Je schlechter die Lage, desto mehr wurde die Schuld "den Juden" zugespielt

Südtiroler Germanist befasst sich mit Krieg und Antisemitismus

Dienstag, 11. Juli 2017 | 10:43 Uhr

Wie fragil auch zwischen 1914 und 1918 die Situation der Menschen jüdischer Abstammung in den am Weltkrieg teilnehmenden Staaten war, zeigte sich auf allen Ebenen. Prekär wurde sie oft, wenn die jeweilige Armee Niederlagen erlitt, zeigten die Vorträge bei der Internationalen Sommerakademie des Instituts für jüdische Geschichte Österreichs Ende vergangener Woche im Wiener Museum für Volkskunde.

Nach den Niederlagen der russischen Armeen in Ostpreußen wurde “ein Schuldiger gesucht und in den Juden gefunden. Die Zeitungen verbreiteten Gerüchte. So wurde ‘den Juden’ vorgeworfen, dass sie in Särgen statt Leichen Gold aus den Städten schaffen und den Deutschen übergeben würden”, stellte Historiker Benjamin Grilj fest. Ein Gerücht besagte, dass jüdische Kriegsgefangene aufgrund der “gemeinsamen Sprache” von den Deutschen eingesetzt würden, um Russen zu misshandeln. Russische Offiziere befahlen: “Die Juden sollen gegen den Feind getrieben werden, kein Einziger soll im Armee-Rayon zurückgelassen werden (…).” Damit wurde auch nicht mehr zwischen Zivilbevölkerung und Militär unterschieden.

Eine besondere Rolle spielte die Beteiligung am Ersten Weltkrieg offenbar für die Juden im Deutschen Kaiserreich. “Mit der Mobilmachung riefen auch die jüdischen Gemeinden, Verbände und Organisationen ihre Mitglieder zur Teilnahme am Krieg auf. Bei allem Patriotismus – als Beleg für eine einhellige Kriegsbegeisterung dürften diese offiziellen Verlautbarungen indes nicht verstanden werden. Sie zeugen vielmehr ebenso vom Konformitäts- und Loyalitätsdruck, dem alle Bevölkerungskreise, insbesondere aber die Juden, ausgesetzt waren”, beschrieb Sabine Hank, Archivarin am Centrum Judaicum in Berlin, die Situation.

Gleichzeitig wurde die Beteiligung am Ersten Weltkrieg auch als Chance gesehen, das eigene Engagement für das Deutsche Kaiserreich unbestreitbar zu belegen. Der “Centralverein deutscher Staatsbürger jüdischen Glaubens” forderte im August 1914 das Anlegen von Aufzeichnungen über jeden jüdischen Soldaten ein. Die Begründung: “Wir haben das dringlichste Interesse dran, dass Umfang und Art der Beteiligung der deutschen Juden an dem sich entwickelnden Feldzuge zuverlässig festgestellt wird.”

Im Endeffekt ging es wohl darum, besondere Loyalität gegenüber dem eigenen Staat zu beweisen. Der Südtiroler Germanist Andreas Micheli hat dazu die Schriften des deutsch-jüdischen Schriftstellers, Journalisten und Arztes Richard Huldschiner (1872 bis 1931; aufgewachsen in Bozen, gestorben in Innsbruck) durchleuchtet. Huldschiner war als Standschütze Kriegsteilnehmer an der Front mit Italien, zum Beispiel oberhalb des Gardasees.

In einer Kriegsgeschichte thematisierte er seine jüdischen Wurzeln und zionistischen Ideale, wie Micheli betonte: “Noch leuchtet die Menorah nicht zum Makkabäerkampf. Aber auch dieser Krieg schon ist vielleicht Vorstufe der Befreiung. Und wir kämpfen ihn aus mit dem Bewusstsein, dass wir mehr tun müssen als andere, weil wir weniger gelten, obschon wir wussten, dass wir nicht geringer sind als irgend einer.” Huldschiner arbeitete nach dem Ende des Ersten Weltkrieges unter anderem auch als Korrespondent der Vossischen Zeitung und berichtete für sie vom Prozess gegen Adolf Hitler nach dessen Putschversuch in München vom 9. November 1923.

Kein Wunder, dass nach dem Ende des Ersten Weltkrieges und dem Zusammenbruch der alten Weltordnung alle Beteiligten doch noch irgendeinen Sinn im Sinnlosen des zurückliegenden mörderischen Schlachtens zu finden trachteten. So gab es schließlich Kriegserinnerungen und (Helden-)Denkmäler auch für die gefallenen Soldaten jüdischer Herkunft. Das größte diesbezügliche Kriegerdenkmal in Österreich entstand am Wiener Zentralfriedhof. Die Jury unter Clemens Holzmeister wählte dafür einen Entwurf des Architekten Leopold Ponzen mit dem Titel “Gezeichneter Davidstern im Kreis zwischen zwei waagrechten Linien” aus.

Das Denkmal wurde 1929 eingeweiht. Bei der Gestaltung in einer vorgegebenen Inschrift wurde erstmals bei einem solchen Projekt ausdrücklich Wert auf einen Ausblick auf eine – hoffentlich – friedlichere Zukunft gelegt. Dabei wurde der Prophet Jesaja zitiert: “Nicht mehr hebt Volk gen Volk das Schwert und nicht lernen sie für den Krieg.” Dies sollte sich bald darauf als Illusion herausstellen – genauso wie die Kriegsteilnahme Menschen jüdischer Abstammung nichts am dumpfen und mörderischen Antisemitismus geändert hatte.

Von: apa

Bezirk: Bozen