Autoren auf der Wartebank

Literarische Ausflüge beim Bachmann-Preis

Samstag, 07. Juli 2018 | 14:47 Uhr

Mit einem “Tagebuch einer jungen Frau, die am Fall beteiligt war”, eröffnete der junge Deutsche Jakob Nolte am Samstag den letzten Lesetag im Rahmen der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur im ORF-Theater von Klagenfurt. Er sorgte damit für die unterhaltsamste und kontroversiellste Jurydiskussion bisher. Özlem Özgül Dündar und Lennardt Loß starteten in den Lesenachmittag.

Nolte, der es 2017 mit seinem zweiten Roman “Schreckliche Gewalten” auf die Longlist für den Deutschen Buchpreis schaffte, führte mit seinem Text in die Lagune von Chacahua (Mexiko), wo in einem Camp eine junge Frau als Ich-Erzählerin fungiert und ein stream of consciousness vieles erfasst – die Geschichte der Drogenkriminalität des Landes (“In einem Dorf ein paar Dörfer weiter die Küste entlang, gab es wohl so viel Kokain, dass zur Meisterschaft die Markierungen eines Baseballfelds damit gekalkt wurden” – dafür gab es ein paar Lacher) ebenso wie die Mückenplage (“Ich habe sie gezählt. Es sind 1081 Mückenstiche, aber diese Summe ist irrelevant, denn von Sekunde zu Sekunde werden es mehr.”), den Sternenhimmel und das fluoreszierende Plankton vor Ort.

“Ich bin mit diesem Text nicht warm geworden”, sagte Hildegard E. Keller über “diese Nicht-Erzählung” und führte einige sprachliche Hoppalas vor, wobei Hubert Winkels, der den Autor eingeladen hatte, entgegenhielt: “Er macht es mit Fleiß, wie der Schwabe sagt. Er macht nur Fehler. Er dekonstruiert Erzählformen auf allen Ebenen. (…) Das ist gebaut aus lauter Bausteinen, die fehlerhaft sind. (…) Das ist als Ganzes ein romantisches Großereignis.” In einer vehement geführten Diskussion ortete Keller schließlich eine “Heiligsprechung” für einen Text, den sie für mangelhaft hält. Auch Nora Gomringer zeigte sich kritisch. Klaus Kastberger lobte die “nachdenkliche Art”: “Mich hat der Text gefesselt.”

Mit dem originellsten Autorenvideo hatte sich der Deutsche Stephan Groetzner präsentiert. Originell war auch der Romanauszug mit dem Titel “Destination: Austria”, den er vor der Mittagspause las, und der zwischen den Schauplätzen “Gagausien, Haus der Kultur und Landwirtschaft” und “Tiraspol, Hotel Rossija” wechselt. Beides gibt es wirklich, ersteres ist ein autonomes Gebiet in der Republik Moldau, zweiteres die Hauptstadt Transnistriens. Die lakonisch geschilderten Ereignisse sind jedoch hochkomisch und kippen immer mehr in eine böse Satire auf Heimatkult, bei der auch Österreich ordentlich aufs Korn genommen wird, das ganz am Ende des Textes zum Schauplatz einer Kornblumenrevolution wird: “Viktor schaut aus dem Fenster und sieht: Österreich. Und er ahnt, dass seine Mission härter wird, als er sich bisher vorgestellt hat.”

“Ich finde, das ist eine sehr schöne Parodie auf die Situation hier”, eröffnete Insa Wilke die Jurydiskussion. Dem konnte Stefan Wiederstein nur beipflichten, sah jedoch eine ganze Gesellschaft aufs Korn genommen. “Der ganze Text ist eine Präzisierungsmaschinerie”, fand Nora Gomringer und kam sich vor “wie bei Dr. Seltsam”. Hubert Winkels ortete Parallelen zum “Borat”-Film von Sacha Baron Cohen.

Hildegard E. Keller sorgte mit einigen Versuchen, das von Groetzner mehrfach verwendete Wort “Brabantbuntbarsch” richtig auszusprechen, für Lacher und fand den Text großartig – ganz im Gegenteil zu Kastberger: “Dieser Text ist blöd, und was ihn rettet ist, dass er blöd sein will. Ich finde ihn trotzdem nicht besonders lustig.” Er strotze vor Klischees, die man als Österreicher nicht mehr hören könne.

