Charlie Chaplin gilt als der cineastische Leonardo da Vinci

Schweizer Ausstellung widmet sich Werk Chaplins

Mittwoch, 11. März 2020 | 14:03 Uhr

Charlie Chaplin war ein cineastischer Leonardo: Er war in allem gut. Eine neue Ausstellung im Museum Chaplin”s World bei Vevey (Schweiz) widmet sich seinem musikalischen Werk: “The Sound of Charlie Chaplin” ist vom 13. März bis 28. Juni zu sehen.

Bevor das Kino sprechen lernte, war es nicht stumm. Schon immer hatten einzelne Musiker oder ganze Orchester Filme live begleitet. Das war ein Erbe der Herkunft des Films aus dem Theater. “The Sound of Charlie Chaplin” im Dachgeschoß des Manoir de Ban, wo Chaplin seit 1953 bis zu seinem Tod 1977 lebte, ruft dieses Vermächtnis in Erinnerung.

Seinen ersten Auftritt soll der 1889 geborene Charlie Chaplin im Alter von fünf Jahren gehabt haben, als er in einer Music Hall nahe London für seine kranke Mutter Hannah einsprang. Der kleine Charlie sang und erntete einen Münzregen dafür. Nachdem Hannah Chaplin in eine Nervenklinik eingeliefert worden war, wuchs Charlie auf den Londoner Straßen auf.

Mit seiner ersten Gage kaufte er sich eine Geige und übte jeden Tag stundenlang. Stan Laurel, damals in der gleichen Truppe wie Chaplin engagiert, sagte später, man habe Chaplin nie ohne seinen Geigenkasten gesehen. Besagte Geige gehört zu den Exponaten in Vevey.

Chaplins Spiel genügte seinen eigenen Ansprüchen jedoch nicht und auch das Label, das er 1916 gründete, hatte keinen Erfolg. Als Kind der Music Halls gehörte die Musik aber zu seiner künstlerischen DNA. Von Anfang an tauchen Instrumente, echte oder selbst gemachte, in Chaplins Filmen auf.

Ab 1931, dem Erscheinungsjahr von “City Lights” (“Lichter der Großstadt”), wird Chaplin als Urheber der Musik zu seinen Werken geführt. Die früheren stattete er nach und nach mit eigenen Kompositionen aus. Als “The Gold Rush” (“Goldrausch”) 1942, als der Tonfilm sich durchgesetzt hatte, zum zweiten Mal erschien, schnitt Chaplin ihn neu, um ihn besser mit seiner Komposition zu verbinden.

Die Ausstellung in Vevey macht Chaplins Arbeitsweise nachvollziehbar, indem sie die beiden Versionen nebeneinander präsentiert. Neben vielen Bildern sind auch Originalpartituren zu sehen. Sie geben aber nur ein unzureichendes Bild davon, wie Chaplin komponierte. Da er keine Noten schreiben konnte, arbeitete der Regisseur mit Arrangeuren zusammen, denen er in stundenlangen Sessionen Melodien vorsang, bis sie in der Lage waren, aufs Papier zu bringen, was ihm im Kopf klang.

Folgerichtig erhielt Chaplin 1973 den Oscar für die beste Filmmusik gemeinsam mit seinen Mitarbeitern Raymond Rasch und Larry Russell. Beide waren zu diesem Zeitpunkt jedoch schon tot und bis heute ist unklar, ob die Wahl auf die richtigen fiel. Der prämierte Film “Limelight” (“Rampenlicht”) war erst 1972 in den USA erschienen, 20 Jahre nach seiner eigentlichen Entstehung.

Rasch war sich anfänglich nicht sicher gewesen ob er es mit einem “Genie” oder einem “Verrückten” zu tun hatte: “Chaplin schrie stundenlang und alles, was ich erkennen konnte, war ein unauflösliches Durcheinander. Aber plötzlich sang er eine Note oder einen ganzen Satz und schrie mich an, dies zu spielen und die Noten aufzuschreiben.”

Im Widerspruch zum Geschmack der Zeit, der von der Musik erwartete, die Komik von Filmen hervorzuheben, komponierte Chaplin romantische Musik zu seinen Komödien, um ihnen Eleganz und Emotionalität zu verleihen. Das so genannte “Micky Mouseing”, bei dem Gags mit Geräuscheffekten unterlegt wurden, lehnte er ab.

In der Schlussszene von “Limelight” tritt Chaplin als Geiger auf, der den Ton nicht findet. Die Sequenz ist berühmt, weil in ihr die beiden Stars des Stummfilms, Chaplin und Buster Keaton, das einzige Mal überhaupt zusammen auftreten, bezeichnenderweise als alternde Vaudeville-Komiker am Ende ihrer Laufbahn.

Von: APA/Ag.