Er wuchs in Meran auf

Radikale Wissenstheorie: Ernst von Glasersfeld wäre 100

Sonntag, 05. März 2017 | 09:05 Uhr

Immer noch gibt es “aktuelle Forschungsergebnisse”, rund um Ernst von Glasersfeld. Denn die Theorien des österreichisch-amerikanischen Philosophen, Kommunikationswissenschafters und Kognitionspsychologen finden auch rund um den 100. Geburtstag (8. März) des 2010 verstorbenen Denkers noch fortschreitende Verbreitung. Diskutiert werden sie ab 20. April bei einer Konferenz in Innsbruck.

“Ernst von Glasersfeld (1917-2010). Radikaler Konstruktivismus: Vergangenheit, Gegenwart und Zukunft” nennt sich das viertägige Treffen der Fachwelt, bei dem “eine Vielfalt an Zugängen zum Konstruktivismus von Vertretern verschiedener Fachrichtungen, von Freunden und Mitarbeitern von Ernst von Glasersfeld diskutiert werden”. Relevanz besitzen seine Theorien unter anderem für die Kognitionswissenschaften, die Managementlehre und Ökonomie, die Literatur- und Medienwissenschaften, die Mathematikdidaktik und natürlich die Philosophie.

Diese weite Verbreitung ist vor allem der Tatsache geschuldet, dass sein Ansatz sich mit dem Wissen selbst befasst: Es gelte nicht “Cogito ergo sum” (“Ich denke, also bin ich”), sondern vielmehr: “Ich nehme wahr, dass ich denke, daher bin ich”, so von Glasersfeld, der als einer der Begründer der Denk- und Wissenschaftsschule des Radikalen Konstruktivismus in die Annalen eingegangen ist. Berühmt war er zunächst durch seine Beiträge zur Primatenforschung und die Entwicklung der computerunterstützten Sprache “Yerkish” für Kommunikationsversuche mit Schimpansen geworden.

Glasersfeld wurde am 8. März 1917 als Sohn eines k.u.k. Diplomaten und einer Skirennläuferin in München geboren. Er hatte zunächst die Staatsbürgerschaft der österreichisch-ungarischen Monarchie, seit 1974 war er US-Amerikaner. Der Philosoph, der ohne abgeschlossenes Studium eine akademische Karriere hinlegte, wuchs in Meran dreisprachig auf (Deutsch, Englisch, Italienisch) und lernte im Internat in der Schweiz Französisch als vierte Sprache. Seine akademische Laufbahn begann mit dem Studium der Mathematik an der ETH Zürich und setzte sie – aus Geldnot – an der Universität Wien fort. Doch nach kurzer Zeit wich Glasersfeld 1937 der antisemitischen Stimmung und der Präsenz der Nazis an der Hochschule und verließ Österreich.

Nach einem kurzen Aufenthalt in Australien als Skilehrer und einem Zwischenspiel in Paris emigrierte Glasersfeld nach Irland, lebte dort als Bauer und traf mit Persönlichkeiten wie Erwin Schrödinger und James Joyce zusammen. Als Kulturjournalist kehrte er nach dem Krieg nach Südtirol zurück und bot erste konstruktivistische Reflexionen. Er arbeitete für den “Standpunkt” in Bozen und die “Weltwoche”. 1959 wurde er Mitarbeiter von Silvio Ceccato, Gründer des Zentrums für Kybernetik der Universität Mailand, und arbeitete zunächst in Italien und dann in den USA. Aus seinen Arbeiten zog Glasersfeld u.a. den Schluss, dass “jede Sprache eine andere begriffliche Welt bedeutet”.

Danach folgte der Wissenschafter einem Ruf als Professor für Kognitive Psychologie an die University Georgia in Athens, wo er mit seinen Beiträgen zur Primatenforschung für Aufsehen sorgte. Glasersfeld beschäftigte sich mit dem Werk Jean Piagets und lieferte Beiträge im Bereich der Lerntheorie und der Unterrichtsdidaktik. Mit seinem Freund Heinz von Foerster begründete er den Radikalen Konstruktivismus, auch mit weiteren wichtigen Vertretern wie Humberto Maturana oder Francisco Varela stand er in regem Austausch.

Den Radikalen Konstruktivismus beschrieb er einmal als “eine unkonventionelle Weise, die Probleme des Wissens und Erkennens zu betrachten”. Die Theorie beruhe auf der Annahme, dass alles Wissen, wie immer man es auch definieren möge, nur in den Köpfen von Menschen existiert und dass “das denkende Subjekt sein Wissen nur auf der Grundlage eigener Erfahrungen konstruieren kann”. Glasersfeld: “Was wir aus unserer Erfahrung machen, das allein bildet die Welt, in der wir bewusst leben.”

Nach seiner Emeritierung 1987 war Glasersfeld am Scientific Reasoning Research Institute der University of Massachusetts (USA) tätig. Neben Ehrendoktoraten der Universität Klagenfurt und der Universite Du Quebec in Montreal hat Glasersfeld Auszeichnungen von Universitäten und wissenschaftlichen Vereinigungen in den USA, Kanada, Belgien und Deutschland erhalten. Als er 2009 die Ehrenmedaille der Stadt Wien in Gold erhielt, erklärte Glasersfeld: “Für jemanden, der sein Leben lang versucht hat, sich selbst nicht ernst zu nehmen, ist eine solche Auszeichnung ein völlig erschütternder Schock.”

2008 veröffentlichte Glasersfeld sein Buch “Unverbindliche Erinnerungen: Skizzen aus einem fernen Leben” (Folio Verlag, Wien 2008). Eine Doppelbiografie von Glasersfeld und Foerster erschien 1999 unter dem Titel “Wie wir uns erfinden”. Weitere deutschsprachige Werke umfassen “Wissen, Sprache und Wirklichkeit” (1987), “Über Grenzen des Begreifens” (1996), “Radikaler Konstruktivismus. Ideen, Ergebnisse, Probleme” (1997) und “Radikaler Konstruktivismus – Versuch einer Wissenstheorie” (2005). Ernst von Glasersfeld starb am 12. November 2010 im Alter von 93 Jahren infolge einer Krebserkankung in seiner Wahlheimat im US-Bundesstaat Massachusetts.

Von: apa

Bezirk: Bozen, Burggrafenamt

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