Auch Klimts "Goldene Adele" ist in der Ausstellung zu erleben

Neue Galerie New York feiert Jubiläum mit “Modern Worlds”

Mittwoch, 10. November 2021 | 08:30 Uhr

Anlässlich ihres 20-jähriges Jubiläums eröffnet die Neue Galerie New York am 11. November “Modern Worlds: Austrian and German Art, 1890-1940”, eine Ausstellung mit Hauptwerken österreichischer und deutscher bildender Kunst und Design aus der ständigen Sammlung. Einer der Höhepunkte wird Carl Molls “Weißes Interieur” sein. “Wir sind sehr stolz darauf”, so die Direktorin des Hauses, Renée Price.

Vor 20 Jahren öffnete die Neue Galerie auf der New Yorker Fifth Avenue zum ersten Mal. “Zu einer der schwierigsten Stunden in der Geschichte von New York City”, erinnert sich der Mitbegründer und Kunstmäzen Ronald S. Lauder in einem Vorwort des Ausstellungskatalogs. Die offizielle Eröffnung war am 16. November 2001. “Das war nur zwei Monate nach 9/11. In Lower Manhattan stieg immer noch Rauch auf. Das Land war nervös und trauernd und der normale Trubel dieser pulsierenden Stadt versuchte zurückzukommen, aber es gab nur wenige Touristen. Die Leute hatten Angst.” Aber “fast sofort gab es Schlangen um den Block”, schreibt er weiter. Ein Journalist nannte die Galerie “das Juwel in der Krone der Museumsmeile der Stadt”.

Inoffiziell hatte Lauder die Idee schon 1968, gemeinsam mit dem Wiener Kunstsammler und Kunsthändler Serge Sabarsky, der die Eröffnung im denkmalgeschützten Beaux-Arts-Herrenhaus auf der Upper East Side leider nicht mehr miterlebte. Seit dem November 2001 hat die Neue Galerie mehr als 40 Ausstellungen präsentiert, die sich der österreichischen und deutschen Kunst des frühen 20. Jahrhunderts widmeten.

Das erste was in der neuen Schau im Obergeschoß ins Auge springt, ist eines der Highlights: Carl Molls “Weißes Interieur” aus dem Jahr 1905. Das Gemälde wurde im vergangenen Jahr bei einer Auktion in Philadelphia für mehr als 4 Millionen US-Dollar (3,5 Mio. Euro) ersteigert. “Ein neuer Weltrekord wurde hier für Carl Moll aufgestellt”, erzählt Renée Price, die in Wien geborene Direktorin der Neuen Galerie, der APA. Sie war schon Jahre vor der Gründung mit dabei, und sie ist sichtlich glücklich. “Gott sei Dank haben wir jemanden wie den Herrn Lauder, der mit Leidenschaft dabei ist und die Möglichkeit hat, so etwas zu erwerben. Wir sind sehr stolz darauf und werden vermutlich im Frühjahr eine Ausstellung rund um dieses Bild gestalten.”

Der in Wien geborene Carl Moll, Mitbegründer der Wiener Secession, zeigte darin die Wiener Journalistin und Grande Dame Berta Zuckerkandl, die dem Betrachter den Rücken zuwendet. Sie trägt ein “Reformkleid”, das die Figur der Frau weniger einengt als die übliche Mode der Zeit, und auch die Hoffmanneske Inneneinrichtung der Wohnung ist modern. In einem Sammelschrank am linken Bildrand hat Moll ostasiatische Figuren und Porzellan aus der Sammlung von Berta und Emil Zuckerkandl dargestellt, wie etwa einen Elefanten von Du Paquier (der gerade in der New Yorker Frick Sammlung ausgestellt ist). “Die Gesellschaft wollte das Kosmopolitische zeigen”, sagt die Direktorin. “Man sieht hier eine ganze Welt abgebildet.”

Es ist schwer, durch die Neue Galerie zu spazieren, ohne beeindruckt zu sein – auch wenn man schon oft hier gewesen ist. Die Stücke wurden liebevoll ausgewählt. Ein Highlight reiht sich an das nächste. Ein moosgrüner Knieschwimmer von Adolf Loos lädt ein, sich auszuruhen. Eine Uhr auf einem Sockel, auch von Loos, “eine Rarität”, steht neben einem “ganz seltenen” Sessel von Koloman Moser aus dem Purkersdorfer Sanatorium. In einer Vitrine ruht neben anderen Schätzen eine Schmuckschatulle, die Gustav Mahler seiner Frau Alma zu Weihnachten geschenkt hat. Für eine andere Vitrine werden gerade Schmuckstücke poliert, darunter auch solche, die Gustav Klimt Emilie Flöge gab.