Mit “und ich brenne”, einem Auszug aus einem längeren Text, startete die 1983 in Solingen geborene Autorin Özlem Özgül Dündar in den letzten Lesenachmittag und sorgte für heiße Diskussionen. Der Flugzeugabsturz, den Lennardt Loß zum Abschluss der Lesungen schilderte, ließ dagegen manche kalt.

Zwischen “mutter 1”, “mutter 2”, “mutter 3” und “mutter 4” wechselt Dündars Textfluss, in dem sich die Sorge einer Mutter um ihren offenbar von der Polizei gesuchten Sohn und mannigfaltige Variationen zu Feuer, Flammen und Bränden und ihren Auswirkungen abwechselt. Metaphern wie Gesichter, die wie Flammen brennen, wechseln mit realistischen Beschreibungen von einem Brand, bei dem jemand tatsächlich Feuer fängt und zu Tode kommt.

“Eine Sprachwucht. Vielen Dank. Ich bin ganz irritiert”, konnte Gomringer zu Beginn der Jurydiskussion nur “dankbar stottern”. Keller ortet drei Generationen von Frauen – nämlich Großmutter, Mutter und eine Frau mit kleinem Kind – sowie eine Mutter, die um ihren Teenager-Sohn zittert, der möglicherweise Täter eines Brandanschlages ist, bei dem eine der anderen Mütter umkommt. Ob es einen realen Hintergrund für den Text gebe, etwa den Anschlag von Solingen vor 25 Jahren, und ob es dieses Wissen zum Verständnis des Textes brauche, war ein heißes Thema der Debatte. “Sehr gut gemacht und konsequent ausgeführt”, befand Stefan Gmünder.

Ziemlich zur Sache ging auch der junge Deutsche Lennardt Loß in seinem Text “Der Himmel über 9A”. 9A ist der aus einem über dem Pazifik abgestürzten Lufthansa-Jet herausgebrochene Sitz, an dem sich die überlebende Hauptfigur des Textes gemeinsam mit einer Mitpassagierin anklammert. Der Protagonist Hannes Sohr ist ein in die DDR geflüchteter Ex-RAF-Terrorist, der nach Buenos Aires unterwegs war, um eine von einem Schusswechsel mit der Polizei im Jahr 1975 stammende und nun gefährlich in seinem Körper wandernde Kugel herausoperieren zu lassen.

“Größte Angst vor Jurydiskussion / Größte Freude auf Jurydiskussion”, hatte der Autor getwittert, ehe er nach Klagenfurt aufgebrochen war. Mit Lob startete Insa Wilke in die Debatte: Einige Dinge gefielen ihr an dem Text “richtig gut” – etwa das Interesse an den Figuren und die Eleganz, mit der die Hauptmotive und Details elegant zusammenspielen. “Eine fast schon burleske Räuberpistole”, fand Hubert Winkels in der Geschichte, die “ganz gut gemacht” sei, aber “nicht gut genug”. Klaus Kastberger fand den Text überladen: “Ich glaube dem Text kein Wort. Er lässt mir keinen Platz zum Atmen.” Knappes Urteil: “Zu viele Knochen und zu wenig Fleisch!”

“Der Text hat wahnsinnige Stärken, etwa seinen Humor. Dort funktioniert er. Aber wenn die Kindheitsgeschichte reinkommt, ist es mir zuviel”, bemäkelte Stefan Gmünder. “Ich finde ihn nicht witzig, aber ich sehe viele aberwitzige Dinge”, meinte Hildegard E. Keller. “Das ist sauber recherchiert, aber unheimlich zusammengezwungen.” Dagegen Nora Gomringer: “Ich mag, dass da so viel anzitiert ist.”

Damit haben alle 14 Autorinnen und Autoren der 42. Tage der deutschsprachigen Literatur gelesen, und das Zittern beginnt. Am Sonntag um 11.00 Uhr gibt die Jury zunächst ihre sieben Namen umfassende Shortlist bekannt, aus deren Kreis anschließend in öffentlicher Abstimmung die Preise vergeben werden.

Von: apa