Slagmuylder wird an Bewährtem festhalten

Künftiger Festwochen-Intendant plant keine “Tabula rasa”

Mittwoch, 27. Juni 2018 | 13:54 Uhr

Bereits seit Montagabend steht fest, wer die Geschicke der Wiener Festwochen nach dem vorzeitigen Abgang von Tomas Zierhofer-Kin 2019 leiten wird. Am Mittwochvormittag stellte Kulturstadträtin Veronica Kaup-Hasler (SPÖ) den interimistischen Festwochen-Intendanten, den Belgier Christophe Slagmuylder (51), offiziell vor. Der Medienandrang war groß, die programmatischen Ansagen überschaubar.

Es sei alles sehr schnell gegangen, bekannten die Neo-Politikerin mit jahrelanger Festival-Erfahrung und der neue Festwochen-Leiter unisono. “Ich muss gestehen, dass Christophe der Erste war, den ich angerufen habe. Ich kenne ihn lange, bin ihm sehr verbunden. Wir haben gemeinsam viele Projekte realisiert und teilen einen ähnlichen Blick auf das, was eine Vision eines Festivals im urbanen Raum sein sollte und was Zeitgenossenschaft bedeutet”, sagte Kaup-Hasler.

Er habe das Gefühl, “dass es für mich die richtige Entscheidung ist”, sagte Slagmuylder, der diese Entscheidung freilich erst nach Bedenkzeit getroffen hat. Schließlich hätte er 2019 noch das Kunstenfestivaldesarts in Brüssel leiten sollen, das nun bereits für das kommende Jahr eine neue Führung suchen wird. Auch für 2020 ist er bereits gebucht: In Düsseldorf soll er das alle drei Jahre in einer anderen Stadt stattfindende Festival “Theater der Welt” leiten. Dazu wollte sich Slagmuylder auch auf Nachfrage nicht äußern.

Es sei eine Ehre, die Leitung der Wiener Festwochen zu übernehmen. Er werde erst in den nächsten Stunden das Team treffen und wolle respektvoll mit den vorhandenen Personen und Plänen umgehen. “Ich will nicht mit einer Tabula rasa starten.” Ein klares Bekenntnis legte er jedoch für die Rolle der Festwochen als Produzent und Initiator von Projekten ab. “Sie sind ein guter Platz für risikoreiche Produktionen. Wir sollten künstlerische Visionen fördern und aufgreifen. Ich will, dass dieses Festival in dieser Zeit und an diesem Ort zeitgenössisch ist. Das ist ein fundamentaler Aspekt. Ich unterscheide nicht gerne zwischen Avantgarde und Klassik, sondern es geht darum, wie Kunstwerke mit dieser Zeit verknüpft werden können.”

“Ich bin ein sehr europäischer Mensch. Belgien ist so ein kleines Land, in dem es so viele Sprachen gibt, die Frage von Identität ist für mich dort sehr interessant und wichtig. Deshalb ist es so wichtig für mich, nach Wien zu kommen. All die osteuropäischen Einflüsse in Wien sind für mich interessant”, sagte Slagmuylder. So, wie Kaup-Hasler betonte, er sei keine Notlösung und sie hoffe sehr, dass er sich bei der für Juli angekündigten Ausschreibung bewerben werde, sieht sich auch der neue Intendant keinem Notfall gegenüber: “Ich will nicht unter Panik arbeiten, sondern voller Vertrauen für dieses Festival. Neugier zu schaffen ist eine der Hauptaufgaben, auch Diversität und Offenheit gegenüber dem Fremden und dem Unbekannten.”

Er sehe die Festwochen, die er als Besucher gut kenne, als Ort für multidisziplinäres Arbeiten. “Ich erwarte mir sehr viel von Künstlern, nämlich, dass sie mich wohin bringen, wo ich selbst nie gekommen wäre. Wir sollten ambitionierte Projekte holen, die nicht selbstgerecht sind. Projekte, die sich nicht schämen, Avantgarde zu sein, wenn sie zugleich sehr offen sind.” Ein Festival sei nicht eine Sammlung von Projekten, sondern ein Ort des Austauschs und des Diskurses, ein sozialer wie künstlerischer Raum. Er schließe nichts aus, auch nicht die Wiederaufnahme der von Tomas Zierhofer-Kin beendeten Zusammenarbeit mit Konzerthaus und Musikverein. “Es kommt für mich ganz auf die künstlerischen Vorschläge an.”

Großes Lob gab es von Kulturstadträtin Kaup-Hasler für die Tätigkeit von Slagmuylder als Festivalchef in Brüssel. Das Kunstenfestivaldesarts habe “ganz schnell hohen Stellenwert erobert” und “mäandert durch die Stadt”, 80 Prozent des Programms seien Eigen- oder Koproduktionen, Ur- und Erstaufführungen. Er entdecke Künstler und halte ihnen andererseits die Treue.

“Er trägt Visionen in sich, um die Wiener Festwochen zu einem Leuchtturm in der Festivallandschaft zu machen”, so die Stadträtin. “Ich glaube, dass die Festwochen so eine starke Geschichte haben und daher eine Strahlkraft zurückgewinnen können. Mit dieser Entscheidung können wir das schaffen.” Auch Festwochen-Aufsichtsratsvorsitzender Rudolf Scholten zeigte sich von den bisher geführten Gesprächen beeindruckt: “Wir sind sehr neugierig, optimistisch und begeistert, was uns erwartet.” Scholten dankte Zierhofer-Kin, dem auch vieles geglückt sei, gegen den sich jedoch zunehmend eine Stimmung aufgebaut habe: “Stimmungen bekommen auch eine Beschleunigung und bestätigen sich selbst gerne. Für jemanden, der das mit Enthusiasmus gestaltet, ist das à la longue aushöhlend. Insofern verstehe ich seinen Schritt.”

Zierhofer-Kin sei nicht zum Abgang gedrängt worden, betonte die Stadträtin. “Es gab eine Sehnsucht, in neue Regionen vorzustoßen und neues Publikum zu begeistern. Das waren Signale, die in die richtige Richtung weisen. Ein Festival muss sich ständig selbst hinterfragen, darf nicht in sich verharren. Es muss in Selbstbefragung immer neue Antworten finden, wie auf diese Zeit und die rasant wandelnde Stadt zu reagieren ist.” Nach ihrer Bestellung “haben wir uns schon während des Festivals ausgetauscht, und er war mit den Nerven sehr weit unten. Sehr gute Produktionen oder Künstler waren kontaminiert von der Atmosphäre. Ihm war der Schutz der Künstler wichtig, und er wusste nicht, wie er aus dieser Schleife rauskommen sollte.” Also sei die Devise gewesen: “Lieber ein Ende mit Schrecken als ein Schrecken ohne Ende.” Nachdem eine einvernehmliche Lösung gefunden worden sei, habe man Stillschweigen über Details der Vertragsauflösung vereinbart.

Laut Festwochen-Geschäftsführer Wolfgang Wais weise die Bilanz 2017 einen kleinen Gewinn aus, “und auch 2018 werden wir kein Minus schreiben”. Für die Zukunft versprach Kaup-Hasler “mehr Transparenz bei Zahlen. Die müssen aber immer kommentiert werden, weil Zahlen sind immer tricky.”

Von: apa

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