Preisträger gab kurzfristig Pressekonferenz auf der Parkbank

Literaturnobelpreis 2017 geht an Kazuo Ishiguro

Donnerstag, 05. Oktober 2017 | 16:18 Uhr

Nach der Auszeichnung des US-Songpoeten Bob Dylan im vergangenen Jahr hat die Schwedische Akademie erneut überrascht: Der neue Literaturnobelpreisträger Kazuo Ishiguro war nicht im weiteren Favoritenkreis. Der 62-Jährige, der zwar in Japan geboren wurde, aber seit seiner Kindheit in Großbritannien lebt, wird für “seine Romane von starker emotionaler Kraft” ausgezeichnet.

In seinem bloß acht Bücher umfassenden Werk lege er “den Abgrund unserer vermeintlichen Verbundenheit mit der Welt bloß”, hieß es in der Begründung weiter. Zu Ishiguros bekanntesten Werken gehören “Was vom Tage übrig blieb” und “Alles, was wir geben mussten”. Beide Bücher wurden verfilmt. Ersteres mit Anthony Hopkins und Emma Thompson in den Hauptrollen, der Film war acht Mal für den Oscar nominiert; beim letzteren (mit Keira Knightley und Charlotte Rampling) agierte Ishiguro als einer der ausführenden Produzenten.

Damit hat erneut ein Europäer den Nobelpreis gewonnen – denn so sieht sich Ishiguro ganz eindeutig. “Ich sehe zwar japanisch aus, bin aber ein britischer Schriftsteller”, hatte er im vergangenen Jahr in einem Interview der japanischen Tageszeitung “Mainichi Shimbun” gesagt. Jury-Chefin Sara Danius beschrieb Ishiguro als brillanten Romanautor. Er sei “eine Kreuzung aus Jane Austen und Franz Kafka”, ein sehr authentischer Schriftsteller, der seine eigene Ästhetik entwickelt habe.

Der Autor selbst sei von der Entscheidung der Akademie ebenso überrascht worden wie der Rest der Welt, sagte Danius dem schwedischen Radio direkt nach der Bekanntgabe. Sie habe ihn zuvor nicht erreicht. “Ich werde versuchen, ihn jetzt anzurufen.” Die BBC war schneller – da dachte der Laureat zunächst noch an einen Scherz. “Es ist eine überwältigende Ehre, vor allem, weil es bedeutet, dass ich nun in die Fußstapfen der größten Autoren trete, die gelebt haben. Das ist also eine grandiose Referenz”, sagte der Autor laut BBC-online. Er hoffe, dass die Nobelpreise einen positiven Einfluss haben könnten, denn die Welt befinde sich in unsicheren Zeiten.

Anders als bei der umstrittenen Wahl von Dylan im vergangenen Jahr gab es diesmal deutlich mehr Lob als Tadel für die Entscheidung der Akademie. “Begeistert”, äußerte sich etwa der deutsche Literaturkritiker Denis Scheck. “Die schwedische Akademie hat mit dieser Entscheidung ihr Brett vor dem Kopf in ein Fenster zur Welt verwandelt”, sagte er der Deutschen Presse-Agentur. “Ishiguro ist ein idealer Brückenbauer nicht nur zwischen Japan und Großbritannien, sondern auch zwischen der fantastischen Literatur und Science Fiction hin zum bürgerlichen Roman.”

“Sein Werk lebt von seiner unglaublichen Vielseitigkeit. Mit jedem Buch findet er ein neues Thema und einen neuen Ton. Man lernt immer wieder einen neuen Autor kennen”, sagte Holger Kuntze, der Verlagsleiter des Münchener Blessing Verlags, in dem 2015 auch sein bisher letztes Buch, “Der begrabene Riese”, in deutscher Übersetzung erschienen war. Kuntze zeigte sich zwar begeistert über die Wahl, musste jedoch zugeben: “Das hat uns völlig aus dem Off erwischt.”

Den Preisträger wählt die Schwedische Akademie, die aus Schriftstellern, Literatur- und Sprachwissenschaftlern und Historikern besteht. Die mit neun Millionen schwedischen Kronen (rund 940.000 Euro) dotierte Auszeichnung wird am 10. Dezember – dem Todestag von Preisstifter Alfred Nobel (1833-1896) – gemeinsam mit den Nobelpreisen für Medizin, Physik und Chemie in Stockholm verliehen. Nur der Friedensnobelpreis wird in Oslo überreicht.

Von: apa