Daniel Prohaska leidet als Schubert in Johanna Doderers neuer Oper

Neue Oper über Schubert in München online uraufgeführt

Samstag, 01. Mai 2021 | 09:41 Uhr

Eine allösterreichische Opernuraufführung ging Freitagabend über die Bühne – in München. “Schuberts Reise nach Atzenbrugg” der aus Vorarlberg stammenden Komponistin Johanna Doderer nach einem Libretto des Kärntners Peter Turrini über den Wiener Schubert wurde vom niederösterreichischen Gärtnerplatz-Intendanten Josef E. Köpplinger und dem steirischen Dirigenten Michael Brandstätter zur Onlinepremiere gebracht. Und erwies sich als Reise mit Hindernissen.

Eigentlich wäre die Uraufführung der Oper ja vergangenes Jahr geplant gewesen, aber dann kamen bekanntermaßen Coronaviren über die Kulturwelt. So musste auch diese Reise wie so viele verschoben werden. Nun also die “Vorpremiere” in Kammerfassung, wie Köpplinger es zur Einführung nannte: “Die Kunst wird immer gewinnen – egal unter welchen Umständen.” Ein Gewinner auf ganzer Linie ist “Schuberts Reise nach Atzenbrugg” allerdings nicht – und das liegt nicht an Doderers Musik, sondern an Turrinis Libretto.

Im Fokus steht Schubert als Mensch, nicht der Komponist, wobei sich das Geschehen auf einen fiktiven Tag konzentriert. Darin begibt sich der Komponist mit seinen Freunden auf eine Reise von Wien nach Atzenbrugg. Auf dieser vordergründig fröhlichen Landpartie hofft er, seine Angebetete Josepha für sich zu gewinnen – doch ist der Romantiker im direkten Kontakt unfähig, seinen Gefühlen Ausdruck zu verleihen. Der als Musikgott Verehrte ist als Mensch bis zur Paralyse verklemmt. Die “Reise” zeigt mithin die Abgründe eines Schwermütigen beim “Betriebsausflug der einsamen Herzen”, wie es an einer Stelle heißt.

Das Problem dabei: Um das Leid einer Figur affirmativ nachzuvollziehen, müsste zunächst Empathie mit dem Charakter aufgebaut werden, was Turrini unterlässt. Es dominiert Larmoyanz, die alsbald enerviert. Dazu trägt auch dabei, dass das Libretto, von dem Turrini nach eigenen Angaben 20 Fassungen geschrieben hat, über weite Strecken zu prosaisch geraten ist (“Auf nach Atzenbrugg und abends wieder z’ruck”).

Nur selten setzt die Szenerie auch zu lyrischen Passagen an, wenn etwa ein Kindheitstrauma mit Kinderchor im Schubert-Outfit und einem Komponisten im Brautkleid metaphorisiert wird. Und ganz zum Ende schwingt sich das Geschehen gar zu parabelhafter Größe auf und erhebt sich über die vorherige, allzu plakative Auslegung.

Turrini positioniert dabei das Biedermeier nicht als possierliche Zeit, sondern zeigt auch dessen Brutalität. So setzt Hausherr Köpplinger, der auch die Regie bei der 26. Uraufführung unter seiner Ägide am Gärtnerplatz führt, den lustigen Wagen auf Landpartie auf eine Drehbühne, umkreist von maladen Kriegskrüppeln. Der fahrende Elfenbeinturm einer feinen Gesellschaft, die auf dem Vulkan tanzt, während um sie herum das Elend herrscht. In hyperrealistischen Kostümen ist dies alles in schöne Lichtstimmungen und -farben gesetzt, mit dem langen Schatten des Stephansdoms im Hintergrund.

Musikalisch legt Doderer ihre “Reise” beinahe als Singspiel an, stellt Klangteppichen und gesungenen Passagen Rezitative und mit der Figur einer von Florine Schnitzel gespielten Wurstmachertochter sogar eine reine Sprechrolle gegenüber. Überhaupt gilt Doderers Primat vollends den Stimmen, hinter die sie sich stets zurücknimmt, obgleich hier die Wortdeutlichkeit wie erwähnt keinen Gewinn für das Werk darstellt. Der am Minimalismus geschulte Stil der Komponistin ist immer wieder durchsetzt von vereinzelten Schubert-Zitate etwa aus der “Winterreise” oder den “Atzenbrugger Tänzen”. Aber auch genuine Doderer-Passagen finden ihren Eingang, die gerade in den instrumentalen Sequenzen ihre ganze Kraft entfalten.

Dabei finden sich in der Sängerriege durchaus starke Proponenten, etwa der Grieche Timos Sirlantzis als Johann Michael Vogl mit sattem Bassbariton oder die auch aus zahlreichen Einsätzen in Österreich sattsam bekannte Slowenin Andreja Zidaric mit glänzend unterfüttertem Zwitscher-Koloratursopran als Louise Lautner. Der österreichisch-britische Tenor Daniel Prohaska in der Titelpartie muss indes neben solider Mittellage in der Höhe immer wieder stark forcieren. Reisen ist in Coronazeiten eben eine echte Herausforderung.

(S E R V I C E – “Schuberts Reise nach Atzenbrugg” von Johanna Doderer (Musik) und Peter Turrini (Libretto). Musikalische Leitung: Michael Brandstätter, Regie: Josef E. Köpplinger, Bühne/Kostüme: Rainer Sinell. Mit: Franz Schubert – Daniel Prohaska, Josepha von Weisborn – Mária Celeng, Franz von Tassié – Alexandros Tsilogiannis, Leopold Kupelwieser – Mathias Hausmann, Caroline Helmer – Anna-Katharina Tonauer, Nepomuk Feder – Daniel Gutmann, Johann Michael Vogl – Timos Sirlantzis, Louise Lautner – Andreja Zidaric, Dorothea Tumpel – Florine Schnitzel, Theodor Schubert – Holger Ohlmann, Kutscher – Johannes Thumser. Stream noch bis 7. Mai 23 Uhr online gratis verfügbar: www.gaertnerplatztheater.de/de/produktionen/schuberts-reise.html)

Von: apa