Komponist Manfred Trojahn arbeitete erstmals auch als Librettist

“Orest” an der Staatsoper: In der Seele des Muttermörders

Montag, 01. April 2019 | 08:25 Uhr

Ein fokussierter Blick in die geschundene Seele eines Mörders – dies wird Manfred Trojahns “Orest” in der Interpretation von Staatsopern-Veteran Marco Arturo Marelli. Für die Premiere der Antikenmetapher wählte der Theatermacher am Sonntagabend die radikal reduzierte Perspektive eines Kammerspiels in der Herzkammer des Wahnsinns – was vom Publikum im Haus am Ring letztlich umjubelt wurde.

Marelli setzt die 2013 uraufgeführte Oper des 69-jährigen Komponisten in einen abschüssigen Raum aus Nebel und Licht, in ein abstraktes Seelenlabyrinth des Unbewussten. Freud lauert hier hinter jeder Tür, auch wenn dann meist doch nur die tote Mutter oder Gott Apoll heraustreten. Die Klippen eines boulevardesken Tür-auf-Tür-zu-Spiels kann Marelli – wie immer in Personalunion auch sein eigener Bühnenbildner und Lichtmeister – nicht immer umschiffen. Damit konterkariert er bisweilen sein zwar karges, minimalistisches, aber dennoch über weite Strecken stimmiges Regiekonzept.

Trojahn, der beim “Orest” erstmals auch als sein eigener Librettist arbeitete, fokussiert den antiken Stoff über den Muttermörder, der letztlich an der Schnittstelle von Matriarchat zu Patriarchat steht, ganz auf die individuelle Perspektive eines von den Schatten seiner Schuld Gequälten. Der Tonsetzer hat dazu jedoch keine dauerexaltierte Erregungsmusik konzipiert, sondern eine theatrale Begleitung, die sich in den Dienst der Narration stellt, lyrische Passagen wilden, dissonanten Crescendi gegenüberstellt, was Michael Boder am Pult des Staatsopernorchesters geschickt auszutarieren weiß. Dass diese Gewichtung Bestand hat, ist aber nicht zuletzt einem starken Text zu verdanken, der Preziosen wie die Definition der Schönheit Helena bereithält: “Sie ist sich nie begegnet. Sie kennt sich nur als Spiegelbild.”

Überhaupt haben bei allem Fokus auf Orest durchaus die weiblichen Protagonisten ihren Raum. Letztlich sind in ihrer Entwicklung sogar die Frauen die spannenderen Charaktere dieses Werks. Evelyn Herlitzius brilliert mit ihrer in mehrfacher Hinsicht Wahnsinnspartie der Furie Elektra und dem in die Grenzbereiche der Tiefe getriebenen, dramatischen Mezzo. Laura Aikin indes überzeugt als Helena im Monroe-Verschnitt mit ihrem immer noch frischen Charaktersopran.

Und schließlich ist Audrey Luna – an der Staatsoper noch bestens in Erinnerung als Luftgeist Ariel in der 2015 umjubelten Inszenierung von Thomas Ades’ “The Tempest” – mit ihrem extrem hoch gesetzten Koloratursopran der Hermione die letztlich einzig menschliche Figur des Werks, die leidlich unbeschadet aus dem Streit der Ideologien und Rachelogik hervorgehen könnte. Beim von Thomas Johannes Mayer als weniger mit sich hadernder als bereits zerstörter Orest hat man da eher Zweifel. Kann man aus dem System wirklich aussteigen? Diese Frage schwebt am Ende dieses Emanzipationsprozesses, der versuchten Befreiung von den eigenen Dämonen im Raum. Eine Antwort muss hier letztlich jeder Zuschauer selbst finden.

Von: apa