bearbeitungen und den Möglichkeiten der zeitgenössischen Musik. Überraschende Verbindungen wurden dadurch sichtbar, Kontrapunkte stehen gelassen und letzten Endes wurde es auch dem Publikum überlassen, in welche der beiden nicht nur historisch getrennten Klangwelten es tiefer eintauchen wollte.

Für die an diesem Abend angedeutete Fülle des gegenwartsbezogenen Musikschaffens gab es für das unter Titus Engel souverän musizierende Tiroler Symphonieorchester Innsbruck zum Abschluss kräftigen Applaus.

(S E R V I C E – https://www.klangspuren.at/klangspurenschwaz/)

Von: apa

Bezirk: Bozen