Ungeschönte Aufarbeitung der italienischen Südtirol-Politik

Schweres Schicksal: Marco Balzanos Südtirol-Roman “Ich bleibe hier”

Dienstag, 14. Juli 2020 | 11:25 Uhr

“Ich bleibe hier.” Für Bewohner des Vinschgauer Dorfs Graun ist diese Entscheidung zweimal in ihrem Leben schmerzhaft. Zunächst geht es um die “Option” für Deutschland oder das Verbleiben als Menschen zweiter Klasse im faschistischen Italien. Dann um die Frage wegzuziehen oder mitanzusehen, wie Dorf und Felder für ein Staudammprojekt geflutet werden. “Ich bleibe hier” heißt Marco Balzanos Roman.

Das prägnante Bild, das im 2017 erschienenen italienischen Original und nun auch bei der deutschen Übersetzung von Maja Pflug das Cover ziert, kennt jeder, der über den Reschenpass fährt. Der aus dem Reschensee ragende alte Kirchturm ist das Einzige, das daran erinnert, dass hier über viele Generationen Menschen lebten und arbeiteten, ehe ein Energiekonzern die Politik davon überzeugen konnte, dass Strom besser ist als Tradition, dass Energie für Tausende wichtiger ist als die Geschichte und die Gefühle einiger Hundert.

Der 1978 geborene Mailänder Marco Balzano, der an einem Gymnasium Literatur unterrichtet, gilt derzeit als einer der erfolgreichsten italienischen Autoren. Für seinen dritten Roman “Das Leben wartet nicht” gewann er den Premio Campiello, mit “Ich bleibe hier” war er für den Premio Strega nominiert. Dass von dem Buch in Italien über 100.000 Exemplare verkauft wurden, ist bemerkenswert. Denn es ist eine ungeschönte Aufarbeitung der italienischen Südtirol-Politik.

Im Mittelpunkt steht das Ehepaar Erich und Trina Hauser, ein Bauer und eine Lehrerin. Durch die Faschisten werden die deutschsprachigen Südtiroler in den 1930er-Jahren zunehmend unter Druck gesetzt. Viele aus dem Süden kommende Italiener werden im Norden angesiedelt, die Carabinieri agieren wie Besatzungssoldaten, der Deutschunterricht wird verboten und in “Katakombenschulen” trotz Androhung strenger Strafen weiter gehalten. Die Politik lastet schwer auf dem Leben der Menschen, das ohnedies karg und hart ist. Erich wird im Krieg eingezogen und kehrt mit einer Beinverwundung zurück. Was er an der Front erlebt hat, darüber schweigt er lieber. Eines ist sicher: Zurück in den Krieg wird er nicht mehr gehen. Ihr Sohn kann es – zum großen Ärger des Vaters – dagegen kaum erwarten, dass Deutschland auch südlich des Brenner das Sagen bekommt. Der junge Mann ist fanatischer Nazi.

Und da gibt es noch eine Tochter. Sie wandert mit Onkel und Tante ins Deutsche Reich aus. Bei Nacht und Nebel. Ohne, dass ihre Eltern davon eine Ahnung haben. An sie, deren Spur sich vollkommen verliert, richtet sich die Ich-Erzählerin Trina immer wieder direkt. Sie ist eine Leerstelle im Leben der Eltern, das immer härter wird und sie schließlich hoch in die Berge führt, auf der Flucht vor deutschen Soldaten, die nach Deserteuren suchen. Unter unvorstellbaren Umständen überleben Erich und Trina – und müssen nach dem Krieg erleben, dass das unter den Faschisten begonnene Staudammprojekt, das aufgrund des Kriegs zurückgestellt wurde, wieder aufgenommen wird. Ein neuer Kampf beginnt. Und wieder geht er verloren.

Marco Balzano findet für diese traurige Geschichte eine karge, die Emotionen eher abkühlende als unterstützende Sprache. Wo das Leben den Menschen derart dramatisch mitspielt, gibt es nichts zu dramatisieren. Gleichzeitig macht der Autor klar, wem seine Sympathien gehören: jenen, die sich selbst treu bleiben. Und er macht deprimierend deutlich, dass es keine ausgleichende Gerechtigkeit gibt. Erich stirbt bald, nachdem der Stausee geflutet wird, noch ehe die kärgliche Ersatzwohnung bezogen wird. “Er war nichts mehr von dem, was er sein wollte, und wenn du nichts mehr wiedererkennst, wirst du rasch lebensmüde.” Am Ende ist Trina alleine. Sie ist nicht weggezogen. “Im Sommer gehe ich oft hinunter und spaziere ein bisschen am Stausee entlang. Die Anlage liefert sehr wenig Energie. Es ist viel günstiger, den Strom bei den französischen Atomkraftwerken zu kaufen.”

Von: apa

Bezirk: Bozen, Vinschgau

Kommentare

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4 Kommentare auf "Schweres Schicksal: Marco Balzanos Südtirol-Roman “Ich bleibe hier”"


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Dublin
Dublin
Kinig
1 Monat 11 h

…was im Vinschger Oberland verbrochen wurde, ist eine unauslöschliche historische Schandtat, politisch, menschlich, ökonomisch, und ökologisch betrachtet…

Ars Vivendi
Ars Vivendi
Universalgelehrter
1 Monat 9 h

@Dublin..👍 bei einem Besuch des “neuen” Friedhofs von Graun sind mir dort sehr alte Metallkreuze aufgefallen. Ich fragte eine alte Dame, woher die stammen. Diese Alt-Graunerin erzählte mir die Geschichte der Zerstörung und des Untergangs ihrer Heimat, den sie als Kind miterleben musste. Einfach nur erschütternd und heute noch unfassbar.

Zugspitze947
Zugspitze947
Universalgelehrter
30 Tage 22 h

Ja auf diesem Friedhof war ich auch schon vor 10 Jahren und habe mir die Schicksale genau angesehen ! Es war eine Tragödie und bis 2011 wurde die ganze Bevölkerung auch noch um Ihren Anteil an den Stromeinnahmen betrogen. 🙁

ines
ines
Tratscher
30 Tage 19 h

Selbst nach 70 Jahren erschüttert mich die Geschichte der Seestauung im obersten Vinschgau ….  Wenn ich dort bin oder vorbeifahre, denke ich zuallererst an die Menschen, die ihre Heimat aufgrund der Habgier und Skrupellosigkeit eines Energiekonzerns verloren haben. 

Und die italienische Politik ist im Prinzip nicht viel besser geworden und zu abhängig sind wir von diesem Staat. 

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