"Exterminating Angel" als Highlight in Salzburg

Salzburger Festspiele setzen auf Wohlfühlfaktor

Montag, 22. August 2016 | 13:10 Uhr

Große Dekorationsoper und puristische Schauspielkunst: In Salzburg hat man bei den szenischen Produktionen dieses Sommers auf Wohlfühlfestspiele gesetzt. Auch insgesamt wird das zweijährige Interregnum, in dem Sven-Eric Bechtolf die Geschicke des Festivals gemeinsam mit Präsidentin Helga Rabl-Stadler leitete, nicht als Höhenflug der Experimentierlust in die Annalen eingehen.

Die Ausnahme und damit der unumstrittene Höhepunkt der drei Musiktheater-Premieren stand gleich zu Beginn des heurigen Reigens. Das Auftragswerk “Exterminating Angel” des Briten Thomas Ades erwies sich im Haus für Mozart als fulminante Eröffnung, die sich in der Regie von Librettist Tom Cairns und mit dem Komponisten am Pult zu Beifallstürmen des Publikums aufschwang. Die Bühnenadaption des surrealistischen Filmklassikers “Der Würgeengel” von Luis Bunuel geriet zum atmosphärisch dichten Ensemblestück, zum Kammerspiel als Gesellschaftsparabel. Und musikalisch bleibt der Neutöner Ades mit seinem breiten Ansatz zwischen tonalen Strukturen, vehementen Dissonanzen und Auskosten der Registerextreme auch für Skeptiker zeitgenössischer Musik zugänglich.

Ein Kammerspiel ist Alvis Hermanis’ Sache nicht. Seine überbordend mit Gold und Textil bepflasterte “Liebe der Danae” erging sich in Ausstattungssucht ohne erzählerischen Mehrwert. Für Jubel sorgte allerdings die glasklare Umsetzung der Unwägbarkeiten in der Richard-Strauss-Partitur durch die Wiener Philharmoniker unter Franz Welser-Möst. Auch das von ihm zusammengesuchte Sängerensemble – allen voran “Danae” Krassimira Stoyanova – wurde für seine Ausnahmeleistungen gefeiert.

Den Vorwurf, mehr Augenschmaus als mitreißendes Musiktheater zu sein, musste sich auch der von Reinhard von der Thannen in Szene gesetzte “Faust” gefallen lassen. Die Gounod-Oper legte er als futuristische Revue an und setzte ebenso wie Hermanis auf visuelle Masse, die am Kern des Stücks vorbeichoreografiert wurde. Gerettet wurde der Abend allerdings von den Solisten, in erster Reihe Ildar Abdrazakov als “Mephisto” und Piotr Beczala als “Faust”.

Neben den Neuproduktionen sowie dem Publikumsrenner der “West Side Story”, der mit Cecilia Bartoli und Gustavo Dudamel von den Pfingstfestspielen übernommen wurde, und zum Ende des Sommers erneut für Euphorie sorgte, dominierte das Operngeschehen in Mozarts 260. Geburtsjahr allerdings die vollständig wieder aufgenommene Da-Ponte-Trilogie. Sven-Eric Bechtolfs handwerklich einwandfrei gearbeitete Nicht-Deutung wusste zwar auch in ihrer Gesamtheit keine Begeisterungsstürme loszutreten, punktete aber mit starken Besetzungen und drei engagierten Dirigenten.

Die “Cosi” richtete Bechtolf in der Felsenreitschule komplett neu ein – wusste der gewaltigen Kulisse allerdings wenig szenisches Fleisch entgegenzusetzen, was musikalisch leider auch für das Mozarteumorchester galt. Beim zweiten Mal Hinschauen gab es bei “Don Giovanni” und “Figaro” noch viele feine Details zu entdecken. Rehabilitieren konnte sich die Trilogie, deren mangelndes Entdeckertum nun vier Jahre lang scharf medial kritisiert wurde, dennoch nicht ganz.

Weniger mit Mozart, mehr mit Thomas Bernhard nahm Sven-Eric Bechtolf Abschied von den Salzburger Festspielen. Mit virtuosen Sezierkaskaden konfrontierte er als Doktor in “Der Ignorant und der Wahnsinnige” noch einmal eindrucksvoll mit seiner Schauspielkunst. Die stand auch bei den anderen Schauspiel-Produktionen in geradezu frommer und puristischer Form im Zentrum.

Dieter Dorn setzte bei Becketts “Endspiel” ganz auf Nicholas Ofczarek und Michael Maertens und positionierte die beiden Bühnengewalten in einem schmucklosen Guckkasten, Deborah Warner fegte für den “Sturm” die Bühne der Perner-Insel leer und ließ Peter Simonischek darauf Shakespeare rezitieren. Alle drei Theaterabende fuhren mit diesem Rezept sichere Erfolge ein – Außergewöhnliches entsteht so aber nicht.

Das Interregnum ist damit zu Ende, Markus Hinterhäusers Pläne für 2017 sind in bewährter Manier bereits über den Sommer durchgesickert, und wenn die künstlerische Schlacht für heuer geschlagen ist, kann man sich wieder auf die Lieblingsfragen des Festspielpublikums konzentrieren: Wer wird der neue Jedermann?

Offiziell verabschiedet hat sich Cornelius Obonya nach vier Jahren als Hofmannsthals Lebemann, über das Schicksal der Inszenierung sowie der weiteren Rollen ist abseits von Gerüchten noch nichts bekannt. Auch ob es ein Wiedersehen mit Miriam Fussenegger geben wird, die als heuer neu eingestiegene Buhlschaft auch mit dem Lolita-Charme der bisher zweitjüngsten Darstellerin der Rolle eher unauffällig blieb, ist offen.

Von: apa

Kommentare

Hinterlasse einen Kommentar

Hinterlasse den ersten Kommentar!


wpDiscuz