Scholz führte selbst Regie

Schwelgen im Schönklang zu “La Boheme” in Klagenfurt

Freitag, 21. Dezember 2018 | 11:10 Uhr

Um Lorenzo Viotti, der als Chefdirigent nach Lissabon geht, für eine (nach “Carmen” und “Werther”) dritte Opernproduktion nach Klagenfurt zu holen, setzte Stadttheater-Intendant Florian Scholz Giacomo Puccinis “La Boheme” auf den Spielplan – und führte auch gleich selbst Regie. Das Teamwork wurde dank eines starken Sängerensembles bei der Premiere am Donnerstagabend euphorisch bejubelt.

Wie ein roter Faden zieht sich das Motiv winterlicher Kälte durch die vier Bilder der Ende des 19. Jahrhunderts komponierten Oper, die mehr Liebestragödie als Weihnachtsmärchen ist: Kargheit und Geldsorgen kennzeichnen das Leben von vier Studenten und Künstlern in einer Pariser Dachwohnung, deren jugendlicher Übermut bald mit dem Tod konfrontiert wird. Denn Schriftsteller Rodolfo verliebt sich in die sterbenskranke, empfindsame Mimi, deren Hände schon bei ihrem ersten Auftritt eiskalt sind.

Das Geschehen in der Mansarde im Quartier Latin bildet den Rahmen dieser Geschichte über Lebenshunger und Liebeswirren, die Hausherr Florian Scholz in die 1960er-Jahre verlegt. Bühnenbild (Etienne Pluss) und Kostüme (Axel Aust) vermitteln diese Zeit mit gedeckten Farben und kühlem Naturalismus. Da wäre das Zitat einer Yves-Klein-Malaktion, die einen eingefärbten Frauenkörper als Stempel auf einer Leinwand benutzte, gar nicht nötig gewesen. Die beiden mittleren Szenen spielen im Freien, wo es mit zunehmender Entfremdung zwischen Mimi und Rodolfo sogar leicht zu schneien beginnt.

Der Kontrast zwischen der Kälte des Daseins und der Wärme der Liebe macht den Reiz der eingängigen Melodien von Puccini aus, die längst zu Schlagern der Opernliteratur geworden sind. Lorenzo Viotti leitete das differenziert gestaltende Kärntner Sinfonieorchester mit Verve und schwelgte im Schönklang. Zu dem trug auch der schmelzende Tenor von “Rodolfo” Matteo Desole bei, der unangestrengt kraftvoll sowohl die dramatischen wie lyrischen Passagen sang. Eine etwas nuanciertere Interpretation würde man sich bei der australischen Sopranistin Kiandra Howarth als Mimi wünschen. Stimmlich grandios, fehlten ihr zeitweise darstellerisch die Zwischentöne, um diese zarte, empfindsame Frauenfigur zu verkörpern.

Schauspielerisch hat Bryony Dwyer da als kokett-selbstbewusste Musetta mehr zu bieten. Zwischen Empathie und Exaltiertheit changiert diese selbstbewusste Frau, die mit dem Maler Marcello (Andrzej Filonczyk) eine leidenschaftliche – heute würde man sagen – On-off-Beziehung lebt. Das ausnahmslos stimmlich sehr starke Ensemble wurde vom quirligen Kinderchor der Singakademie Carinthia und Tänzern (Choreographie Lukas Zuschlag) unterstützt.

So übermütig und humoristisch der Einstieg in das Leben der jungen Bohemiens gestaltet war, so rührend ist das Ende in der Dachkammer, wenn die sterbende Mimi ihre kalten Hände in dem Muff wärmt, den ihr die Freunde im letzten Moment besorgt haben. Mit mehrfachem Szenenapplaus und minutenlangen Standing Ovations bedankte sich das Klagenfurter Publikum für diese kulinarische und kitschfreie Weihnachtsproduktion.

(S E R V I C E – “La Boheme”, Oper in vier Bildern von Giacomo Puccini, Szenen nach “La vie de Boheme” von Henri Murger, Libretto von Giuseppe Giacosa und Luigi Illica, Stadttheater Klagenfurt. In italienischer Sprache mit deutschen Übertiteln. Musikalische Leitung: Lorenzo Viotti, Regie: Florian Scholz, Bühne: Etienne Pluss, Kostüme: Axel Aust, Choreinstudierung: Günter Wallner, Choreographie: Lukas Zuschlag, Dramaturgie: Markus Hänsel. Mit: Kiandra Howarth (Mimi), Bryony Dwyer (Musetta), Matteo Desole (Rodolfo), Andrzej Filonczyk (Marcello), Gurgen Baveyan (Schaunard), Riccardo Fassi (Colline). Kärntner Sinfonieorchester, Chor des Stadttheaters Klagenfurt. Weitere Aufführungen: 22., 23., 27., 29., 31. Dezember 2018 und 2., 5., 9., 11., 13.,15., 17., 19., 25., 26. Jänner 2019, jeweils 19.30 Uhr; www.stadttheater-klagenfurt.at)

Von: apa

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