Evgenia Muraveva (Lisa) und Brandon Jovanovich (Hermann)

Salzburger Festspiele: “Pique Dame” sticht musikalisch

Montag, 06. August 2018 | 15:36 Uhr

Es wurde eine milde Salzburg-Rückkehr für Hans Neuenfels 17 Jahre nach seiner skandalumwitterten “Fledermaus”: Seine Interpretation von Peter Tschaikowskis “Pique Dame” wurde am Sonntagabend mit wohlwollendem Applaus und einigen wenigen Buhs bedacht. Dafür wurde der Abend zum Triumph für die Wiener Philharmoniker unter Mariss Jansons und den großen Teil des Sängerensembles.

Damit wurde im Großen Festspielhaus bei der dritten Opernpremiere der laufenden Saison vor allem jenes Trio gefeiert, das bereits im Vorjahr bei “Lady Macbeth von Mzensk” einen Festspielerfolg landete: Brandon Jovanovich als Hermann und Evgenia Muraveva in der Sängerriege und vor allem Jansons am Pult der Philharmoniker. Der lettische Dirigent, der mit der “Lady Macbeth” sein Salzburger Operndebüt begangen hatte und von Intendant Markus Hinterhäuser gleich erneut für ein Dirigat gewonnen wurde, führte das Orchester ebenso elegant wie transparent durch den Abend. Scheinbar leicht kommt das Ganze bei ihm daher, nie pathetisch und doch stets gefühlvoll, das Ausbrechen aus dem weichen Fluss ins Schneidende zugleich nie scheuend.

Jovanovich musste in seiner Partie als sukzessive dem Wahnsinn verfallender Spieler zwar durchaus forcieren, präsentierte sich aber erneut als in Summe kraftvoller, spielfreudiger Tenor. Ihm zur Seite gibt Evgenia Muraveva als seine Geliebte Lisa ein Beispiel für einen dunkel gefassten Sopran, edel schimmernd ohne russische Schwere. Als Darstellerin beschränkt sich ihr Können allerdings auf lediglich einen Gesichtsausdruck – den einer angstvollen Verwirrtheit, mit der sie die ersten zweieinhalb Stunden bestreitet. Erst in ihrer Todesszene schwingt sich die Petersburgerin auch zu schauspielerisch berührenden Höhen auf.

Nicht zuletzt fanden sich in den Partien der zweiten Reihe zwei herausragende Interpreten. Hanna Schwarz gibt streckenweise mit Glatze eine eindrucksvolle Gräfin – vulgär und weltweise, derb und doch würdevoll. Und Igor Golovatenko präsentiert als Fürst Jelezki seinen grandiosen Bariton mit messingglänzender Mittellage und fließender Durchschlagskraft.

Weniger groß fiel da die Durchschlagskraft von Hans Neuenfels’ Regie aus. Der Veteran setzt über den Abend hinweg gezielt kleine Aufreger, neckische Zitate, gleichsam um zu sagen “Ich kann auch anders”, wenn die Gouvernanten des Kinderchores zu Beginn mit umgehängten Stoffbrüsten aufmarschieren oder Zarin Katharina als Skelett mit überlangen Armen von der Menge angebetet wird. Alles in allem ist diese “Pique Dame” – nach Eigenaussage eine der letzten Arbeiten für die Bühne – aber eine durchaus bekömmliche, ästhetische Inszenierung, in der das Element des Wahnsinns, in den Hermann abgleitet, deutlicher als sonst oftmals herausgearbeitet ist und immer wieder schlüssige Detaillösungen gelingen.

Neuenfels setzt auf starke Farbkontraste, wenn im überwiegend monochromen Geschehen Hermann stets in blutroter Uniform auftritt oder die Gräfin orange-grüne Akzente setzt. Die Welt des ausgehenden 18. Jahrhunderts in St. Petersburg, in der Hermann das Geheimnis der Gräfin aufdecken will, die mit drei magischen Karten beim Spiel reich geworden ist und dafür seine Liebe zu Enkelin Lisa opfert, ist bei dem 77-Jährigen eine aseptische, kalte, uniforme Gesellschaft, in der die beiden Liebenden herausstechen mögen, gegen die sie letztlich aber nicht ankommen.

Vor allem in den Duetten zeigt sich dabei die mitunter bescheidene Personenführung Neuenfels, der zugleich die große Fähigkeit zur Massenchoreografie gegenübersteht. Besonders zum Einsatz kommt hier die Konzertvereinigung Wiener Staatsopernchor, die mit Laufbändern eingefahren wird, sich in allerlei Verkleidungen und Untergruppen zu immer neuen Tableaus arrangiert und dadurch durchaus ikonografische Bilder formt. Alles in allem landen die Salzburger Festspiele mit dieser “Pique Dame” also durchaus einen Stich.

(S E R V I C E – Peter Iljitsch Tschaikowskis “Pique Dame” im Rahmen der Salzburger Festspiele im Großen Festspielhaus, Hofstallgasse 1, 5020 Salzburg. Musikalische Leitung der Wiener Philharmoniker: Mariss Jansons, Regie: Hans Neuenfels, Bühne: Christian Schmidt, Kostüme: Reinhard von der Thannen. Mit: Brandon Jovanovich – Hermann, Vladislav Sulimsky – Graf Tomski/Plutus, Igor Golovatenko – Fürst Jelezki, Evgenia Muraveva – Lisa, Oksana Volkova – Polina/Daphnis, Hanna Schwarz – Gräfin, Alexander Kravets – Tschekalinski, Stanislav Trofimov – Surin, Gleb Peryazev – Narumow, Pavel Petrov – Tschaplizki, Margarita Nekrasova – Gouvernante, Oleg Zalytskiy – Zeremonienmeister, Vasilisa Berzhanskaya – Mascha, Yulia Suleimanova – Chloe/Prilepa. Weitere Aufführungen am 10., 13., 18., 22. und 25. August. www.salzburgerfestspiele.at. Servus TV zeigt am 16. August ab 21.15 Uhr die Aufzeichnung der “Pique Dame” aus Salzburg.)

Von: apa