Ein anderer Raum ist Gustav Klimt gewidmet. Die Neue Galerie ist bekannt für seine Gemälde und wie immer zu sehen ist sein Meisterwerk, das Porträt der Adele Bloch-Bauer I aus dem Jahr 1907, das Lauder im Jahr 2006 zu einem kolportierten Rekordpreis von 135 Millionen Dollar – dem bis dahin höchsten Preis, der je für ein Gemälde gezahlt wurde – erwarb. Viele Menschen kommen nur der goldenen Dame wegen hierher, erzählt die Direktorin, und viele fragen neugierig: “Is the Klimt on view?” Das ist er, und zwar das ganze Jahr über.

Im Katalog bezeichnet Lauder das Porträt als “Mona Lisa der Neuen Galerie” und schreibt weiters, “nach einem gequälten Weg vom Nazi-Diebstahl zu einer Art Zweitdiebstahl durch österreichische Beamte der Nachkriegszeit hat dieses außergewöhnliche Kunstwerk nun hier einen festen Platz. Ich muss sagen, dass dieses eine Gemälde mit seiner Ankunft das Museum völlig verändert hat und es bleibt das zentrale Werk unserer Sammlung.”

Auch Egon Schiele wird mit einer reichen Auswahl seiner meisterhaften Papierarbeiten prominent vertreten sein. “So eine geballte Ladung an Schiele-Aquarellen, das sieht man in Wien nicht”, so Renée Price. Im dritten Obergeschoß werden Werke deutscher Künstler aus der Sammlung präsentiert, unter anderem prominente Werke der Brücke-Künstler und des Blauen Reiters, und der Neuen Sachlichkeit, darunter das berühmte “Selbstbildnis mit Horn” (1938) von Max Beckmann.

Die Eröffnung der neuen Ausstellung bietet Besuchern Zugang zu allen Räumlichkeiten, das erste Mal seit März 2020, als die Neue Galerie zusammen mit Museen in New York City und auf der ganzen Welt als Reaktion auf die Corona-Pandemie geschlossen wurde. Vierzehn Monate lang war es dunkel. Am 10. Juni dieses Jahres wurde dann wieder eröffnet. Es mussten neue Filter eingebaut werden, erzählt die Direktorin, und es gibt zeitgestaffelte Tickets für die Besucher und Besucherinnen, die Mund-Nasen-Schutz tragen müssen. “Es war eine Umstellung für alle”, sagt Price, “aber wir waren sofort ausgebucht”. “Die Leute haben diesen Nachholbedarf. Die Menschen wollten sich mit schönen Dingen konfrontieren, um auch hoffen zu können.” Was finden die Menschen denn so faszinierend an der Jahrhundertwende? “Es gibt eine gewisse Nostalgie nach dem Schönen. Auch mit dem Wissen, was danach kommt, der Holocaust”, so die Direktorin.

Das Café Sabarsky, das hausinterne Wiener Kaffeehaus, ist ein Museum für sich. Es ist mit historischen Objekten ausgestattet, darunter Beleuchtungskörper von Josef Hoffmann, Möbel von Adolf Loos und Sitzbänke, die mit einem Otto-Wagner-Stoff aus dem Jahr 1912 bezogen sind. Am Eingang steht ein Bild von Adele Bloch-Bauer mit Mund-Nasenschutz. “Mask, please! Maske, bitte!” steht darauf. Es ist dieser Tage auch die meist verkaufte Postkarte der Neuen Galerie.

Der österreichische Küchenchef Kurt Gutenbrunner hat das Kaffeehaus 20 Jahre lang gepachtet gehabt, aber jetzt wird es von der Neuen Galerie selbst betrieben, die sich den Michelin-Koch Christopher Engel ins Haus geholt hat. Sachertorte, Apfelstrudel und Mozarttorte, das sind die beliebtesten Desserts. Es gibt Schnitzel, Knödel, und Gelben Muskateller aus der Südsteiermark vom Weingut Wruss mit einem eigenen Café Sabarsky-Etikett versehen. Ein Stück Österreich im Herzen von New York – das sicher nicht ungetrübt ist.

(S E R V I C E – “Modern Worlds: Austrian and German Art, 1890-1940” ist bis zum 13. März 2022 in der Neuen Galerie New York zu sehen. https://www.neuegalerie.org/)

Von: apa

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