"Yellow", inszeniert von Luk Perceval

Luk Perceval arbeitet in “Yellow” NS-Zeit in Belgien auf

Freitag, 12. März 2021 | 09:16 Uhr

“Yellow” heißt die Produktion und ist doch meist in Schwarz-Weiß. Sie findet in Gent statt und ist doch weltweit zu sehen. Es geht eigentlich um die belgische Kollaboration mit den Nationalsozialisten, und doch ist der österreichische SS-Offizier Otto Skorzeny mitten im Geschehen. Es ist eigentlich ein Theaterstück und doch hat man meist die Akteure in Großaufnahme auf dem Bildschirm. – Die neue Arbeit von Regisseur Luk Perceval mischt die Kategorien gehörig durcheinander.

Schwarz, Gelb, Rot sind die Farben der belgischen Nationalflagge, an der sich Perceval für seine Trilogie “The Sorrows of Belgium” orientiert. Nach dem Auftakt mit “Black”, der sich mit der Kolonialvergangenheit Belgiens auseinandersetzte und vor einem Jahr in St. Pölten gastierte, folgt nun “Yellow” als Koproduktion mit dem Landestheater Niederösterreich. Da auch in Belgien die Theater derzeit geschlossen sind, hat Daniel Demoustier von der Aufführung eine filmische Version hergestellt, die sich “so stark wie möglich” von der Live-Version unterscheiden sollte, die man hofft, ab Mai am NT Gent live zeigen zu können und im Herbst auch nach St. Pölten kommen soll. Gestern wurde der (auch mit deutschen Untertiteln verfügbare) Stream erstmals online geschaltet, am 19. März gibt es für 48 Stunden eine zweite Möglichkeit, sich die zweistündige Arbeit anzusehen.

Perceval arbeitet in seiner Filmversion mit zusätzlichen ästhetischen Mitteln: Nur die Gegenwarts-Klammer zu Beginn und am Ende des Stücks bzw. in den 70er-Jahren in Spanien spielende Szenen werden in Farbe gezeigt, der in den 40-ern spielende historische Hauptstrang ist in Schwarz-Weiß. Der Regisseur lässt die Kamera den acht Spielern meist eng auf den Leib rücken, arbeitet gelegentlich mit Zwischenschnitten und unterlegt weite Strecken der Handlung mit atmosphärischer Musik. Vor allem Letzteres muss man nicht unbedingt mögen.

Im Mittelpunkt des Raumes steht ein alter Billardtisch, er wird immer wieder auch als Bühne genützt, um ihn herum ein Flaggenwald. Sie zeigen keine Embleme, doch mit viel Geschrei und Gestampfe, zackigem Auftreten und emporgereckter rechter Hand ist rasch klar, in welcher Zeit wir uns befinden. Die auf Französisch oder Flämisch ausgedrückte völkische Begeisterung für den deutschen Rassismus wirkt anfangs übertrieben, schwer nachvollziehbar, ja sogar ein wenig satirisch distanziert. Doch wenn im weiteren Verlauf der Wallone Leon Degrelle (1906-1994), Anführer der faschistischen, mit den Nazis zusammenarbeitenden Rexisten, den Belgiern auf Französisch einhämmert, dass man doch immer schon mehr den Deutschen als den Franzosen zugehörig gewesen sei, ahnt man, dass hier die Absurdität der Geschichte ausgestellt wird.

Es geht um verblendete Menschen, die ihre Jugend für die Sache der Nationalsozialisten in den Krieg ziehen lässt, um bittere Fronterfahrungen in einem Vernichtungskrieg unter der Führung von sich als Angehörige der Herrenrasse gerierenden deutschen Offizieren, und um wenige Widerständige, die den Verstand nicht ausgeschaltet und das Herz am rechten Fleck hatten. Und mitten drinnen wird auch deutsch gesprochen: Landestheater-NÖ-Ensemblemitglied Philip Leonhard Kelz spielt Otto Skorzeny und fügt sich mit einer starken Leistung und intensivem Spiel in das Ensemble der Kollegen aus Gent hervorragend ein.

Wirkt Skorzenys persönliche Lebensgeschichte lange Zeit wie ein Fremdkörper in dem doch stark auf Belgien bezogenen Abend, gelingt es Perceval gegen Ende der von der österreichischen Dramaturgin Margit Niederhuber mitbetreuten Produktion gut, die Parallelen seiner Karriere und seiner Führer-Begeisterung mit jener von Degrelle zusammenzuführen. Dass die beiden begeisterten Nazis es schafften, nach dem Krieg unbehelligt in Spanien zu leben und dort gute Freunde wurden, ist eigentlich unglaublich, doch historisch belegt. “Yellow” verwendet diese Episode genüsslich und zeigt die beiden in der Film-Fassung in Gängen, die offenbar zu einem Wellness-Hotel gehören sollen, im Bademantel beim Cocktail-Schlürfen. Ihr gemeinsames Kramen in alten Erinnerungen und Ansehen von Erinnerungsfotos ihrer persönlichen Begegnungen mit dem Führer zählt zu den Höhepunkten des Stücks.

Für Luk Perceval geht es nun nach Warschau. Dort soll in vier Wochen seine “Drei Schwestern”-Inszenierung Premiere haben. Live und vor Publikum. In einem Jahr soll dann in Gent mit “Red” der Schlussteil der Trilogie herauskommen. “Es geht um die Anschläge in Brüssel und um die Tatsache, dass die meisten ausländischen IS-Kämpfer aus Brüssel gekommen sind”, sagt Perceval. Für Herbst 2022 ist eine Gesamtaufführung von “The Sorrows of Belgium” geplant.

(S E R V I C E – Luk Perceval: “Yellow – The Sorrows of Belgium II”, Eine Koproduktion von NT Gent, Landestheater Niederösterreich, Le Manège Maubeuge; Inszenierung: Luk Perceval, Musik: Sam Gysel, Bühnenbild: Annette Kurz, Kostüme: Ilse Vandenbussche. Mit Peter Seynaeve, Chris Thys, Lien Wildemeersch, Bert Luppes, Maria Shulga, Oscar Van Rompay, Philip Kelz, Valéry Warnotte. Live-Stream mit deutschen, holländischen, englischen und französischen Untertiteln. Zweiter Stream am Freitag,19.3., ab 20 Uhr (für 48 Stunden). www.landestheater.net und www.ntgent.be)

Von: apa