Neo-Literaturnobelpreisträger Abdulrazak Gurnah hat ein breites Oeuvre

Literaturnobelpreis geht an Abdulrazak Gurnah

Donnerstag, 07. Oktober 2021 | 15:43 Uhr

Der tansanische Autor Abdulrazak Gurnah hat am Donnerstag überraschend den Literaturnobelpreis 2021 erhalten. Die Schwedischen Akademie in Stockholm zeichnete den in England lebenden Autor “für sein kompromissloses und mitfühlendes Durchdringen der Auswirkungen des Kolonialismus und des Schicksals des Flüchtlings in der Kluft zwischen Kulturen und Kontinenten” aus.

Das Thema Flucht zieht sich wie ein roter Faden durch das Werk Gurnahs – und das ist kein Zufall. Denn der 1948 geborene Schriftsteller hat selbst seine Heimat Sansibar Ende der 1960er-Jahren verlassen müssen. Seit seinem 1987 erschienenen Debüt “Memory of Departure” hat Gurnah zehn Romane und eine Reihe von Kurzgeschichten veröffentlicht. Als 21-Jähriger begann der Exilant mit dem Schreiben. Obwohl Swahili seine Muttersprache ist, publiziert er auf Englisch. Seine Bücher – von “Pilgrims Way” (“Schwarz auf weiß”) (1988) über “Paradise” (“Das verlorene Paradies”) (1994) bis zu seinem jüngsten Werk “Afterlives” (2020) – streifen immer wieder die Themen Flucht und Kolonialismus.

Jene Werke, die ins Deutsche übersetzt wurden, sind allerdings nicht mehr lieferbar. Der Wiener Schriftsteller und Übersetzer Helmuth A. Niederle übertrug damals den Roman “Die donnernde Stille” und lud Gurnah zu einem Symposium in die Gesellschaft für österreichische Literatur ein. “Ich bin fast wahnsinnig geworden, als ich das gehört habe”, freute sich Niederle gegenüber der APA. Es gehe Gurnah in seinen Texten in punkto Kolonialismus “um ein fein ziseliertes Bild wie sich die Menschen begegnet sind und einander erlebt haben”. Auch sein deutscher Übersetzer Thomas Brückner bezeichnete Gurnah als “wirklich lesenswerten Autor”.

Gurnah musste die Insel Sansibar als 18-Jähriger verlassen. Nach der Unabhängigkeit von der britischen Kolonialherrschaft wurden in seiner Heimat Bürger arabischer Herkunft, zu denen Gurnah zählt, unterdrückt und verfolgt. Seit 1968 lebt der Autor in England. Mit Schreiben und Kolonialismus beschäftigte sich Gurnah auch als Literaturprofessor. Er forschte u.a. zu Salman Rushdie, V.S. Naipaul, Anthony Burgess und Joseph Conrad. Nach Sansibar selbst konnte Gurnah erstmals erst wieder 1984 zurückkehren. Das ermöglichte ihm, seinen Vater kurz vor dessen Tod noch einmal zu sehen.

Gurnah selbst reagierte am Donnerstag überrascht auf die Zuerkennung des Nobelpreises: Er habe erst auf die Bekanntgabe der Akademie warten müssen, um es glauben zu können, sagte er in einem ersten Statement der Nachrichtenagentur Reuters. Er habe zunächst an einen Streich gedacht. Höchst erfreut zeigte sich auch sein früherer Arbeitgeber: Die englische Universität Kent würdigte ihren früheren Professor: “Wir sind absolut begeistert, dass unserem ehemaligen Dozent Abdulrazak Gurnah der Nobelpreis für Literatur verliehen wurde – das ist wirklich inspirierend”, twitterte die Hochschule mit Sitz im südostenglischen Canterbury kurz nach der Bekanntgabe.

Verliehen wird die mit zehn Millionen Schwedischen Kronen (rund 987.000 Euro) dotierte Auszeichnung am 10. Dezember, dem Todestag des schwedischen Dynamiterfinders und Preisstifters Alfred Nobel. Übergeben werden die Nobelpreise allerdings aufgrund der Pandemie neuerlich in den Heimatländern der Preisträger und nicht wie sonst üblich bei einer Zeremonie im Stockholmer Konzerthaus. Im Vorjahr war die US-Lyrikerin Louise Glück mit dem Literaturnobelpreis ausgezeichnet worden, 2019 ging die prestigeträchtige Auszeichnung an den Österreicher Peter Handke.

(S E R V I C E – www.nobelprize.org)

Von: apa

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