Auf der Bühne dominierte Opulenz

Salzburger Festspiele: Diese “Zauberflöte” pfeift auf Tiefe

Samstag, 28. Juli 2018 | 10:35 Uhr

Stringenz um den Preis der Tiefe – auf diesen Nenner lässt sich Lydia Steiers “Zauberflöte” bringen, die am Freitag die Eröffnungspremiere der Salzburger Festspiele 2018 war. Am Ende stand Applaus für das Ensemble und teils auch für die junge Regisseurin, die zugleich deutliche Buhs einstecken musste. Der erhoffte Auftakttriumph für die Festspiele war dies jedenfalls nicht.

Das Kernelement des Regiekonzepts der 40-jährigen US-Amerikanerin Steier mit Wohnsitz Berlin ist eine Rahmenhandlung, mit der das legendär disparate Libretto der Mozart/Schikaneder-Oper ebenso schlüssig wie glattgebürstet wird. So wird das magische Geschehen vom Großvater einer großbürgerlichen Familie seinen drei Enkeln als Gute-Nacht-Geschichte erzählt. Für diese Sprechrolle sprang nach der krankheitsbedingten Absage von Bruno Ganz Klaus Maria Brandauer ein. Im betulichen Lehnsessel einer sich über zwei Ebenen erstreckenden bourgeoisen Villa sitzend, ist er der Spiritus Rector hinter dem Geschehen, das letztlich in den Köpfen der drei Knaben entsteht.

Die gesamte “Zauberflöten”-Welt entspringt also letztlich der kindlichen Fantasie, welche die eigene, hysterische Mutter mit der Königin der Nacht gleichsetzt, Tamino als Zinnsoldaten erscheinen und den Fleischersohn zu Papageno werden lässt. Auf diesem bunten Jahrmarkt der Putzigkeiten, der sich aus den abstrahierten Spielsachen der Buben rekrutiert, treten Schlangenfrauen und Stelzengeher, Artisten und Clowns auf, wobei letztere oftmals eher an ES erinnern, denn an Kinderunterhalter. Dennoch schwingt das Pendel dieser “Zauberflöte”, die stets zwischen Weihespiel und Volkstheater changiert, klar zur Posse aus.

In sich ist das Konzept aber schlüssig. Brandauer nimmt als Erzähler den Sängern die Mehrzahl der Sprechpassagen ab – wofür man als Zuschauer nur dankbar sein kann. Und die sich sukzessive in schwebende, technoide Elemente auflösende Villa erlaubt fließenden Szenenwechsel, die in ihrer Schnelligkeit bei der “Zauberflöte” oftmals Schwierigkeiten bereiten.

Bühnenbildnerin Katharina Schlipf und Kostümbildnerin Ursula Kudrna stellen eine zirzensische Bildorgie auf die Bühne, ein Alice im Zauberflötenland, bei dem es bisweilen so viel zu sehen gibt, dass man sich als Zuschauer beinahe nicht mehr orientieren kann. Dennoch wird die “Zauberflöte” in dieser Deutung stringenter, geschlossener – verliert aber eben dadurch auch an Komplexität. Bedeutungsebenen, die über die Märchengeschichte hinausreichen, finden praktisch keinen Raum.

So ist Steiers Interpretation des Werks über weite Passagen das, wofür Mozarts vorletztes Bühnenwerk traditionell von Eltern verwendet wird: Eine Kinderoper, mit der man den Musiknachwuchs anfixen kann. Die Erwachsenen werden mit etwaigen philosophischen Fragen des Werks nicht behelligt, wenn man von der mit Kriegsbildern untermalten Feuer- und Wasserprobe absieht.

Die Opulenz der Bühne spiegelte sich indes nicht im Orchestergraben wider. Die Wiener Philharmoniker sind klein besetzt, spielen schlank und schnell – und dabei bisweilen rhythmisch überraschend unpräzise. Constantinos Carydis gelingt es immer wieder nur schwer, sich mit den Tempi auf die Sänger einzustellen, weshalb es immer wieder rumpelt.

Da spießt man sich sogar mit dem Königin-der-Nacht-Routinier Albina Shagimuratova, die bereits 2008 in Salzburg in der Koloraturpartie zu hören war. Wenn auch nicht die spielmächtigste Sängerdarstellerin, überzeugt die 38-jährige Russin mit Hörnchenhelm nach wie vor mit glasklarer Intonation der halsbrecherischen Partie.

Auf der Habenseite sind auch Staatsopern-Ensemblemitglied Adam Plachetka als Papageno und Christiane Karg mit teils berückend schönen Passagen als Pamina zu nennen. Auch die drei Wiener Sängerknaben bewältigen ihre deutlich aufgewerteten Partien der drei Knaben makellos.

Der junge Schweizer Mauro Peter ist mit den Anforderungen seines Tamino derzeit hingegen noch überfordert. Vor allem aber hat Matthias Goerne als Bariton schlicht nicht die Tiefe für die Basspartie des Sarastro und brummelt leidlich unhörbar vor sich hin.

Einiges verschenktes Potenzial also an einem Abend mit durchaus guten Ideen. Eher eine kleine Gute-Nacht-Musik als eine große “Zauberflöte”.

Von: apa