Im republic wurde man David Grossmans Roman gerecht

“Kommt ein Pferd in die Bar”: Therapie-Galopp in Salzburg

Donnerstag, 09. August 2018 | 09:05 Uhr

“Kommt ein Kamel in die Bar und fragt: Hast Du meinen Bruder gesehen? Antwortet der Barmann: Wie sieht er denn aus?” – Sachen zum Lachen waren die Ausnahme in der Stand-Up-Comedy-Show des Dov Grinstein, die am Mittwochabend im republic den Rahmen für die dritte Schauspiel-Neuproduktion des Salzburger Festspiele gab. Dennoch wurde man David Grossmans Roman “Kommt ein Pferd in die Bar” gerecht.

In dem 2014 erschienenen Buch lässt der israelische Schriftsteller, der auch selbst bei der Premiere anwesend war, einen seines Lebens und seines Berufs überdrüssigen Alleinunterhalter einen Freund in seine möglicherweise letzte Show einladen. Er möchte, am Abend seines 57. Geburtstags und in Besitz einer verheerenden ärztlichen Diagnose, von ihm ein ungeschminktes Urteil über sich selbst erhalten. Die zufällige Anwesenheit eines Nachbarsmädchen von einst lässt den Abend vollends aus dem Ruder laufen und konfrontiert ihn schonungsloser als geplant mit seiner Vergangenheit.

Regisseur Dusan David Parizek lässt sich in seiner Dramatisierung nur wenig auf den vom Roman vorgegebenen Handlungsrahmen ein. Schon seine Bühne, eine leicht nach hinten geneigte Bretterwand, auf die gelegentlich Schatten und Videobilder geworfen werden, vor der dem Akteur aber nur wenig Spielraum bleibt, ist Kunst und nicht Realismus. Wenn Samuel Finzi im grauen Glitzer-Anzug zu Beginn den Show-Man mimt, dann ist das von der ersten Sekunde an eine Rolle, die er sich gar nicht erst anzueignen sucht, sondern bloß vorzeigt. Seine Zwiesprache mit dem Publikum ist beiläufig, seine Gags routiniert. Hier kämpft niemand ums Überleben, sondern liefert bloß das Vorspiel zum eigentlichen Drama.

Grossmans Roman schildert aus der Beobachter-Position des Freundes ein furioses und gefährliches Spiel Doveles mit seinem Publikum. Gekommen, um unterhalten zu werden, bekommt es kalt-warm. Routinierte Brocken seiner Unterhaltungskunst wechseln mit brillanten, kurzen Geschichten aus seinem Leben und demonstrativer Abscheu vor dem eigenen Tun. Nie weiß man, woran man ist, ob es Dov gerade ernst ist, oder er bereits die nächste Volte geschlagen hat. Dass den Zuschauern ständig der Boden unter den Füßen weggezogen wird, macht den Reiz des Buches aus.

Parizek verzichtet auf brutale Brüche und falsche Fährten. Er muss ohne den als Erzähler fungierenden interpretierenden Beobachter auskommen und konzentriert sich auf den Menschen Dovele und auf dessen weibliches Spiegelbild, die einstige Nachbarsfrau Pitz, die nun in seiner Vorstellung sitzt und es nicht fassen kann, was für ein komischer, unangenehmer Kauz der “gute Junge” von einst geworden ist. Mavie Hörbiger macht aus ihr ein großäugiges und ungläubiges, zerbrechliches Zauberwesen, die widerstrebend zur Bühnenpartnerin Doveles wird. Der zwei Stunden vierzig Minuten dauernde pausenlose Abend ist nie Comedy, nie Show. Er ist immer Theater. Und in seiner zweiten Hälfte: richtig gutes Theater.

Was Pitz an diesem Abend in Dovs Vorstellung getrieben hat, ist ebenso unklar wie ihr ziemlich nüchternen Abgang durch die hintere Bühnentüre, doch als Assistentin auf seinem Weg in die eigene Kindheit ist sie unerlässlich – schon alleine, weil sie jenes Kunststück vorführen kann, mit dem der kleine Dov einst alle Aufmerksamkeit auf sich zog: auf Händen gehen. Die schmerzhafte Wiederbegegnung mit der eigenen Vergangenheit wird durch das Wegfallen der Barriere möglich, die nun keinen Halt mehr gibt, sondern mit lautem Knall nach hinten kippt und den Weg zur Katharsis freigibt.

Auf dem so entstandenen drehbaren Bühnen-Podest stellt der rotierende Finzi mithilfe einer Videokamera die Zentralszene seines Lebens nach. Die tragikomische Fahrt im Militärjeep, mit dem der damals 14-jährige Dovele von einem Jugendcamp in der Wüste zum Begräbnis eines Elternteils gefahren wurde, wird zum fulminanten Höhepunkt des Abends. Im Unklaren darüber, ob Vater oder Mutter gestorben sind, ertappt sich der Bub bei Spekulationen darüber, was ihm das kleinere Übel wäre, und fühlt sich sogleich schuldig: “Meine Selektion” wird zur Ursünde, von der er nie mehr loskommt. Und der Abend zur im forcierten Galopp absolvierten Selbsttherapie, die wehtut und als große Metapher weit über den Einzelfall hinaus weist. Hier kommt die Aufführung der Meisterschaft und dem Humanismus des Autors am nächsten.

Am Ende hat Dovele rund um sich viele spitze, rote Blumen wie Pfeile in den Boden geworfen. Die letzte wirft er in die Luft. Sie bleibt im zweiten Brettergeviert stecken, das als Decke über seinem Kopf schwebt. Überraschung: Der hölzerne Himmel bleibt oben hängen und erschlägt ihn nicht. Das Schicksal lässt sich herausfordern. Es besteht Hoffnung. Auf ein Leben mit dem Tod.

Trotz mancher Publikums-Abgänge während der Vorstellung gab es am Ende für Finzi, Hörbiger und Parizek sowie Autor Grossman 4:15 Minuten herzlichen Applaus, der in eine kleine musikalische Zugabe des Hauptdarstellers mündete. Die Koproduktion mit dem Burgtheater und dem Deutschen Theater Berlin steht bis 23. August in Salzburg auf dem Programm und ist ab 5. September im Wiener Akademietheater zu sehen.

(S E R V I C E – “Kommt ein Pferd in die Bar” von David Grossman, Dramatisierung, Regie und Bühne: Dusan David Parizek, Kostüme: Kamila Polivkova. Mit: Samuel Finzi – Dov Grinstein, Mavie Hörbiger – Pitz. Deutschsprachige Erstaufführung. Koproduktion mit dem Burgtheater Wien und dem Deutschen Theater Berlin. republic. Weitere Aufführungen: 10., 12., 14., 15., 18., 21., 23. August. Karten: 0662 / 8045-500, www.salzburgerfestspiele.at; Ab 5. September am Akademietheater in Wien.)

Von: apa

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