Ein Abschied mit Preziose und viel monumentalem Mahler

Letztes Wien-Konzert von Cornelius Meister

Freitag, 15. Juni 2018 | 10:10 Uhr

In einem großen, ebenmäßigen Oval führt Cornelius Meister seine Hände zusammen und lässt nach gut eineinhalb Stunden Mahlers übermäßige Dritte verklingen. Es war am Donnerstag das letzte Konzert des immer noch jungen Deutschen am Chefpult des ORF Radio Symphonieorchesters nach acht Jahren. Ein Abschied mit Dank, einer faszinierenden Preziose von Beat Furrer – und viel monumentalem Mahler.

50 Ur- und 60 Erstaufführungen hat der heute 38-Jährige, der im Herbst als Generalmusikdirektor der Stuttgarter Oper antritt, in seinen Wiener Jahren bestritten. Das Orchester, von ORF-General Alexander Wrabetz in seinen Abschiedsworten als “ganz wichtiger Teil unseres öffentlich-rechtlichen Auftrags” gepriesen, hinterlässt er laut Konzerthaus-Intendant Matthias Naske “exzellent disponiert”. Nach einem Jahr Interregnum folgt im Herbst 2019 mit Marin Alsop die erste Frau an der Orchesterspitze. Und dann wird auch Meister wieder in Wien zu erleben sein – unter anderem als Gast an der Staatsoper.

Klar, dass auch der letzte Konzertabend mit dem RSO eine Uraufführung beinhalten sollte. Und was für eine: Beat Furrer, als aktueller Siemens-Musikpreisträger und heuriger Schwerpunkt-Komponist der Salzburger Festspiele besonders hoch im Kurs, steuerte mit “nero su nero” einen faszinierenden Crashkurs in seinen ebenso eigenwilligen wie zwingenden Blick auf das musikalische Material bei. “Schwarz auf schwarz” lässt wie unter dem Mikroskop ein Klangkontinuum von Dunkel nach Hell hörbar werden, erreicht durch Montagetechnik eine Illusion von Unendlichkeit, die man sonst nur aus der Zuhilfenahme von Elektronik kennt und hält dabei erstaunliche dramaturgische Spannung aufrecht.

Ohne Pause: Mahlers Dritte. Schon der erste von sechs Sätzen hat eine Dauer von mehr als einer halben Stunde, in Folge werden musikalische Stile, philosophische Fragen, Gesangsstimmen vom Alt über den Frauen- bis zum Knabenchor rauf und runter dekliniert. Kein Land in Sicht – so empfand auch Mahler selbst sein “Monster”. Cornelius Meister tut viel dafür, es zu bändigen: holt tief Luft, kontrastiert stark, aber nicht abrupt, baut strenge Kompartiments, innerhalb derer das rhapsodische Spektakel gezündet wird, ordnet mehr, als er türmt. Das macht die Sache fassbarer, aber mangels Rauscheffekt nicht weniger lang.

Die üppig eingesetzten Bläser ließ Meister im Anschluss gründlich feiern, lenkte den Applaus mit ostentativer Bescheidenheit Richtung Sängerknaben, die beinahe mehr Anerkennung für das lange Stillsitzen, als den wenige Minuten währenden Einsatz als engelsverkündende Glöckchen verdienten, Richtung Singakademie, zur eindrucksvoll mahnenden Solistin Alice Coote. Dass der Dank und Jubel letztlich vor allem Maestro Meister galt, dem gestrigen, aber auch vielen anderen Abenden, an denen er sich nicht nur als stets mit umsichtiger Euphorie agierender Dirigent, sondern auch als empathischer Musikvermittler in den Dienst der Sache gestellt hat, verstand sich ja fast schon von selbst.

Von: apa

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