Es haben sich nur wenige Filme empfohlen

Schwerfälliger Beginn des Wettbewerbs bei 68. Berlinale

Sonntag, 18. Februar 2018 | 15:35 Uhr

Der Beginn des Wettbewerbs der diesjährigen Berlinale erscheint etwas schwerfällig. Bis jetzt haben sich nur wenige Filme empfohlen, denen ein “Goldener Bär” zuzutrauen wäre. Es war allerdings schon bei früheren Berliner Filmfestspielen so, dass die Hits erst in der zweiten Hälfte des Festivals auftauchten.

Am Samstag wurden gleich drei Filme gezeigt, in denen es um Schriftsteller ging. Der russische Streifen “Dovlatov” beschreibt die bleierne Zeit Anfang der 1970er-Jahre des vorigen Jahrhunderts in der UdSSR, in der sich politisch nichts bewegte, auch nicht für den sich erfolglos mit seinen Werken anbietenden Autor Sergei Dovlatov. Die düstere Schwere über dem winterlichen Leningrad überträgt sich auch auf den mehr als zwei Stunden dauernden Film.

In “Transit” des deutschen Regisseurs Christian Petzold nach einem Roman von Anna Seghers will ein junger Mann mithilfe der Identität eines verstorbenen Schriftstellers den Nazis entkommen. In Marseille bleibt er jedoch, wie viele andere auf der Flucht, stecken. Petzold lässt die Geschichte aus dem Zweiten Weltkrieg im Frankreich von heute spielen. Doch was von modernen Operninszenierungen gewohnt ist, scheint im Film nicht recht zu funktionieren. Polizeirazzien und Angst vor Verfolgung kommen in einer Atmosphäre von Mittelmeerurlaub nicht nahe und schaffen eine eigenartige Bild-Handlungs-Schere. Die beiden nicht kompatiblen Zeitebenen irritieren und schaffen eine Spiel-im-Spiel-Atmosphäre.

Im Mittelpunkt von Benoit Jacquots “Eva” – vor sechs Jahren eröffnete der französische Regisseur mit “Leb wohl, meine Königin” die Berlinale – steht Isabelle Huppert, die eine Edelprostituierte verkörpert. Ein junger arroganter Schnösel auf der Suche nach einem Stoff für ein Theaterstück versucht vergeblich durch Gespräche mit ihr zu tragfähigen Bühnendialogen zu kommen. Ein zwar in sich stimmiger, aber nicht bewegender Film.

Nach der Pressevorführung des US-amerikanischen Wettbewerbs-Beitrags “Damsel” gab es sogar Buh-Rufe. Der Film zieht sich von jenem ersten Moment an, da ein junger Mann zur Zeit der Kolonisierung mit einem Pony und einem dubiosen Geistlichen in die Prärie aufbricht, um dort seine angeblich entführte Geliebte zu ehelichen. Für eine Western-Parodie ist der Streifen zu wenig originell, die Handlung trotz Leichen und Sprengsätzen kraftlos. Einzig die Naturaufnahmen wie aus der Tourismusbroschüre entschädigen für zwei Stunden Drücken des Kinosessels.

Wie ein historischer Film kompakt dargestellt werden kann, zeigt der außer Konkurrenz teilnehmende irisch-luxemburgische Beitrag “Black 47”, dessen Hauptfigur ein aus dem Afghanistan-Krieg Mitte des 19. Jahrhunderts in seine bitterarme Heimat zurückkehrender Ire ist, der zum Rächer seiner Familie an den britischen Kolonialherren wird. Die Darstellung birgt allerdings die Gefahr, dass sich die Zuschauer im Gefühl für Gerechtigkeit bald auf jeden nächsten blutigen Anschlag des Vergeltung suchenden Ex-Soldaten zu freuen beginnen.

Bis jetzt hat wohl der Eröffnungsfilm am meisten berührt. Das kommt selten bei der Berlinale vor. Darüber hinaus handelt es sich um einen Animationsfilm. In “Isle of Dogs” verbannt der Bürgermeister einer japanischen Stadt alle Hunde auf eine Insel, die als Mülldeponie verwendet wird. Sein 12-jähriger Pflegesohn macht sich auf den Weg die Hunde zu retten und ihnen wieder ihre Würde zu verschaffen. Der Streifen hat viele komische Momente, Filmzitate und versteckte politische Botschaften. Parallelen zu den Mechanismen von Deportation und Vernichtung der Juden durch die Nazis kommen in den Sinn, zu Machtmissbrauch und Desinformation unserer Tage. Mitunter gerät das US-amerikanische Märchen ein wenig rührselig, und die vermenschlichte Darstellung der Hunde lässt an das genau ein halbes Jahrhundert ältere Tier-Musical “Dr. Dolittle” denken.

Exotisch in Thema und Verortung ist “Las Herederas” über ein lesbisches Paar in Paraguay. Während eine der beiden wegen Überschuldung im Gefängnis einsitzt, lernt die andere eine jüngere Frau kennen und lebt neu auf. Durch die dunklen Räume des gemeinsamen Hauses stolzieren häufig gut situierte auf der Suche nach zum Verkauf stehendem Inventar. Damit ist der Film auch eine Parabel auf die immer prekärer werdende Situation der Mittelschicht.

Mit “La Priere” nimmt der Wettbewerb an Fahrt auf: Junge drogenabhängige Männer befinden sich auf Entzug in einem abgelegenen Haus in den französischen Alpen. Überraschend schnell finden die Junkies in der katholisch, nach strengen Regeln geführten Gemeinschaft zum Glauben, die dem benediktinischen Grundsatz “Bete und arbeite” folgt. Dabei kommt der Film, in dem Hanna Schygulla eine Nebenrolle als Oberin spielt, mitunter in gefährliche Nähe zu Bigotterie. Ein paar weniger von in Händen gedrehten Rosenkränzen würden der Handlung mehr Glaubwürdigkeit und Lebensnähe verleihen.

In der auf Sardinien spielenden italienischen Produktion “Figlia Mia” findet ein zehnjähriges Mädchen seine richtige Mutter. Ein starker Film um die plötzlich aufgewühlten Emotionen zwischen Mutter, Ziehmutter und Tochter.

Von: apa