Streifzug durch die U-20-Szene der Poetry Slammer mit "G'scheit goschert"

Neue Bücher – Vielfältige Lyrik: Poetry Slam, Poesie und Biografie

Montag, 03. Februar 2020 | 06:05 Uhr

Vom traditionellen Gedichtband mit viel Spiel von Wind und Wellen über eine poetisch verdichtete Lebensgeschichte aus Tirol bis zum gedruckten Sammelband des Poetry Slam Nachwuchses – zeitgenössische Lyrik aus Österreich hat erstaunlich vielfältige Erscheinungsformen, wie drei Neuerscheinungen belegen.

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Elisabeth Reicharts zweiter Gedichtband: “Mein Geliebter, der Wind”

Seit “Februarschatten” (1984) und “Komm über den See” (1988) ist die gebürtige Oberösterreicherin Elisabeth Reichart eine fixe Größe im heimischen Literaturbetrieb. Dennoch gab es bisher einen einzigen Gedichtband von ihr: “In der Mondsichel und anderen Herzgegenden” (2013). Im Herbst ist ihr zweiter Lyrikband erschienen. “Mein Geliebter, der Wind” ist eine fast klassisch zu nennende Auseinandersetzung mit Mensch und Natur, in der Worte, Wind und Wellen miteinander spielen und Gefühle in Beziehung gesetzt werden mit allem, was die Welt an uns heranträgt. Die Windmusik kann dabei jederzeit zum Orkan werden, der Bach zum Totenfluss und das sanfte Meer zur Sturmflut.

Unvermutet kann Reichart vom Wandeln in Rilkes Spuren in Richtung der Schrecknisse und Sorgen der Gegenwart schwenken. Dann werden Transiträume geschlossen und Giftwolken ausgestoßen. Die über Jahrtausende von Dichtern besungene Natur ändert sich, und auch der geliebte Wind wird immer heißer. “Vorgestern wollten wir / Sternschnuppen essen / Heute begnügen wir uns / mit Abfällen / Gestern wollten wir / Goldadern leer trinken / Heute fehlt uns das Trinkwasser”. (Elisabeth Reichart: “Mein Geliebter, der Wind”, Otto Müller Verlag, 144 Seiten, 20 Euro, ISBN 978-3-7013-1273-3)

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Barbara Hundeggers Verdichtung einer ungewöhnlichen Biografie: “[anich.atmosphären.atlas]”

Wie Reichart ist auch die um zehn Jahre jüngere Tirolerin Barbara Hundegger Wildgans-Preisträgerin. Ihre “hoch artifizielle Lyrik öffnet große Denkräume und leitet durch die Kunstfertigkeit des Dialogischen zu neuen Sichtweisen”, hieß es in der Begründung der Jury. Wie verschieden sich Mittel der Lyrik für literarische Absichten einsetzen lassen, beweist sie in ihrer jüngsten Veröffentlichung: “[anich.atmosphären.atlas]” ist der gewagte Versuch, die Biografie eines ungewöhnlichen Tirolers in kurze, verdichtete Schlaglichter zu fassen. Gewagt und gewonnen.

Der Bauer und Drechsler Peter Anich (1723-1766) verfügte kaum über Schulbildung, doch über immense mathematische und astronomische Begabung. Er wurde zum Pionier der Kartographie und zum Schöpfer des “Atlas Tyrolensis”. Hundeggers poetische Vermessung seines Lebens lässt bewusst viele Leerräume, lässt aber in Diktion und Detailreichtum in eine Welt eintauchen, die gleichzeitig Staunen macht und die Augen öffnet für die Ungleichheiten jener Zeit. Ein großer Wissenschafter wurde ausgenutzt, verlacht und schikaniert, bloß, weil er die falsche soziale Herkunft hatte. Und am Ende landet auch er bei den Sternen: “ach anich: es ist aus / großer wagen kleiner wagen fahren beide vor dich zu holen / und du: steigst in den kleinen ein”. (Barbara Hundegger: “[anich.atmosphären.atlas]”, Haymon Verlag, 208 Seiten, 19,90 Euro, ISBN 978-3-7099-3436-4)

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Streifzug durch die U-20-Szene der Poetry Slammer: “G’scheit goschert”

Seit gut 30 Jahren feiert der Poetry Slam – zunächst aus Amerika kommend – einen unaufhaltsamen Siegeszug. Vor etwas mehr als 20 Jahren ist er auch im deutschsprachigen Raum angekommen und erfreut sich als literarischer Wettbewerb vor Publikum großen Interesses vor allem bei jungen Fans. Was sich in der heimischen Szene der Slammer unter 20 so tut, fassen die jungen Poetry Slammer Anna-Lena Obermoser und Henrik Szanto nun in einem fast 400 Seiten starken Band mit dem Titel “G’scheit goschert”, der im Poetry-Slam-Verlag Lektora erschienen ist, zusammen. Darin gibt es nicht nur Textproben von 37 jungen Autorinnen und Autoren, sondern auch einen Einblick hinter die Kulissen. Mag man sich beim Lesen der ansonsten mündlich vorgetragenen Texte nicht immer an Poetry – also Lyrik – erinnert fühlen, ist es doch ein unterhaltsamer Einblick in die immer größer werdende Szene.

Auf knapp 150 Seiten gibt es im zweiten Teil des Buchs zahlreiche Beiträge, die sich mit dem Wo, Wie, Was und Warum des Poetry Slams auseinandersetzen. Darunter finden sich etwa Ausführungen der beiden in Wien wirkenden Slam-Pioniere Markus Köhle und Mieze Medusa (“Eine Erfolgsgeschichte mit besten Aussichten” bzw. “Die Kunst der Frage”). Für angehende Poetry Slammer findet sich im letzten Kapitel eine Handreichung in Form von Adressen von Auftrittsmöglichkeiten in allen österreichischen Bundesländern, Adressen von Literaturzeitschriften sowie ein Überblick über die U20-Ö-Slam-Meisterinnen und Meister der vergangene Jahre. Der nächste Wettbewerb (für Wien, Niederösterreich und Burgenland) steigt übrigens bereits am 28. Februar im Dschungel Wien, das Finale findet von 6. bis 8. April in Bozen und Bruneck in Südtirol statt. (“G’scheit goschert”, hrsg. von Anna-Lena Obermoser und Henrik Szanto, Lektora Verlag, 390 Seiten, 14,90 Euro, ISBN 978-3-95461-144-7)

Von: apa