Vorgeworfen werden unter anderem Demütigungen und Gewalt

Schwere Vorwürfe gegen Ballettakademie der Wiener Staatsoper

Dienstag, 09. April 2019 | 23:22 Uhr

Das Wiener Wochenmagazin “Falter” erhebt in seiner neuen Ausgabe schwere Vorwürfe gegen die Ballettakademie der Staatsoper. Kinder seien hier “Opfer autoritärer, gewalttätiger und gefährlicher Unterrichtsmethoden geworden”, wird eine Lehrerin zitiert. Das Spektrum der Vorhaltungen reicht von Demütigungen, Gewalt und Drill bis hin zu einem sexuellen Übergriff.

Die notfallmedizinische Behandlung nach Unfällen sei mangelhaft, psychologische und ernährungswissenschaftliche Beratung für die Kinder entgegen internationaler Standards praktisch nicht vorhanden. Schülerinnen seien hingegen geradezu in die Bulimie oder Anorexie getrieben worden. Die Wiener Kinder- und Jugendanwaltschaft ist bereits seit Monaten tätig. “Im Grunde hätten wir diesen Laden sofort zusperren müssen”, wird ein anonymer Beamter der Kinder- und Jugendanwaltschaft zitiert.

Ein Teil der Vorwürfe konzentriert sich auf eine im Jänner gekündigte Lehrerin, die Schülerinnen unter anderem getreten, blutig gekratzt und an den Haaren gerissen haben soll. Gegenüber der Wochenzeitung rechtfertigt sich die Beschuldigte: “Es tut mir leid, wenn die Mädchen gelitten haben.” Sie habe immer versucht, das Beste aus ihren Schülerinnen herauszuholen.

Staatsoperndirektor Dominique Meyer zeigte sich in der “ZIB 2” selbstkritisch: “Ich will nicht meine Verantwortung abstreiten – so ein Mensch bin ich nicht.” Er setze nun auf völlige Offenheit: “Ich will eine totale Aufklärung von allem, was in dieser Schule nicht stimmt.”

Schon vor zwei Jahren sei die im Zentrum der Vorwürfe stehende Ballettlehrerin mündlich wegen ihres Verhaltens verwarnt worden. “Es ist ein paar Monate besser gelaufen – dann ist sie in die gleichen Gewohnheiten zurückgekommen.” Daraufhin sei die schriftliche Verwarnung erfolgt. Nach abermaligem Fehlverhalten habe man dann die Kündigung ausgesprochen. “Ich mache mir selber Vorwürfe, dass ich das vielleicht schneller hätte machen müssen”, so Meyer. Die Lehrerin hätte immer sehr gute Ergebnisse erzielt, aber: “Ich bedauere, dass wir langsam agiert haben in dieser Geschichte.”

Zugleich stellte sich Meyer nach jetzigem Kenntnisstand explizit hinter die jetzige geschäftsführende Direktorin der Akademie, Simona Noja. Sie habe auf die Vorwürfe reagiert und etwa Fälle von Fehlernährung von Kindern aktiv angegangen und die Eltern kontaktiert: “Ich will nicht alle Probleme auf dem Rücken von Frau Noja abhandeln – das wäre nicht fair.” Meyer plädierte deshalb für Sachlichkeit in der Debatte: “In der Wortwahl dieser Materie wird vieles übertrieben.” Wenn man sich in der Ballettakademie bewege, sehe man hauptsächlich glückliche Kinder: “Man muss aufpassen, wenn man alles schwarz malt.”

Der “Falter” nennt bezüglich seiner Recherchen mehrere Quellen, darunter Jolantha Seyfried, unter Ioan Holender Leiterin der Ballettakademie. Sie beklagt eine “Sklavenmentalität”: “Die Kinder sind hier nur eine Ware, um die Oper zu bespielen.” Auch die einstige Ballerina Gabriele Haslinger konstatiert: “Die Eltern glauben, die Kinder in der Akademie in besten Händen zu wissen, aber das stimmt nicht.” Die ausgeschiedene Tanzlehrerin Sharon Booth beklagt “Erziehungsmethoden aus dem 19. Jahrhundert”. Neben Interviews beruft sich der “Falter” auch auf Chats und E-Mails von Betroffenen, die man eingesehen habe.

Die Liste der Mängel werde “Stück für Stück abgearbeitet”, heißt es aus der Staatsoper. Man kooperiere seit Monaten mit der Kinder- und Jugendanwaltschaft. “Wir wollen in allen Bereichen eine lückenlose Aufklärung”, so ein Staatsopernsprecher gegenüber der APA. Unter anderem sollen eine Ombudsstelle eingerichtet und die Pädagogen entsprechend geschult werden. Auch soll verpflichtend das Fach Body Awareness eingeführt werden.

“Die Schülerinnen und Schüler, die von physischen oder psychischen Übergriffen betroffen waren, haben jedenfalls unser volles Mitgefühl. Jegliche Form von Übergriffen, ob physischer oder psychischer Natur, Grobheiten, Respektlosigkeit und Missbrauch einer Machtposition sind inakzeptabel”, so die Staatsoper in einem der APA vorliegenden Statement.

Angesichts des Vorwurfs schwerer Missstände beauftragte Kulturminister Gernot Blümel (ÖVP) die Bundestheaterholding mit der Einrichtung einer Sonderkommission. “Ein Verhalten, wie das in den Vorwürfen angeprangerte, ist vollkommen inakzeptabel”, sagte Blümel in einem Statement gegenüber der APA.

Sobald er von den Vorwürfen erfahren habe, habe er Holding-Geschäftsführer Christian Kircher mit der Einrichtung des Gremiums beauftragt, welches die Vorwürfe restlos klären soll, so Blümel: “Holding-Chef Christian Kircher wird einen umfassenden Bericht inklusive aller getroffenen Maßnahmen, um so etwas auch in Zukunft zu verhindern, vorlegen.”

Von: apa

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