Neue Bücher

Die Sehnsucht wurde für Joseph Zoderer erfunden

Montag, 10. Juli 2017 | 15:25 Uhr

“Die Erfindung der Sehnsucht”: Neue Gedichte von Joseph Zoderer

Der Südtiroler Autor Joseph Zoderer ist ein hoffnungsvoller Romantiker – das weiß man längst. Während der Haymon Verlag nun seit zwei Jahren das Gesamtwerk des heute 81-Jährigen neu auflegt, hat Zoderer neue Gedichte geschrieben. “Die Erfindung der Sehnsucht” heißt das Bändchen, in dem er sich als Priester der in eins verschmolzenen, unerschrocken puren Natur- und Liebespoesie bestätigt. “Wir werden unsere Sprache / erst erfinden müssen / und dem Schweigen eine Stimme geben / mit Worten wie Gras / wie Baumrinden / oder fallender Schnee.” Konsequent im Du oder Wir, erklärt Zoderer den Zustand des Liebens und Gemeinsamseins zur Conditio sine qua non und die Natur zum alternativlosen Lebensraum. “Vielleicht hast du die Sehnsucht für mich erfunden”, heißt es einmal. Ja, vielleicht. (Joseph Zoderer: “Die Erfindung der Sehnsucht. Gedichte.” Haymon Verlag, 78 S., 19,90 Euro. ISBN 978-3-7099-7295-3)

“Das Buch Goldmann”: Fanny-Nachlese in neuer Bachmann-Edition

Ingeborg Bachmanns letztem großen Erzählvorhaben gilt der fast zeitgleich mit dem ersten erschienene zweite Band der neuen Salzburger Bachmann-Gesamtedition. “Das Buch Goldmann” ist Roman und Roman-Nachlese in einem, der nun gewählte Titel des Fragment gebliebenen Werks, das bisher meist als “Requiem für Fanny Goldmann” firmierte, wurde in einer Notiz Siegfried Unselds entdeckt, mit dem Bachmann bis zu ihrem Unfalltod 1973 über ihr Ringen mit dem “Todesarten”-Projekt korrespondierte. Die Geschichte von Fanny und ihrem Mann Harry Goldmann erzählt von Nachkrieg, Exil, Österreich-Sehnsucht und gescheiterter Rückkehr und wird flankiert von Deutung, Rezeptionsgeschichte und Faksimiles. Die neu gestartete Bachmann-Werkausgabe wird 30 Bände umfassen und erstmals Prosa, Gedichte und Essays, Hörspiele, Libretti sowie Korrespondenz Bachmanns abdecken – mit kommentierten Ausgaben bereits erschienener Werke sowie einer Durchforstung des Nachlass. (Ingeborg Bachmann: “Das Buch Goldmann. Werke.” Suhrkamp/Piper, 460 S., 37,10 Euro. ISBN: 978-3-518-42601-2)

“Hundert Jahre Einsamkeit”: Marquez-Kultbuch in abgespeckter Neuübersetzung

Angeblich ist es dieser Roman, der unter Schriftstellern und Künstlern am häufigsten auf die Frage nach dem Lieblingsbuch genannt wird: “Hundert Jahre Einsamkeit” von Gabriel Garcia Marquez. 50 Jahre nach Erscheinen der ersten deutschen Ausgabe hat Kiepenheuer & Witsch nun eine Neuübersetzung des Kultbuchs vorgelegt. Die ebenso wechselvolle wie fabelhafte Familiengeschichte der kolumbianischen Buendias und ihres Dorfes Macondo wurde dabei vor allem sprachlich entschlackt. Damals, in der trockenen deutschen Literaturszene der 1960er Jahre, sei die Versuchung groß gewesen, Marquez’ blumige Sprache ob ihrer Exotik über Gebühr zu betonen, so die Schöpferin der neuen Übertragung, Dagmar Ploetz. Sogar der erste, ikonografische Satz des 500-Seiten-Wälzers, der zu den Säulen der südamerikanischen Literatur des Fantastischen Realismus gehört, wurde ein kleines bisschen umgestellt und geht jetzt so: “Viele Jahre später, vor dem Erschießungskommando, sollte Oberst Aureliano Buendia sich an jenen fernen Nachmittag erinnern, als sein Vater ihn mitnahm, das Eis kennenzulernen.” Ein weiteres wunderbares Beispiel für das eherne Gesetz, dass Übersetzungen altern, wo Originale zeitlos sind. (Gabriel Garcia Marquez: “Hundert Jahre Einsamkeit”, übersetzt von Dagmar Ploetz, 528 S., 25,70 Euro, ISBN: 978-3-462-05021-9)

“Im Herzen der Demokratie”: Parlaments-Performances nun zum Nachlesen

Was im Kunsthistorischen Museum 2010 als “Ganymed Boarding” im Zusammenhang mit Alten Meistern ein Besuchererfolg mit einigen Fortsetzungen wurde, funktionierte auch im Parlament als politisch-literarische Auseinandersetzung hervorragend: 15.000 Menschen kamen rund um den Nationalfeiertag 2016 in das Hohe Haus am Ring, um Performances in den Parlamentsräumlichkeiten zu verfolgen. Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf hatten acht Autorinnen und Autoren gebeten, sich Gedanken über den Zustand unserer Demokratie zu machen. Die von Schauspielern und Musikern umgesetzten Texte von Juli Zeh, Christine Nöstlinger, Milena Michiko Flasar, Paulus Hochgatterer, Clemens Setz, Martin Pollack, Franz Schuh und Angelika Reitzer sind nun in dem Band “Im Herzen der Demokratie. Wiederbelebung einer gefährdeten Idee” nachzulesen. Über einen QR-Code gelangt man zu Audiofiles, dem Trailer und Interviews. Das Buch ist nicht nur inhaltsreich, sondern auch schön: Fotos der Veranstaltung und eine gelungene grafische Gestaltung (Larissa Cerny) erinnern daran, dass schon die Vorgänger-Dokumentation “Museum der Träume” einen Staatspreis für “Die schönsten Bücher Österreichs” einheimsen konnte. (Jacqueline Kornmüller und Peter Wolf (Hg.): “Im Herzen der Demokratie. Wiederbelebung einer gefährdeten Idee”, Brandstätter Verlag, 208 S., 24,90 Euro. ISBN 978-3-7106-0155-2)

Von: apa

Bezirk: Bozen