Gezeigt wird auch ein Massengrab aus dem Dreißigjährigen Krieg

NHM-Ausstellung als “Denkmal” gegen Krieg

Dienstag, 23. Oktober 2018 | 14:25 Uhr

Mit einem monumentalen Massengrab aus den Dreißigjährigen Krieg als Highlight lockt ab Mittwoch die Schau “Krieg – Auf den Spuren einer Evolution” ins Naturhistorische Museum (NHM) Wien. Wie die gesamte Ausstellung soll das spektakuläre Grab mit den Überresten von 47 Soldaten ein “Denkmal” gegen kriegerische Auseinandersetzungen sein, wie es am Dienstag bei der Präsentation hieß.

Die bis 28. April 2019 laufende Ausstellung ist eine Kooperation mit dem Landesmuseum für Vorgeschichte in Halle an der Saale (Deutschland) und wird anlässlich 100 Jahre Beendigung des Ersten Weltkrieges und 400 Jahre nach Beginn des Dreißigjährigen Krieges gezeigt. Die Wiener Version der Schau “hätte allerdings auch eine eigene Ausstellung sein können”, so Harald Meller, der als Landesarchäologe von Sachsen-Anhalt den Großteil der Schau in Halle entwickelt hat. Der Grundtenor sei jedenfalls der Gleiche: Die Sinnlosigkeit des Krieges werde eindrücklich gezeigt.

Für NHM-Generaldirektor Christian Köberl ist die Entwicklung des Krieges nicht zuletzt im heurigen vielfältigen Gedenkjahr ein “Thema, das besondere Aktualität besitzt”. Daher schlage man mit der durch zahlreiche Objekte aus Österreich ergänzten Schau in Wien nun auch eine Brücke bis in die Gegenwart.

Seinen Ausgang nimmt die “Evolution” aber mit der Dokumentation einer konzertierten gewalttätigen Aktion unter Schimpansen und Hinweisen auf Gewaltakte unter Frühmenschen sowie in der Altsteinzeit. Von “Krieg” im heutigen Sinnverständnis könne man zu dieser Zeit jedoch noch nicht sprechen, sagte Reinhard Golebiowski vom NHM.

Als die Menschen in der Jungsteinzeit sesshaft wurden und eine komplexere Gesellschaft bildeten, bekamen auch die gewaltsamen Auseinandersetzungen eine neue Dimension. Diese lässt sich anhand der Funde aus der jungsteinzeitlichen Siedlung von Schletz bei Asparn an der Zaya (NÖ) erahnen: Vor rund 7.000 Jahren wurden dort mindestens 50 Menschen ermordet. Zeugnis darüber geben etwa Schädelfrakturen, die eindeutig auf massive Schläge mit Steinbeilen hindeuten. Unter den Toten dieses Massakers im heutigen Weinviertel, das als erster Nachweis von Krieg in Mitteleuropa gilt, waren auffallend wenige junge Frauen. Das lässt Experten darauf schließen, dass sie bei dem “organisierten Überfall” gezielt verschleppt wurden.

Der älteste Fund eines Bogens in Europa und andere Artefakte lassen erahnen, wie mit der Zeit immer mehr “Werkzeuge” entwickelt wurden, die einzig zum Töten von Menschen gedacht waren. Mit Pfeil, Bogen und Schwertern rückten dann vor rund 3.200 Jahren geschätzte 3.750 Teilnehmer zur Schlacht im Tollensetal in Norden Deutschlands an – dem frühesten bekannten europäischen Schlachtfeld großen Ausmaßes. Ab diesem Zeitpunkt könne man sagen, “dass Heere aufmarschieren” und “wir zum Begriff ‘Krieg’ kommen”, sagte Anton Kern vom NHM.

Über zahlreiche Originalfunde aus Österreich aus der Römerzeit und dem Mittelalter begibt man sich in die Zeit der Massenheere. Solche waren im Dreißigjährigen Krieg (1618-1648) unterwegs, dem ein wichtiger Teil der Ausstellung gewidmet ist.

Als 1632 zwischen Leipzig und Naumburg die Schlacht von Lützen tobte, kostete das rund 6.000 Menschen das Leben. 2011 wurde ein Massengrab mit 47 dort getöteten Soldaten aufwendig gehoben. Der schauerlich-eindrucksvolle, insgesamt 55 Tonnen schwere Erdblock mit sechs mal sieben Meter Grundfläche ist nun im NHM zu sehen.

Mit großem wissenschaftlichen und finanziellem Aufwand konnten die Experten aus Halle den “Soldaten ihre Biografie zurückgeben” und die “Zerbrechlichkeit des menschlichen Körpers” zeigen, sagte Golebiowski. Die Analysen zeichnen ein großteils erschütterndes Bild von Mangelernährung, Entwurzelung, Krankheiten und Verletzungen. Hier werde klar, dass damals großteils “kaputte Menschen” aus religiösen und machtpolitischen Gründen “in die Schlacht humpelten” und aufeinander losgehetzt wurden, wie es Meller ausdrückte. Nicht zuletzt weil dieser für Mitteleuropa so verheerende Krieg so viele Parallelitäten zur Gegenwart aufweist, eigne er sich gut, um im Ausstellungskontext als “Denkmal” gegen den Krieg zu fungieren, so die Experten.

Als solche können auch aktuelle Funde von Soldatengräbern der “Schlacht bei Wagram” im Jahr 1809 fungieren. Die im Zuge des Baus einer Straße im Bezirk Gänserndorf notwendig gewordenen archäologischen Grabungen zeigen ebenso in welchem jämmerlichen Zustand etwa die napoleonischen Truppen nach ihren Gewaltmärschen waren. Anhand eines interaktiven Bildschirms kann man sich quasi archäologisch betätigen.

Neben dem NHM-Stammhaus an der Ringstraße ist auch in drei renovierten Räumen im zum Museumsverbund zählenden Narrenturm am Campus Altes AKH in Wien-Alsergrund ein Teil der Ausstellung zu sehen. Im ersten Raum werden dort die typischen Verletzungen der Soldaten aus dem Ersten Weltkrieg anhand von Objekten aus der pathologisch-anatomischen Sammlung des NHM gezeigt.

Im zweiten Raum konzentriert man sich auf die bahnbrechenden Erkenntnisse des österreichischen Chirurgen Lorenz Böhler (1885-1973) in der Wund- und Knochenheilung, die vielen verletzten Soldaten im Ersten Weltkrieg eine Amputation ersparten, so die Anthropologin Karin Wiltschke-Schrotta vom NHM. “Zurück im Alltag” heißt es dann im dritten Raum, wo Fortschritte auf den Gebieten der wiederherstellenden Chirurgie und der Prothetik thematisiert werden.

Neben einem umfassenden Rahmenprogramm mit Vorträgen von Experten zu wissenschaftlichen Hintergründen, bietet das NHM zum ersten Mal einen eigenen Ausstellungsblog an. Außerdem winken im Rahmen einer Instagram-Fotochallenge unter dem Motto “#NHMLoveNotWar” den Teilnehmern Preise, ein Platz in der Ausstellung und in einem Friedens-Buch.

Von: apa

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