Birgit Mosser behandelt das Ende der Monarchie

Lauter leises Leid: Der Geschichtsroman “Der Sturz des Doppeladlers”

Donnerstag, 15. September 2016 | 18:20 Uhr

Es ist eine große, historische Zeit, in der die Familien Obernosterer, von Webern, Holzer und Belohlavek leben – und doch ist keine von ihnen stolz darauf. Über den Geschicken der von Birgit Mosser ersonnenen Figuren steht nämlich “Der Sturz des Doppeladlers”, und der bringt nicht nur das Ende der Monarchie, sondern auch viel Leid. Am Freitag wird der historische Roman in Wien präsentiert.

Für ihren ersten Roman hat die in Klosterneuburg lebende Juristin und Sachbuchautorin Mosser den zeitlichen Rahmen genau gespannt: Zwischen dem Begräbnis von Kaiser Franz Joseph am 30. November 1916 und Silvester 1921 entfaltet sich die Handlung in vier Familien, die für unterschiedliche Schichten, aber auch für von den Konflikten um die Grenzziehung nach dem verlorenen Weltkrieg besonders betroffene Gebiete stehen.

Da ist der Südtiroler Hotelierssohn Julius Holzer, der als verletzter Gebirgsjäger im Lazarett seine künftige Braut Felicitas kennenlernt. Diese ist wiederum die Tochter eines Sektionschefs im Außenministerium, der alle gescheiterten Verhandlungen um einen Separatfrieden Österreichs ebenso aus erster Hand miterlebt wie das demütigende Diktat der Friedensbedingungen der Entente. Der Kärntner Bauernsohn und Feldwebel Lois Obernosterer lernt auf Genesungsurlaub in Wien die junge Berta kennen, die als Schwangere ihren Posten als Kindermädchen verlor und nun unter elendigen Umständen versucht, sich und ihr uneheliches Kind durchzubringen. Ein ähnliches Schicksal trifft Sophie Belohlavek, die als Architektentochter nur scheinbar bessere Startbedingungen vorfindet. Als der strenge Vater aus russischer Kriegsgefangenschaft zurückkehrt und sich sogleich im Kärntner Heimatschutz engagiert, kann ihm die “Schande” seiner Tochter nicht auf Dauer verheimlicht werden.

Mosser hat sich ganz dem Anti-Heroismus verschrieben. Statt Heldentum und k.u.k.-Zauber widmet sie sich ausgiebig Leid und Hunger in den Schützengräben der Front, in fernen Kriegsgefangenenlagern und in den Städten und Dörfern der Heimat. Darzustellen, dass in Tirol, Kärnten und Deutsch-Ungarn überdies das Kriegsende kein Ende von Kampf und Leid gebracht hat, ist ihr offenkundig ein Anliegen. Das vorherrschende Gefühl ist das des Verlusts. “Millionen Menschen haben diesen Umbruch anders erlebt: als Aufbruch, als Neubeginn, als Befreiung”, räumt sie in ihren Nachbemerkungen ein.

Als fast unfreiwillig komischer, weil allzu ostentativ gesetzter Kontrapunkt ist da der Bezug der ersten Gemeindewohnungen, bei der die aus Kärnten nach Wien ziehenden Kleinfamilie Holzer über eigene vier Wände mit Klo und Fließwasser ins Jubeln kommt, während aus dem Hof fröhliches Kinderlachen emporsteigt: “Ja, denkt Berta und lächelt, unsere Kinder werden ein besseres Leben haben.” Doch zuvor dürfen in kurzen Episoden noch Repräsentanten der alten Zeit wie Arthur Schnitzler und Egon Schiele vorbeischauen und werden auch Ausrutscher in nationales Pathos nicht gescheut: “Ist es das letzte Opfer, das wir erbringen müssen, damit dieses Österreich leben kann?”

“Der Sturz des Doppeladlers” ist ein Schmöker alten Stils und erinnert, zumal in den im Trentino spielenden Episoden, die ebenfalls in der Sprengung des Col di Lana kulminieren, immer wieder an Ernst Gossners Kriegsfilm “Der stille Berg” (2014), in dem das Kino von heute auf gefühlsbetonte Bilder von anno dazumal setzte. Ausgiebig haben sich Geschichte und Literatur in allen Facetten mit dem vom Ersten Weltkrieg verursachten Leid beschäftigt. Es ist also nicht gerade so, dass man auf ein Buch wie dieses brennend gewartet hätte. Und man kann wohl auch nicht sagen, dass Birgit Mosser den rechten Dreh gefunden hätte, die Geschehnisse von einst mit den Mitteln von heute zu erzählen. Aber man kann ihr nicht vorwerfen, das Herz nicht am rechten Fleck zu haben. In einer Zeit, in der Empathie immer verpönter wird, sollte dies nicht gering geschätzt werden.

(S E R V I C E – Birgit Mosser: “Der Sturz des Doppeladlers”, Amalthea, 320 S., 22 Euro; Buchpräsentation: Fr., 16.9., 19 Uhr, Thalia W3, Wien 3, Landstraßer Hauptstraße 2a)

Von: apa

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