Doris Uhlich lud zur Meditation in die Dominikanerkirche

Nackte Tatsachen und Sci-Fi-Klamauk beim donaufestival

Sonntag, 30. April 2017 | 11:17 Uhr

Der zweite Tag beim diesjährigen donaufestival begann mit einer Neuerung: Erstmals wurde die Dominikanerkirche in der Kremser Altstadt bespielt. Dort lud die österreichische Choreografin Doris Uhlich zu einer mehrstündigen Meditation im Adams- und Evaskostüm. Abseits dieser nackten Tatsachen gab es aber auch polternden Polit-Rap, verfremdete Minimal Music sowie absurden Sci-Fi-Klamauk zu erleben.

“Das ist eine ‘hautige’ Kirche”, hatte Uhlich kürzlich im APA-Interview über den Schauplatz ihrer neuesten Uraufführung gesagt. Und ja: Die Wände und der Boden korrespondierten bestens mit den mehr als 30 Körpern, die die Künstlerin in das lang gezogene Kirchenschiff stellte. Es erforderte Aufmerksamkeit sowie Konzentration und zwar von Performer- wie Zuschauerseite, um sich auf dieses “Habitat” einzulassen. Zunächst nur mit einigen wenigen Protagonisten beginnend, steigerte sich die Aufführung immer weiter, mischten sich sukzessive mehr nackte Körper zwischen das verteilt stehende und sitzende Publikum.

Was dabei passierte? Das Fleisch sprang, vibrierte, klatschte und tanzte. In immer neuen Posen und Bewegungsabläufen ließen Uhlichs Performer ihr ureigenstes Material in einen nur zu erahnenden Rhythmus eintauchen. Waren es dabei anfangs nur die Körper selbst, die einen Klang erzeugten, kamen im Laufe der Zeit Beats und Sounds aus den Boxen (Boris Kopeinig stand mit Uhlich selbst am Mischpult) hinzu. Und plötzlich fügten sich die einzelnen Elemente in einen zusammenhängenden Ablauf. Raum und Performer, das Publikum und seine (tatsächlich greifbare) Nähe zum Geschehen erzeugten eine Spannung, die zu fesseln verstand.

Man konnte den Samstagnachmittag aber nicht nur bei dieser Messe der Körperlichkeit verbringen. In der Minoritenkirche gab es Werke des afroamerikanischen Minimal-Komponisten Julius Eastman zu vernehmen. Dargeboten von zwei Pianisten, bearbeitete Jace Clayton (sonst als DJ /rupture im elektronischen Feld unterwegs) das Material mit seinem Vokabular, ließ die Läufe schweben, anschwellen, einstürzen. Die Verschiebungen setzte das Trio dabei sehr behutsam, ließ sich Zeit in der Entwicklung und lockte somit tiefer in den Kosmos des 1990 verstorbenen Eastman.

Einen harten Bruch zu dieser Fragilität setzte wenig später Yves Tumor am Messegelände. Der in Turin lebende Musiker, der in wenigen Wochen auch bei den Wiener Festwochen zu Gast sein wird, ging nicht den Weg seiner im Vorjahr veröffentlichten “Serpent Music”, die atmosphärischen R’n’B mit kurzen Noiseattacken verschnitt, sondern konzentrierte sich rein auf Letzteres. Brutal und aggressiv wurde da ein steriler Drumpattern nach dem anderen ins Auditorium gejagt, über die Tumor seine Vocals brüllte. Das war zwar auffällig, aber leider auch wenig nachhaltig.

Anders verhielt es sich mit dem weibliche Rap-Doppel aus Moor Mother und Tommy Genesis. Zwei höchst unterschiedliche Protagonistinnen der aktuellen Szene, die sich mal mit harscher Elektronik und expliziten politischen Ansagen an das Publikum richteten (Moor Mother) oder aber eher einen tanzbaren Gestus verfolgten und das Spannungsfeld zwischen Hip-Hop-Klischees, feministischem Ansatz sowie projizierten Erwartungen ausloteten (Tommy Genesis). Dem ließ zu späterer Stunde der südafrikanische DJ LAG einen recht geradlinigen Partyrausschmeißer als Abschluss folgen. Zum Schütteln aller Gliedmaßen war das gerade richtig.

Hätte also auch gut zu Ariel Efraim Ashbel und seinen Kollegen gepasst. Der israelische Regisseur bot mit “The Empire Strikes Back: Kingdom Of The Synthetic” eineinhalb Stunden Performance-Versatzstücke vom Wühltisch. Mal wurde mit einem Affenkostüm King Kong zitiert, dann schmetterten seine Darsteller David Bowies “Life On Mars”, während zwischen geometrischen Formen in immer neuer Anordnung gekrochen, geturnt, gespuckt wurde. Da durfte natürlich auch ein nackter Mann, den man flugs mit schwarzer Farbe einsprühte, nicht fehlen.

Die futuristische Landschaft, das mit allerlei Popkultur-Hinweisen gespickte Setting, beides hatte seinen Reiz. Auch bewiesen die Performer reichlich Gespür für Timing und Situationskomik. Dass hier am Ende wie von Sinnen auf ein Schlagzeug und das gesamte Bühnenmobiliar eingedroschen wurde, wirkte trotzdem wie eine willkürliche Verlängerung der ohnehin nach Belieben angeordneten Effekte. Aber Ashbel spielte wohl bewusst mit den verschwimmenden Grenzen von Komik und übertriebener Ernsthaftigkeit. Ein Astronaut in Outer Space? Schon eher könnte so eine Begegnung der dritten Art ablaufen.

SERVICE: www.donaufestival.at

Von: apa